Autoklau in Spanien: "Ein Gefühl der Angst" - DER SPIEGEL
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Autoklau in Spanien "Ein Gefühl der Angst"

Spanien-Urlauberin Ulla Schmidt ist nicht die einzige, die an den Stränden der Costa Blanca ihrer Limousine verlustig ging. Im Feriendomizil der Gesundheitsministerin steigen die Diebstahlsdelikte stetig, Touristen und Einheimische sehen sich und ihr Eigentum bedroht.
Von Simone Utler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Viele rote Stecknadelköpfe drängen sich auf dem Stadtplan von Dénia, der an einer Wand der kleinen Polizeistation im Hafen des Ortes hängt. Jede Nadel markiert eine Straße, in der Diebe in letzter Zeit zugeschlagen haben - vor allem in den Vierteln südöstlich des Stadtzentrums, in dieser Gegend haben viele Ausländer ihre Feriendomizile oder Wohnsitze.

Eine Nadel steht für den Mercedes der deutschen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), der in der Nacht auf den 22. Juli gestohlen wurde, in einer gehobenen Wohngegend an den Hügeln von Dénia. In dem Viertel La Pedrera stehen gelbe und weiße Villen im typisch spanischen Stil, mit Meerblick, Pools, geschwungenen schwarzen Eisentoren und Mauern oder Oleanderhecken zum Schutz vor neugierigen Blicken. Es ist eine ruhige und anscheinend friedliche Wohngegend - doch nachts kommen die Ganoven.

Die Diebe, die Schmidts Mercedes mitgehen ließen, drangen laut Polizei durch die offene Hintertür in die Wohnung des Fahrers ein und stahlen einen Fotoapparat, eine Uhr, Kreditkarten, rund 200 Euro Bargeld und den Schlüssel für den inzwischen wohl bekanntesten Dienstwagen Deutschlands.

Das ist noch nicht alles, vermuten die Ermittler. In dieser Nacht stiegen - vermutlich dieselben - Täter in ein noch prächtigeres Haus ein, nur rund 100 Meter weiter die kleine Schotterstraße hinunter, und erbeuteten rund 1000 Euro. Auch dort stand die Tür offen. Die Diebe versuchten auch dort, das in der Einfahrt stehende Auto aufzubrechen. Gleich am nächsten Tag wurde in Dénia ein Porsche Cayenne gestohlen.

Die Deutsche Elke Bullmann, die seit 25 Jahren in Dénia lebt, registriert diese Bilanz mit wachsamem Blick: "Es wird hier wahnsinnig viel eingebrochen", sagt sie. Erst vor kurzem sei ihrem Sohn vor dem Haus der BMW geklaut worden. In den vergangenen zwei Jahren seien allein in der Nachbarschaft sechs Autos gestohlen, vor rund zwei Monaten in einer Nacht in vier Häuser eingebrochen worden. Die Diebe ließen Wertgegenstände und ein Auto mitgehen. "Auch meine Garage war am nächsten Morgen offen", sagt Bullmann. Zu ihrem Glück sei der Porsche, der darin steht, gerade nicht fahrtüchtig.

Autoschieber-Banden und Gelegenheitsdiebe

Horst Glöde, der seit 1983 in Dénia lebt, kämpft im Rathaus gegen die Kriminalität. Der ehemalige Polizist aus Berlin, der ein kleines Lokal in Strandnähe besitzt und seit Jahrzehnten den Deutschen vor Ort hilft, wurde 1999 als erster Ausländer in den Stadtrat gewählt. Er fordert eine stärkere Polizeipräsenz für Dénia. "Wir haben hier rund 45.000 gemeldete Einwohner, in Wirklichkeit sind es aber fast 60.000 und im Sommer werden es mit all den Touristen sogar 150.000." Die Polizei hingegen werde in der Hauptsaison nicht aufgestockt, und auch das restliche Jahr seien nur rund 80 Prozent der Stellen besetzt. "Wenn mal drei Streifenwagen durch die Stadt fahren, ist das schon viel", so Glöde.

In den vergangenen zwei Jahren habe die Kriminalität zugenommen. "Es gibt ein Gefühl der Unsicherheit und Angst", sagt Glöde. Seinen Angaben zufolge sind 80 bis 90 Prozent der Delikte an der Küste Einbruchdiebstähle. "Meistens schlafen die Opfer, wenn die Diebe in die Wohnung einbrechen."

Dass die Einbrecher ihre Opfer narkotisieren, wie es laut deutschem Ministerium bei Schmidts Fahrer der Fall gewesen sein soll, sei sehr selten. "Das ist eine Masche, die früher eingesetzt wurde", sagt der Stadtrat. Wenn die Hausbesitzer von den Dieben im Schlaf überrascht würden, sähen sie sich inzwischen massiverer Gewalt ausgesetzt. So hätten Einbrecher oftmals Messer und Pistolen dabei.

Glöde hat einen guten Draht zu den lokalen Ermittlern und springt manchmal als Dolmetscher ein, wenn ein Deutscher Probleme hat. Er war auch dabei, als der Fahrer von Ulla Schmidt den Diebstahl der Limousine anzeigte und die Beamten den Tatort untersuchten.

Laut Glöde gibt es zwei Kategorien von Einbrechern: Einerseits sind es organisierte Autoschieber, die es gezielt auf Luxuskarossen wie Porsche, Mercedes oder BMW abgesehen haben. Die Banden beobachten die Autos tagsüber, folgen ihnen dann und steigen gezielt in die entsprechenden Häuser ein. Die Täter wechseln umgehend die Nummernschilder und fahren mit ihrer Beute in andere Länder. "Die handeln im Auftrag und die gestohlenen Wagen sind meist unauffindbar", so Glöde.

Die zweite Kategorie sind Diebe, die in Häuser einsteigen und einfach mitnehmen, was sie kriegen können; Geld, Kreditkarten, Kameras. "Und wenn sie einen Autoschlüssel finden, nehmen sie den Wagen als Fluchtfahrzeug. Diese Autos werden dann meist in den nächsten Tagen 20 bis 30 Kilometer entfernt wieder gefunden", sagt der Stadtrat.

Dies war offenbar bei Ulla Schmidts Limousine der Fall: Die S-Klasse wurde eine Woche nach dem Diebstahl auf einem Parkplatz in der rund 20 Kilometer nördlich von Dénia gelegenen Stadt Oliva geortet.

"Nicht viele und nicht wenige Autodiebstähle"

Behörden wollen offiziell nicht von einem Problem sprechen. "Das sind nicht viele und nicht wenige Autodiebstähle", sagt die Sprecherin der Policía Nacional in der Provinzhautstadt Alicante, Ambrosia Royo. Die Zahlen seien nicht besorgniserregend. Aber: "Im Sommer, wenn die Urlauber hier sind und ihre Fenster nachts zum Lüften offen stehen lassen, kommen die Einbrecher schnell rein."

In der Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2007 lag die Region Valencia, zu der der nördliche Abschnitt der Costa Blanca mit Dénia gehört, mit 32,4 Delikten pro 1000 Einwohner auf Platz zwei - das größte Kriminalitätsproblem hatten demnach die Balearen mit 43,27 Verbrechen. Es folgten Katalonien mit 31,2 und Madrid mit 28,53 Delikten pro 1000 Menschen. Andalusien brachte es auf 23,79 und die Region Murcia, zu der der südliche Teil der Costa Blanca zählt, auf 21,57.

Im März dieses Jahres lobte der Regierungsvertreter für die Region Valencia, Ricardo Peralta, die Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2008 sei die beste seit 2001. Bereits im Februar hatte er erklärt, die Kriminalität in der Region - inklusive kleinerer Gesetzesverstöße - sei gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent zurückgegangen. Negativ falle allerdings die deutliche Zunahme von Organisierter Kriminalität auf - hier sei die Zahl der Verhaftungen um 50 Prozent gestiegen.

Spanische Behörden tun sich mit der Herausgabe genauerer Zahlen von Einbrüchen und Autodiebstählen schwer. Unter der Hand erfährt man, dass zwischen Oktober 2008 und April 2009 rund 120 Häuser in Dénia ausgeraubt wurden. Seit Anfang des Jahres seien mehrere Banden gefasst worden, die Täter stammten überwiegend aus Osteuropa.

Das Innenministerium in Madrid veröffentlicht keine detaillierten Zahlen. Der Kriminalitätsstatistik zufolge ging der Autoklau seit 2001 in Spanien kontinuierlich zurück. 2008 wurden 0,23 Prozent der gemeldeten Wagen gestohlen, gegenüber 0,28 Prozent im Vorjahr und 0,59 Prozent in 2001. Allerdings sind im Ausland registrierte Wagen, die ja meist die Objekte der Begierde sind, in dieser Statistik nicht eingeschlossen.

Im Hinblick auf Raubdelikte sieht die Statistik nicht ganz so rosig aus: Fälle von Raub unter Einsatz von Gewalt nahmen 2008 leicht zu, Delikte mit Gewalt gegen Menschen sogar deutlich. Auf 10.000 Einwohner kamen im vergangenen Jahr 37,1 gewaltsame Raubüberfälle, während es 2007 noch 33,2 gewesen waren.

Pangel Albi, der Nachrichtenchef von Radio Dénia, erzählt, wie ein befreundeter Restaurantbesitzer vor einigen Monaten überfallen wurde: "Er wurde mitten in der Nacht wach, sah einen Schatten und kann sich ab da an nichts erinnern." Sein Bekannter gehe davon aus, dass er betäubt worden sei, die Polizei aber sage, es sei kein Gas im Einsatz gewesen, so der Journalist.

Albi, der seit 26 Jahren in Dénia recherchiert, will seit rund fünf Jahren einen Anstieg bei Raub und Diebstahl erkennen, vor allem an der Küste, aber nicht nur in und um Dénia, sondern auch in Andalusien und Katalonien. "Nach meiner Ansicht hat Spanien ein Sicherheitsproblem", so Albi.