Babyleiche in Eisschrank "Das Mädchen lebte noch"
Hamburg - Als "Tor zum Schwarzwald" preist sich im Netz das Nest Horb am Neckar. Man lobt die "malerische Altstadt", ein Gewerbegebiet mit dem schönen Namen "Heiligenfeld" und die alljährlichen Ritterspiele, die vor "einer der schönsten Stadtkulissen Deutschlands" in 16 Tagen wieder beginnen. Zurzeit liefen noch die "Seniorenwochen", ist zu lesen.
Und mitten in diese genau 11.980 Hektar großen Idylle der 25.792 Horber und ihrer etwa 270 Vereine platzt am Mittwochvormittag die Nachricht, dass auch hier, im schwäbischen Nirgendwo, geschehen ist, was so viele Menschen in Deutschland immer wieder aufs Neue mit Unverständnis und Entsetzen erfüllt. Schon wieder soll eine Mutter ihr Neugeborenes getötet haben.
Nach allem, was man bislang weiß und die Ermittler sagen, legte die 20-Jährige kurz nach der Geburt vor drei oder vier Wochen ihre Tochter in einen Gefrierschrank. Sie sei der Meinung gewesen, das Baby sei tot, sagte Polizeisprecher Werner Hering SPIEGEL ONLINE. Das Kind habe sich ihren Angaben zufolge nicht bewegt und nicht geschrien. Etwa 20 bis 30 Minuten nach der Niederkunft habe sie das Mädchen daher in eine Plastiktüte gepackt und in das unterste Fach des Gefrierschranks gelegt. "Die Obduktion ergab jedoch, dass der Säugling in diesem Moment noch gelebt hat", so Hering.
"Wie kann eine Mutter so etwas tun?"
Darüber, ob das Neugeborene durch die Kälte gestorben oder in dem Gerät erstickt ist, sollen nach Angaben des Leitenden Staatsanwalts Albrecht Foth feingewebliche Untersuchungen Aufschluss geben. Anzeichen dafür, dass die Beschuldigte weitere Kinder zur Welt gebracht hat, gebe es bisher nicht. Nach den Vernehmungen der aus der Schweiz stammenden 20-Jährigen, die seit etwa einem Jahr in Deutschland lebt, sei dies auszuschließen, sagte Foth.
"Wie kann eine Mutter so etwas tun", empörte sich eine Nutzerin namens "Karin" auf der Internetseite des "Schwarzwälder Boten". In neun erbosten Zeilen verlieh die Frau, die selbst "sehr jung Mutter geworden" sei, ihrem Unverständnis Ausdruck: "Wenn Sie wirklich gedacht hat, das Baby sei tot, warum legt sie es dann in die Gefriere?", lautet ihre entscheidende Frage. Vielleicht kann noch nicht einmal die mutmaßliche Täterin sie schlüssig beantworten.
Die Frau lebte laut Polizei mit ihrem Verlobten zusammen im elterlichen Haus des Mannes in Horb. Sie arbeitete als Handwerkerin, auch ihr etwa zehn Jahre älterer Partner sei berufstätig, hieß es.
Eine furchtbare Entdeckung
Am Sonntagmorgen hatte die Mutter des Mannes - sie wollte Lebensmittel im Gefrierschrank verstauen - den Körper ihrer Enkeltochter entdeckt. Sie stellte die 20-Jährige daraufhin zur Rede. Um 11.05 Uhr zeigte sich die junge Frau dann im Beisein ihres Verlobten und dessen Mutter auf dem Horber Polizeirevier selbst an.
Sowohl die Beschuldigte als auch ihre Angehörigen und Kollegen gaben den Ermittlern zufolge an, von der voll ausgetragenen Schwangerschaft nichts bemerkt zu haben. Die Frau von normaler Statur habe es möglicherweise "verdrängt", dass sie schwanger war, sagte Polizeisprecher Hering. Ersten Einschätzungen der Beamten zufolge wollte das Paar noch kein Kind. Nach der Geburt ging die Frau weiterhin arbeiten.
"Obwohl das auch eine Schutzbehauptung sein kann, gibt es Fälle eines sogenannten Verdrängungssyndroms", sagte der Karlsruher Gynäkologe und Leitende Oberarzt am Diakonissen- Krankenhaus, Matthias Zedelius. Hierbei werde im Kopf alles ausgeblendet. Etwaige Bewegungen des ungeborenen Kindes im Bauch würden als Folgen von Blähungen gedeutet. "Es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf", erklärt der Mediziner. Dass aber der Verlobte und seine Mutter von der "verdrängten" Schwangerschaft nichts mitbekommen haben wollen, verwundert den Karlsruher Gynäkologen.
Die Ermittler wollten zunächst keine Einschätzung abgeben, ob die Angaben der Frau stichhaltig sind. Gegen die 20-Jährige wurde am Dienstag Haftbefehl wegen des Verdachts des Totschlags erlassen. Sie befindet sich seither in einem Landesvollzugskrankenhaus in Untersuchungshaft.
"Das ist doch alles nicht mehr normal!"
Der Fall erinnert an eine 44-jährige Mutter aus dem sauerländischen Wenden, die drei ihrer Kinder kurz nach der Geburt getötet und über viele Jahre hinweg in einer Tiefkühltruhe im Keller versteckt haben soll. Die Leichen der Babys waren Anfang Mai entdeckt worden - in etwa zu dem Zeitpunkt, als die 20-Jährige ihre Tochter gebar.
Polizeisprecher Hering schloss nicht aus, dass die Beschuldigte möglicherweise durch die Berichterstattung über den Fund in Wenden veranlasst wurde, ihr Kind ebenfalls in einen Eisschrank zu legen.
Eine 68 Jahre alte Rentnerin, die in der Nachbarschaft lebt, zeigte sich erschüttert von der Nachricht. "Was ist nur mit unserem Land los? Fast alle zwei Wochen steht etwas über neue Kindstötungen in der Presse. Das ist doch alles nicht mehr normal." Die verhaftete Mutter bezeichnete sie als unauffällig. Eine Schwangerschaft sei ihr - zumindest aus der Distanz - nicht aufgefallen.
mit Material von dpa und ddp