Berlin: JVA Plötzensee wird nach Ausbrüchen überprüft - DER SPIEGEL
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JVA Plötzensee in Berlin Tage der offenen Tür

Neun Gefangene entkamen in kurzer Zeit aus der JVA Plötzensee. Nun sollen die Sicherheitsvorkehrungen überprüft werden. Das Gefängnis müsste saniert werden, es fehlt an Personal - wie in vielen deutschen Haftanstalten auch.
Gefängnis Plötzensee (Archiv)
Gefängnis Plötzensee (Archiv)

Gefängnis Plötzensee (Archiv)

Foto: Paul Zinken/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man erreicht den Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Justiz in der Kantine, bei einem Schnitzel. Sein Telefon steht in diesen Tagen nicht still, kein Wunder: Seit vergangener Woche verstärkt sich der Eindruck, dass in der JVA Plötzensee etwas nicht stimmt. Insgesamt neun Häftlinge entkamen aus dem Gefängnis.

Es begann am Donnerstag mit einer filmreifen Flucht. Vier Häftlinge traten am Morgen ihren Dienst in der Werkstatt des Gefängnisses an. Mit ihnen waren 17 Gefangene vor Ort; außerdem drei Vollzugsbeamte. Die vier Häftlinge gelangten in den Heizungsraum der Anstalt, der eigentlich abgeschlossen sein sollte. Dort zerschlugen sie einen Betonpfosten zwischen Lüftungsschlitzen und durchtrennten den vom Beton freigelegten Stahl mit einer Flex.

Durch die enge Öffnung zwängten sie sich ins Freie und krochen unter dem Außenzaun der Justizvollzugsanstalt hindurch in die Freiheit. Eine Kamera filmte sie dabei, trotzdem wurde erst knapp 45 Minuten später Alarm ausgelöst.

Im Video: so flohen die Gefangenen aus der JVA

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Der Fall wirft Fragen auf, zumal es nicht bei den vier Ausbrechern blieb. Weitere Häftlinge verschwanden in den vergangenen Tagen. Einer hat sich mittlerweile gestellt, einen weiteren nahm die Polizei fest. Wie konnte es zu dieser Häufung kommen?

"Das ist keine Häufung", sagt Sebastian Brux, Sprecher der Senatsverwaltung für Justiz. "Nur eine stärkere Wahrnehmung." In der Debatte würden die verschiedenen Vollzugsformen vermischt.

Gitter herausgerüttelt

Wie die Senatsverwaltung nun bekannt gegeben hat, sind - neben dem Ausbruch des Quartetts aus dem geschlossenen Vollzug - seit 28.Dezember 2017 fünf Männer aus dem offenen Vollzug verschwunden. Bekannt waren bis heute nur drei Fälle. Bei allen handelt es sich um Männer mit Ersatzfreiheitsstrafen - sie sitzen also im Gefängnis, weil sie eine Geldstrafe nicht zahlen konnten. Es handelt sich um Schwarzfahrer oder Diebe.

Die letzten beiden Fälle ereigneten sich am Neujahrsmorgen. Da wurde bemerkt, dass zwei Männer fehlen. In der Zelle eines Mithäftlings hatten sie das Gitter vor dem Fenster herausgerüttelt, wie Brux es nannte. Danach waren sie geflohen. Eine aberwitzige Aktion: Als Freigänger müssen sie ohnehin nur nachts im Gefängnis bleiben.

Denn im offenen Vollzug ist die Bewegungsfreiheit größer, der Senatsverwaltung zufolge gibt es dort keine oder nur geringe Vorkehrungen gegen Ausbrüche. Die Straftäter dürfen das Gefängnis tagsüber verlassen. Doch immer wieder nutzen Häftlinge in Berlin die Freiheit, um abzuhauen: die Zahlen schwanken seit 2010 zwischen zehn und 43 geflohenen Häftlingen pro Jahr.

Die Kamera filmte, aber niemand sah hin

Doch auch im geschlossenen Teil der JVA scheint es Probleme zu geben. Wie konnten vier Männer in den Heizungsraum gelangen, der abgeschlossen sein sollte? Die Senatsverwaltung weiß darauf immer noch keine Antwort. Dass eine Kamera den Ausbruch filmte, aber trotzdem niemand hinsah, ist ebenfalls seltsam.

Laut Senatsverwaltung ist das Gerät "nicht detektiert". Das heißt: Bei Bewegung wird kein Alarm ausgelöst. Bei Gefängnissen der mittleren Sicherheitsstufe würden nur bestimmte Bereiche mit detektierten Kameras gefilmt. Außerdem, so Sprecher Brux, säßen im Überwachungsraum zwei JVA-Beamte vor 25 Monitoren, die abwechselnd Bilder von 50 Kameras zeigten. Sie hätten den Ausbruch nicht gesehen.

Und der Zaun? Warum konnten die Männer dort einfach hindurchkriechen? Brux zufolge dient der dem Schutz der Anlage nach außen, etwa vor Graffiti.

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Gefängnisausbruch in Berlin: Mit Flex und Hammer

Foto: imago/ Jürgen Ritter

Justizsenator Dirk Behrendt (Die Grünen) geriet angesichts der Fälle unter Druck. Die Berliner Opposition aus CDU, AfD und FDP fordert seinen Rücktritt. Auch ein Abgeordneter des Koalitionspartners SPD twitterte ungewöhnlich deutlich: "Rekord. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator".

In einem Statement schrieb er über die Ausbrüche: "Ich bedauere das." Alle Sicherheitsvorkehrungen der JVA kämen nun auf den Prüfstand. Außerdem soll das Personal verstärkt werden. Eine Kommission mit Sicherheitsexperten solle die Schwachstellen analysieren.

Plötzensee gehört zu den älteren Haftanstalten in Berlin. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von 400 bis 500 Millionen Euro bei den Gefängnissen in der Hauptstadt. Außerdem fehle Personal. "Sogenannte innere Sicherheitsrunden werden in den verschiedenen Anstalten gar nicht mehr gelaufen", sagt der Landesverbands-Chef Thomas Goiny im RBB-Inforadio.

Für Goinys Kollegen René Müller stehen die Fälle des Gefängnisses in Plötzensee symbolisch für die Probleme im System. Er ist Vorsitzender des Bunds der Strafvollzugsbediensteten. Müller kritisiert, dass es gerade in den Gefängnissen deutscher Metropolen zu wenig Personal gebe; die Technik sei veraltet und die Bausubstanz marode. "Das was in Plötzensee passiert ist, könnte auch in anderen Justizvollzugsanstalten vorkommen", sagt er.


Anmerkung: In einer früheren Fassung war der Sanierungsbedarf der JVA Plötzensee falsch beziffert. Wir haben den Fehler korrigiert.

Mit Material von dpa