Berliner Amoklauf Messerspiele auf dem Schulhof
Hamburg - Bis vor zwei Monaten ging Mike P., der am Freitagabend während der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs 36 Menschen niedergestochen hatte, auf die Johann-Thienemann-Hauptschule im Berliner Stadtteil Lankwitz. Dort sollte er von Sozialarbeitern betreut werden, heißt es. Dann aber erwischte ihn Schuldirektor Olaf Garcke mit einem Butterfly-Messer, berichtet ein früherer Mitschüler SPIEGEL TV: "Wir haben nur noch gehört, dass er von der Schule geflogen ist."
Direktor Garcke wiederum zeichnet das Bild eines Jungen voller Widersprüche. "Es ist ein trauriger Fall", so der Schulleiter. Zwar sei der 16-Jährige ein Scheidungskind, das aber gelte für viele seiner Schüler. "Er kam aus geordneten Verhältnissen und lebte mit seinem Vater in einer vernünftigen, ausreichend großen Wohnung." Der Jugendliche müsse "zwei Gesichter" haben. Nur so könne er sich die Tat erklären, sagte der Direktor. Das zweite, das brutale, habe sich möglicherweise unter dem Einfluss von Alkohol am vergangenen Freitag gezeigt.
Meldungen zufolge war der Jugendliche schon in der Grundschule durch Schulschwänzen, Schlägereien und Rangeleien mit Mitschülern aufgefallen. Bevor er die Hauptschule in Lankwitz besuchte, war er in Zehlendorf zur Schule gegangen. Doch auch dort war er geflogen - wegen einer eingeworfenen Fensterscheibe. Zudem hatte er gestohlen und Lehrer beleidigt. Innensenator Erhard Körting (SPD) aber betont: Die beiden Vorstrafen, die eine wegen Körperverletzung, die andere wegen Sachbeschädigung, seien nichts, was einen solchen Exzess erwarten ließen.
Unterdessen wies Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch die Kritik an dem Polizeieinsatz zurück. Zudem zeigte er sich erleichtert, dass es keine Toten gab. "Das Sicherheitskonzept der Polizei hat gegriffen", sagte Glietsch. Der Täter sei nach 16 Minuten festgenommen worden.
Nachdem bei dem Amoklauf auch ein HIV-Infizierter verletzt worden war, meldeten sich bis heute Nachmittag 75 Menschen. Diese ließen sich über eine eventuelle Ansteckung beraten. "37 Personen werden sich bei uns in den nächsten vier Wochen einer prophylaktischen medizinischen Maßnahme unterziehen", sagte eine Charité-Sprecherin. Nach sechs Wochen werde das Blut erstmals auf möglicherweise vorhandene HI-Viren untersucht. Bei einer rechtzeitigen Einnahme eines Viren hemmenden Medikamentes könne die Infektion mit dem Aidsvirus verhindert werden.
aki/dpa