Bluttat von Tessin Ein Dorf in Schockstarre
Tessin - Das kleine Tessin im Westen Mecklenburgs hat durch die Nacht des 13. Januar 2007 traurige Berühmtheit erlangt. Von dem Schock hat sich das 200-Seelen-Dorf mit zwei Straßen und einer Bushaltestelle noch immer nicht erholt. "Hier kennt jeder jeden. Dass einer aus dieser Mitte ausschert und grundlos tötet - so etwas vergisst man nicht!", sagt ein Bewohner gereizt, verweigert die Auskunft nach seinem Namen und schiebt entschuldigend nach: "Es ist hier nichts mehr so wie es war. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Das Leben ist ein völlig anderes, das kann sich niemand von außen vorstellen. Wenn man wenigstens wüsste, was die geritten hat!"
Besonders das Leben von Jeannette und Kally D. hat sich grundlegend verändert: Ihr Sohn Felix hat mit seinem Freund Torben B. das Leben zweier Menschen ausgelöscht. Das Entsetzen, die Trauer haben den Eltern die Lebensfreude geraubt. Obwohl sich die Dorfgemeinschaft bemühte, sie und Felix' jüngere Schwester aufzufangen, wirkten sie bedrückt, erzählt Gertrud Geistlinger, seit dreizehn Jahren ehrenamtliche Bürgermeisterin. "Die Vergangenheit holt uns alle immer wieder ein. Wie sollen sich da erst die Angehörigen fühlen?" Felix' Eltern waren engagierte Leute. Er spielte in einer Band, ging mit seinem Bruder auf Tournee. Sie unterhielt ein kleines Marionettentheater. Auf das Ehepaar, das in den Neunzigern aus Lüneburg in das kopfsteingepflasterte, fast romantische Tessin mit dem kleinen Dorfteich zog, war Verlass, wenn es im Ort etwas zu organisieren gab.
Seit der Katastrophe verkriechen sie sich in ihrem Haus am Dorfrand. Auf den Fensterbrettern drängeln sich die Blumentöpfe, die Vorhänge sind zugezogen. Dass ihr Sohn, ein kluger, ebenfalls engagierter Gymnasiast, zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, fällt schwer zu verstehen. Dennoch begleiten sie ihn, wenn morgen der Prozess gegen ihn und seinen Freund Torben vor der Jugendkammer des Landgerichts Schwerin beginnt.
Felix D. und Torben B. haben den Doppelmord gestanden
Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden 17-Jährigen zweifachen Mord, Geiselnahme und Diebstahl vor. "Die Kammer hat die Anklage verschärft: Statt Diebstahl komme auch eine Verurteilung wegen Raubes mit Todesfolge in Betracht", sagt Richter Detlef Baalcke, Sprecher des Landgerichts.
Beide Schüler haben das Unfassbare gestanden: Felix und Torben knebeln und fesseln ihre Freundin Eyleen, sperren die 15-Jährige in einen Schuppen. Dann klingeln sie an der Haustüre ihres Freundes Florian E. in der Dorfstraße 22 - jeder bewaffnet mit zwei Messern. Florians Vater Peter öffnet die Tür. Sie zwingen ihn auf die Knie, der 46-Jährige wehrt sich. Kaltblütig, ohne Vorwarnung, metzeln sie den Fensterbauer mit 66 Messerstichen nieder.
Dann stürzen sie sich auf Florians Mutter Antje. Wie von Sinnen stechen sie auf die 41-Jährige ein. Das Gesicht zerfetzen sie bis zur Unkenntlichkeit. Anschließend befreien sie Eyleen von ihren Fesseln, zerren das Mädchen ins Haus und zeigen ihr die beiden blutüberströmten Opfer.
Florian gelingt es, sich zu verbarrikadieren. Der 16-Jährige alarmiert die Polizei. Um 22.09 Uhr geht bei der Rettungsleitstelle in Schwerin der Notruf ein. Felix und Torben klauen den verrosteten, weißen VW Polo der Familie E., brettern mit ihm über die gegenüberliegende Koppel. Sie durchbrechen zwei weißgetünchte Holzzäune, krachen schließlich in den schwarzen Ford Fiesta eines Nachbarn.
Als sie von der Polizei umstellt sind, nehmen sie Eyleen als Geisel. Eine Stunde benötigen die Beamten, um die beiden 17-Jährigen zur Aufgabe zu überreden. Dann werfen die Teenager ihre Messer aus dem Autofenster, lassen sich widerstandslos festnehmen. Noch in der Nacht gestehen sie, Peter und Antje E. getötet zu haben.
Doch ihr Motiv bleibt ein Rätsel den Ermittlern, ihren Familien, ihren Freunden. "Vermutungen, dass Gewaltvideos oder Videospiele Auslöser für die Tat waren, haben sich nicht bestätigt", so Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick.
Auffällig bei dem zweifachen Mord ist die besondere Brutalität. Als sie Eyleen ihre blutüberströmten Opfer präsentierten, soll Felix laut Anklage der sterbenden Antje E. noch einmal gegen den Kopf getreten und abermals auf diesen eingestochen haben.
Was die Täter zu ihrem Motiv sagen, klingt unrealistisch
Die Staatsanwaltschaft hält den Wunsch, Macht auszuüben für bestimmend und geht von niederen Beweggründen aus, erklärt Baalcke. Außerdem hätten Felix und Torben das Auto der Familie E. und Lebensmittel stehlen wollen. Die Anklage laute daher auf Mord. Der Haftbefehl hatte bei der Festnahme auf Totschlag gelautet.
Die Angaben der Täter, was sie zu dem Doppelmord bewogen habe, klangen bisher unrealistisch und frei erfunden. Von "Schule abbrechen", "in Japan ein neues Leben beginnen" ist die Rede. Ihre Geisel erzählte in einem Fernsehinterview, Felix und Torben hätten nach der Tat darüber gesprochen, "dass es mal ganz interessant ist, zu wissen, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten. Und dass es gar nicht so ein schwieriges, schlimmes Gefühl ist".
Das Bild der Schüler und der Täter - es passt nicht zusammen
Gibt es einen anderen Grund, warum die beiden Schüler zu Messern griffen und wie im Blutrausch mordeten? Darauf hat keiner in ihrem Umfeld eine Antwort. Felix und Torben stammen aus offenbar intakten Familien. In der Schule galten sie als couragiert, hilfsbereit alles andere als jähzornig oder aggressiv. Sie waren sehr gute Schüler, ehrgeizig und freundlich, hatten Freunde. An Saufabenden nahmen sie nicht teil. Ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes Gutachten erklärt sie als schuldfähig. Das Bild der Jungen passt in keinster Weise mit dem der beiden brutalen Täter zusammen.
Ihre Lehrer verlieren kein schlechtes Wort über die beiden Elftklässler. Wolfgang Albrecht, stellvertretender Direktor am Boizenburger Elbe-Gymnasium, das die beiden besuchten, lobt ihren sozialen Einsatz, ihr Engagement an der Schule. Es macht das Unfassbare noch unbegreiflicher. Auch für die Lehrer und Schüler.
Die Tat sei noch lange nicht vergessen, nach wie vor kümmerten sich Schulpsychologen und ein Pfarrer um Schüler und Lehrer, sagt Direktor Norbert Stern. "Wir tun alles für die Kinder, was in unserer Macht steht. Die Fassungslosigkeit aber bleibt nach wie vor. Es ist nicht einfach, für keinen." An dem Gymnasium werden auch die Schwestern der beiden Täter unterrichtet - und Eyleen.
Täter und Opfer - sie kennen sich ein Leben lang
Zurück bleibt Florian, der Sohn des ermordeten Ehepaars. Florian und Felix - Opfer und Täter - kannten sich ihr Leben lang, haben oft zusammen gespielt. Jeden Morgen nahmen sie zusammen den Schulbus ins neun Kilometer entfernte Boizenburg. Dort trennten sich die Wege der beiden: Während Felix ins Elbe-Gymnasium ging, besuchte Florian die Förderschule. Auch Torben, der aus dem nahe gelegenen Gülze stammt, kannte Florian, sah ihn, wenn er seinen Schulfreund Felix in Tessin besuchte.
Die Tessiner erhoffen sich von dem Prozess neue Erkenntnisse, was das Motiv für die Tat angeht und eine Rückkehr in alte Zeiten. "Am liebsten würden wir hier die Uhren zurückdrehen", sagt eine Nachbarin von Felix Eltern und schüttelt verständnislos den Kopf. "Vielleicht hilft es, wenn wir endlich die Gründe kennen, warum sie der Familie E., ihren eigenen Familien, aber auch uns das angetan haben."
Viel erfahren werden sie vorerst nicht. Die Öffentlichkeit ist von der Verhandlung ausgeschlossen. Bis zum Urteil sollen keine Details bekannt werden. Die beiden Verteidiger äußerten sich bisher nicht zu dem Fall. Rechtsanwalt Johann Schwenn, der Felix D. vertritt, vertrat bisher Prominente wie Jan Ullrich und Jan Philipp Reemtsma.
Wo einst Blumen und Kerzen für die Opfer standen, erinnert heute nichts mehr an den 13. Januar. Das sanierte Einfamilienhaus der Familie E. steht unverändert da. Die Voliere, aus der die vielen Papageien die Stille nach der Tat durchbrachen, ist abgebaut. Um den Garten kümmern sich Angehörige. Ab und zu kommt auch Florian in sein Elternhaus. Der 16-Jährige lebt jetzt bei seiner Großmutter im 20 Kilometer entfernten Neuhaus. Dort liegen auch seine Eltern begraben.
Mit Eyleen und seiner Tante ist Florian E. Nebenkläger im Prozess.