Anschlag in Italien Bombe gegen Schüler
Anschlag in Italien: Bombe gegen Schüler
Foto: AP/ SKY TG24Hamburg - Es war gegen Viertel vor acht, der Unterricht hatte noch nicht begonnen, die Schüler der "Francesca-Morvillo-Falcone"-Schule an der Via Giuseppe Maria Galanti waren auf dem Weg in die Klassen, der letzte Tag, dann war die Woche geschafft. Plötzlich gab es einen atemberaubenden Knall, Menschen und Gegenstände wirbelten durch die Luft, Schulbücher, Hefte, Stifte. Scheiben gingen zu Bruch.
Jemand hatte drei miteinander verbundene Gasflaschen in Rucksäcken versteckt, sie mit einem Zünder versehen und vermutlich auf der kleinen Mauer deponiert, die das Gelände der Schule umgab. Wer, das ist auch Stunden nach der Katastrophe noch völlig unklar. Italien rätselt, doch eine Antwort hat das Land bislang nicht gefunden.
Eine Schülerin befand sich in unmittelbarer Nähe der Bomben, als diese detonierten, sie starb wenig später. Andere Mädchen und Jungen erlitten Verletzungen, die meisten von ihnen schwere Brandwunden. Sie wurden in die Perrino-Klinik von Brindisi gebracht, eine Schülerin wurde notoperiert. Ihr Zustand war kritisch, inzwischen gilt er als stabil. Wie viele Menschen genau durch die Explosion zu Schaden kamen, auch das ist fast einen halben Tag nach dem Anschlag noch ungewiss. Manche Quellen sprechen von sechs Verletzten, andere von bis zu zehn.
Warum sollte die Mafia ausgerechnet Schüler töten?
Das Chaos traf die Hafenstadt Brindisi an diesem Morgen mit voller Wucht und es schien, als könne sie auch Stunden später nicht zu sich finden, die Ereignisse ordnen, das Geschehene sortieren. Ein Bekennerschreiben gibt es nicht, und das Verbrechen trug keine Handschrift, die eindeutig zuzuordnen wäre.
Die Reflexe aber funktionierten trotzdem: Süditalien, Organisierte Kriminalität, Mafia. Es war der Bürgermeister von Brindisi persönlich, der die Mafia ins Spiel brachte. "Es ist ein beispielloser Anschlag der Organisierten Kriminalität", sagte Cosimo Consales dem Fernsehsender "TeleNorba".
Italien: Explosion vor Berufsschule
Die Schule ist nach der Ehefrau des vor 20 Jahren von der Mafia ermordeten Untersuchungsrichters Giovanni Falcone benannt. Er und seine Frau waren am 23. Mai 1992 unterwegs von der Innenstadt Palermos zum Flughafen gewesen, als sie Opfer eines Sprengstoffattentats wurden, begangen von der Cosa Nostra.
Aber soll allein das reichen als Erklärung für den Anschlag von diesem Samstag?
Er passt nicht in das Schema der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia. Sie wählt ihre Opfer gezielt aus, Richter, Staatsanwälte, Würdenträger, von denen sie etwas zu befürchten hat, denen sie ihre Macht demonstrieren will. Allgemeine zivile Ziele waren bislang nicht dabei. Am Nachmittag war für den Nachmittag ein Protestmarsch gegen die Mafia angekündigt.
Warum aber sollte die Mafia Interesse daran haben, ausgerechnet Schüler zu töten?
"Es entspricht nicht dem gewöhnlichen Vorgehen der Mafia", sagt die Ministerin
Es ist der Mangel an plausiblen Alternativen, der den Namen der Schule zu einem Motiv werden lässt. All die Antworten sagen mehr aus über die Ratlosigkeit, die in der 90.000-Einwohner-Stadt herrscht angesichts des Verbrechens, das so unerklärlich erscheint und auch so sinnlos - als dass sie wirkliche Erklärungen bieten.
Italiens Innenministerin Anna Maroa Cancelliere sagte, es habe ihr "einen Schlag versetzt", dass die Schule nach Falcones Frau benannt sei. Sie sagte aber auch, dass die Ermittler bislang keine Anhaltspunkte hätten, dass es sich tatsächlich um ein Verbrechen der Organisierten Kriminalität handele. "Es entspricht nicht dem gewöhnlichen Vorgehen der Mafia."
Italiens Premier Mario Monti, der sich derzeit beim G8-Gipfel in Camp David aufhält, fasste sich in einer schriftlichen Erklärung entsprechend allgemein. Die Regierung sei entschlossen, "alle Arten von Kriminalität" zu bekämpfen und eine Rückkehr des Landes zu seiner "subversiven Vergangenheit" zu verhindern, die durch Autobomben-Anschläge der Mafia und politisch motivierte Morde gekennzeichnet gewesen sei.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Linksextreme Kriminalität
Als die Bombe in Brindisi explodierte, war es keine 48 Stunden her, dass die Regierung in Rom einen Anti-Terror-Plan auf den Weg gebracht und die Sicherheitsmaßnahmen erhöht hatte - nicht etwa wegen der Mafia, sondern wegen der Federazione Anarchica Informale (FAI), der Informellen Anarchistischen Föderation.
Sie hatte sich dazu bekannt, am 7. Mai Roberto Adinolfi, den Chef der Atomfirma Ansaldo Nucleare, angeschossen und Aktionen gegen den Rüstungskonzern Finmeccanica angekündigt zu haben.
An diesem Mittwoch waren Drohungen bei der kalabresischen Tageszeitungen "Calabria Ora" und "Gazzetta des Sud" eingegangen. Sie richteten sich gegen Regierungschef Monti und die Steuereinzugsgesellschaft Equitalia. Unterzeichnet hatte sie angeblich die FAI. Allerdings gibt es Zweifel, dass die Schreiben echt sind. Vergangene Woche war bei der Equitalia außerdem ein Brief mit Schießpulver eingegangen.
Der Anti-Terror-Plan stellt Tausende Objekte und rund 550 Menschen unter besonderen Schutz, allen voran die Steuerbehörden. Mit einem Anschlag auf eine Schule hatte in Italien bis zu diesem Morgen niemand gerechnet.