Prozess gegen mutmaßlichen BVB-Attentäter Vor den Kameras kämpferisch, zum Gericht freundlich
Als sie Sergej W. um 12 Uhr in den Saal 130 des Landgerichts Dortmund führen, wird es ganz still. Nur die Verschlüsse der Fotoapparate rattern, niemand spricht. Es ist dieser Moment des staunenden Starrens: Er soll das getan haben?
Der Mann, der nach Auffassung der Staatsanwaltschaft mit drei Bomben versucht hat, das gesamte Team von Borussia Dortmund auszulöschen, ist klein und blass und schaut in diesem Moment zu Boden. Seine Haare sind länger als auf den Bildern, die von ihm im Internet kursieren, er hat sie streng zur Seite gescheitelt. Seine Nase fällt auf, scharf und markant, ansonsten wirkt Sergej W., 28, so unscheinbar wie seine Kleidung: blaues Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe.
Dieser Mann also deponierte laut Anklage drei Kilo Wasserstoffperoxid-Brennstoff-Mischung in einer Hecke vor dem Hotel L'Arrivee im Dortmunder Süden, versetzte sie mit 65 fingergroßen Metallbolzen und zündete die Sprengfalle am Abend des 11. April um 19.16 Uhr. Die Bomben zerstörten den Bus von Borussia Dortmund, sie verletzten einen Polizisten und einen Fußballprofi und sie sollten - was sie nicht taten - zu einem erheblichen Kurssturz der BVB-Aktie führen, mit der W. mehr als eine halbe Million Euro hätte verdienen können. (Lesen Sie die Rekonstruktion der Tat hier).
Prozessauftakt in Dortmund: Der Anschlag auf den BVB-Bus
Die Verteidiger des Angeklagten, Christos Psaltiras und Carl Heydenreich, äußerten sich zu den Vorwürfen der Anklage bislang nicht. Sie bestreiten jedoch, dass der Attentäter - egal, wer es nun war - die Spieler von Borussia Dortmund habe töten wollen. Von den 65 Metallstiften seien höchstens zwei in den Bus eingedrungen, weshalb zu Gunsten des Angeklagten angenommen werden müsse, "dieser habe den Bus tatsächlich gar nicht treffen und Menschen verletzen wollen, sondern den Abschusswinkel bewusst so gewählt, dass dies möglichst vermieden wird", sagt Heydenreich.
In einem "Tagesthemen"-Interview am Dienstagabend verglich der Bonner Anwalt seine Deutung des Geschehens mit einem Fußballspiel: "Wenn ein Spieler unbedrängt aus fünf Metern das leere Tor nicht trifft, fragen Sie sich zwangsläufig: Wollte er nicht oder konnte er nicht?" Oberstaatsanwalt Carsten Dombert nennt diese Aussage am Mittwoch vor Gericht "unsäglich" und "zynisch".
Heydenreich ist sichtlich bemüht, aus den Besonderheiten des Falls Vorteile für seinen Mandanten abzuleiten. So kritisiert er, dass Sergej W. in Dortmund kein faires Verfahren gemacht werden könne, "weil sich in keiner deutschen Großstadt die Bevölkerung mehr mit einem Verein identifiziert". Auch habe eine "beispiellose mediale Vorverurteilungskampagne" womöglich die Schöffen beeinflusst. Den Ermittlern wirft er Durchstechereien vor - Strafanzeigen hat er deswegen erstattet. Auf jeden Fall aber habe die Staatsanwaltschaft einseitig ermittelt, Oberstaatsanwalt Dombert sei daher in einem "fairen Verfahren als Anklagevertreter untragbar", sagt Heydenreich.
"Dichte und Fülle von Beweisen lassen keine Alternative zu"
Dem tritt Dombert entschieden entgegen. Er hätte gerne Entlastendes zusammengetragen, sagt er, doch leider sei da nichts gewesen, was für den Angeklagten gesprochen hätte. "Die Dichte und Fülle von Beweisen lassen keine Alternative zu." Das sei auch der hervorragenden Arbeit des Bundeskriminalamts zu verdanken. Im Übrigen sei es auch Aufgabe der Verteidigung, Entlastendes vorzubringen - und bislang sei da noch nichts gekommen. Stattdessen kaprizierten sich die Anwälte darauf, "in der Presse aufzutreten", sagt Dombert.
Tatsächlich ist Heydenreichs schwungvoller Auftritt im Saal und vor Dutzenden Kameras bei näherer Betrachtung inkonsequent. Man könnte auch sagen: Er macht viel Lärm um nichts. Denn der Anwalt verzichtet trotz aller Tiraden über die angeblich "tendenziöse" Presseberichterstattung darauf, einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer zu stellen.
Stattdessen wünscht er sich, der Vorsitzende möge auf eine Ablösung Domberts hinwirken. Wissend, dass der Richter das nicht kann, was der wiederum umgehend bestätigt: "Ich werde dem Leitenden Oberstaatsanwalt das zur Kenntnis geben", sagt Richter Peter Windgätter. "Sagen wir es mal so." Was bedeuten soll: Haken wir das ab.
Man darf das Geplustere, den aggressiven Grundton der Verteidigung daher wohl als Show verstehen, eine wirkliche Konfliktverteidigung scheint sie nicht anzustreben. Zumal die Anwälte der Kammer signalisieren, dass sie einen zügigen Ablauf der Hauptverhandlung nicht behindern wollen. So kämpferisch Heydenreich sich vor dem Saal gibt, so freundlich ist er mit dem Gericht. Vielleicht hofft er auf Verständnis oder Milde, denn an einen Freispruch kann eigentlich kein Beteiligter dieses Prozesses glauben.
Womöglich wird am nächsten Verhandlungstag sogar Sergej W. sein Schweigen brechen. Und falls er sich wirklich zur Sache einlassen sollte, dürfte er sagen: Ich war es, aber ich wollte niemanden töten. Ob ihm die Kammer das abnähme, wäre dann eine andere Frage.