Bostoner Bombenanschläge: Opfer und Helden - DER SPIEGEL
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Anschläge in Boston: Selbstlose Helfer am Kriegsschauplatz

Foto: REUTERS/ Dan Lampariello

Bombenanschläge von Boston Opfer und Helden

Einer der Toten von Boston ist ein achtjähriger Junge, er wartete an der Ziellinie auf seinen Vater. Unter den vielen Schwerverletzten sind zwei Brüder, die beide je ein Bein verloren. Und ein Mann mit einer tragischen Vergangenheit avancierte zum Helden.
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Boston - Zwei Bomben, die im Abstand von zwölf Sekunden explodierten und Verheerendes anrichteten. Kleine, tragbare Sprengsätze, die riesige Blutlachen auf der Boylston Street hinterließen und die Menge teilten in Flüchtende und am Boden Liegende. Drei Menschen starben bei dem Anschlag am Montag. Mindestens 130 Besucher des Boston-Marathons wurden verletzt, 31 von ihnen lebensgefährlich.

Ein menschenverachtender Anschlag, hinterhältig, in einem Moment der Freude, während der alljährlichen Feiern zum Patriots Day. Kurz nach den Explosionen glich die Rennstrecke einem Kriegsszenario. Verletzte wurden auf Tragen weggeschleppt, den Opfern fehlen teilweise Gliedmaßen. "Die Läufer sind eben noch ins Ziel gelaufen und jetzt haben sie keine Beine mehr", sagte ein sichtlich erschütterter Polizist aus Rhode Island der "New York Times". "Es gibt so viele Menschen ohne Beine. Überall ist Blut. Das sind Knochen, Fragmente."

"Wir sehen viele Schrapnellverletzungen", erklärte ein Arzt vom Massachusetts General Hospital dem Bostoner Sender WCVB. "Es gibt viele kleine Metallstücke." Die Bomben sollen mit Nägeln und Kugellagern gefüllt gewesen sein. Mindestens zehn Amputationen mussten Bostoner Ärzte bereits durchführen.

Viele Kinder unter den Opfern

Unter den Todesopfern ist auch der achtjährige Martin Richard aus dem Stadtteil Dorchester. Er soll nahe der Ziellinie mit seiner Mutter Susan und einer Schwester auf den am Lauf teilnehmenden Vater gewartet haben, als er von der Explosion erfasst wurde. Die Frau und die Tochter wurden schwer verletzt, Familienvater William Richard blieb unverletzt.

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Bomben in Boston: Spurensuche mit Taschenlampen

Foto: Michael Dwyer / AP / dpa

Noch am Montagabend versammelten sich in einem Restaurant Freunde und Angehörige der Familie, um des kleinen Jungen zu gedenken. "Die Gemeinde liebt sie sehr. Es ist surreal, es ist tragisch", sagte Stadträtin Ayanna Pressley dem "Boston Globe".

Es sind viele Minderjährige unter den Betroffenen. Ein Bostoner Kinderkrankenhaus nahm zehn kleine Patienten auf, darunter einen Zweijährigen, der mit schweren Kopfverletzungen auf die Intensivstation gebracht werden musste. Ein Zwölfjähriger erlitt einen Oberschenkelbruch, ein neunjähriges Mädchen eine schwere Beinverletzung.

Das traurige Schicksal der Familie Norden

Gleich doppelt betroffen war die fünffache Mutter Liz Norden aus Wakefield. Sie kam laut "Boston Globe" gerade aus dem Supermarkt, als ihr 31-jähriger Sohn sie anrief: "Ma, ich bin echt schwer verletzt", sagte er. Er sei gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, seine Beine heftig verbrannt durch eine Explosion. Wo sein älterer Bruder sei, der mit ihm zum Boston Marathon gegangen war, wollte die Mutter wissen. Der Sohn konnte es nicht beantworten.

Erst zwei Stunden später hatte die Mutter Gewissheit, dass ihr zweiter Sohn am Leben war. Man hatte ihn ins Brigham and Women's Hospital gebracht, seinen Bruder ins Beth Israel Deaconess. Die schlechte Nachricht: Beide Männer verloren ein Bein vom Knie abwärts. "Nicht in meinen wildesten Träumen hätte ich mir ausgemalt, dass so etwas je geschehen könnte", sagte Norden. Ihre Söhne sind gelernte Dachdecker. Auch die Freundin des Jüngeren erlitt schwere Verbrennungen und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Friedensaktivist avanciert zum Helden

Zum Helden im Chaos avancierte der aus Costa Rica stammende Carlos Arredondo. Der Anti-Kriegs-Aktivist sorgte einst mit seinem harten Schicksal für Schlagzeilen. Vor neun Jahren fiel sein damals 20-jähriger Sohn Alexander im Irak. Arredondo senior wurde depressiv und nahm Drogen. Auch sein zweiter Sohn Brian kam mit dem Tod des Bruders nicht zurecht und nahm sich kurz vor Weihnachten 2011 das Leben.

Zu viel für den Vater - er schloss sich in einem Lieferwagen in der Garage ein und setzte das Fahrzeug in Brand. Er überlebte und wurde Friedensaktivist. Auch in Boston war Arredondo vor Ort. Nur Sekunden nach den Explosionen kümmerte er sich bereits um Verletzte, legte provisorische Verbände an, räumte Trümmer zur Seite und machte den Weg für die Rettungsmannschaften frei. Videoaufnahmen dokumentieren seinen selbstlosen Einsatz. Ein TV-Team filmte ihn dabei, wie er sichtlich erschüttert eine mit Blut besudelte US-Flagge vor sich herträgt. "Da war Blut auf dem Boden, Blut überall", sagte er. "Und dann sah man Rippen, überall, wirklich überall."

Unfreiwillig zum Helden wurde ein Mann aus Fitchburg. Wie der "Boston Herald" berichtet, stand der 52-jährige Dean Smith an der Boylston Street, um seinen Sohn beim Zieleinlauf zu beobachten, als sich die beiden Detonationen ereigneten. Smith wurde von Metallstücken in Bein und Rücken getroffen - und diente damit seiner Tochter, die direkt vor ihm stand, quasi als Schutzschild. Auch sein Sohn überquerte unverletzt die Ziellinie. "Gott sei Dank geht es allen gut", sagte Smith.

Marathon-Motto erinnerte an Opfer von Newtown

Besonders belastend: Auch Hinterbliebene der Opfer des Amoklaufs an der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut, wurden Zeuge der Anschläge. Sie hatten sich in einem Zelt nahe der Ziellinie versammelt. Das Motto des diesjährigen Marathons war "26 Meilen für 26 Opfer", in Erinnerung an die 20 Erstklässler und sechs Schulmitarbeiter, die dabei ums Leben kamen.

Die Veranstalter des Marathons hatten mit Hilfe der Polizei sofort nach den Detonationen das Rennen beendet und die Strecke gesperrt. Lutz Wodnik vom ZDF lief kurz vor dem Anschlag um 14.10 Uhr über die Ziellinie und befand sich etwa 400 Meter vom Tatort entfernt, als die erste Detonation erfolgte. "Wir wurden Ohrenzeugen, hörten den Knall, ohne ihn zuordnen zu können", sagte er im "Morgenmagazin". Die Menschen hätten bemerkenswert ruhig reagiert, schon nach einer Stunde sei vieles bereits wieder in normalen Bahnen verlaufen.

"Alle waren in Feierlaune, es war ein sonniger, schöner Tag, der in einer Tragödie endete", so Wodnik.