Brandenburg Ein Dorf im Abgrund
Frankfurt an der Oder - Ein Konvoi von mehreren Polizeifahrzeugen rast am Abend mit Blaulicht die Magistralen in Frankfurt an der Oder entlang. Am Straßenrand steht den Menschen die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. In Windeseile hat sich in der deutschen Grenzstadt herumgesprochen, dass hier gerade eine Frau vom Präsidium ins Gefängnis gebracht wird, die möglicherweise neun ihrer Kinder getötet hat. Der Verdächtigen wird vorgeworfen, die Kinder von 1988 bis zum Jahr 2004 unmittelbar nach der Geburt getötet und im Hof hinter ihrem Elternhaus in Blumenkübeln verscharrt zu haben.
Was diesen Fall vollends unfassbar macht: Die Hauptverdächtige Sabine H. hat noch weitere vier Kinder. Sie leben und sind 20, 19, 18 und eineinhalb Jahre alt. Die älteren Kinder stammen aus einer früheren Ehe, inzwischen ist die mutmaßliche Täterin geschieden. Sie habe "seit einiger Zeit" nicht mehr in ihrem Elternhaus in der Bahnhofstraße gewohnt, so ein Nachbar. Allerdings sei sie "relativ oft" aus dem nahen Frankfurt an der Oder nach Brieskow-Finkenheerd gekommen, um ihr jüngstes Kind für mehrere Tage bei ihrer Mutter abzugeben Gestern wurde der Haftbefehl gegen die 39-jährige Mutter und mutmaßliche Kindsmörderin vollstreckt. Zu Dutzenden haben sich bis zum Abend Journalisten und Kamerateams vor dem neuen Gerichtsgebäude der Stadt versammelt. In der Bahnhofstraße im nahen Brieskow-Finkenheerd, etwa 15 Kilometer von Frankfurt an der Oder entfernt, ist inzwischen der Ausnahmezustand ausgebrochen. Kameraleute drängeln und zerren am rot-weißen Absperrband aus Plastik, das die Polizei um das Haus mit der Nummer 22 gespannt hat. Übertragungswagen blockieren den Parkplatz gegenüber, Schaulustige beobachten das Spektakel mit gespieltem oder echtem Gruseln. Ab und zu rasen tiefergelegte Kleinwagen die Straße entlang - junge Leute sitzen in den Wagen, um einen Blick auf das Unfassbare, Unwirkliche, Unvorstellbare zu erlangen.
Natürlich gibt es nichts zu sehen, außer Polizisten, die Utensilien schleppen und Einsatzwagen, die das Gelände verlassen. Dennoch ist das Grauen fast mit den Händen zu greifen. Warum hat niemand etwas gemerkt? Hat wirklich keiner etwas mitbekommen? Wer ist diese Frau, die offenbar neun Mal hilflose Babys umbrachte?
Die Einwohner von Brieskow-Finkenheerd, dem kleinen Ort an der polnischen Grenze, ringen nach Erklärungen. "Das hätte ich ihr nie zugetraut", sagt eine Freundin der Familie Das Einfamilienhaus in der Bahnhofstraße unterscheidet sich nur in einem Punkt von den gepflegten Nachbarhäusern: Es hat ein riesiges Grundstück. Neben dem Gebäude erstreckt sich ein verwilderter Garten hundert Meter an der Straße entlang. Hinter dem Haus der Familie befindet sich ein geteerter Hof mit zwei Garagen. Zwischen den halb fertigen Bauten aus Pflastersteinen liegt eine offen zugängliche Fläche, wo ein altes, mit Sand gefülltes Aquarium und allerlei Gartenutensilien standen. Seit Jahren schon.
Gestern wollte "ein Zeuge", so Polizeisprecher Peter Salender, in genau diesem Areal aufräumen. Offenbar war er von der Familie dazu beauftragt worden. Als er den Sand aus dem Aquarium schaufelte, stieß er auf die sterblichen Überreste eines Babys und verständigte sofort die Polizei in Frankfurt/Oder. Mehr als vierzig Beamte durchsuchten daraufhin das Grundstück und fanden weitere acht Leichen von Neugeborenen. Die Polizisten durchsuchten das gesamte Grundstück und wurden in fast jedem Gefäß fündig, das sich zwischen den Garagen befand, in Eimern, Tonkübeln und Blumentöpfen aus Plastik. Überall Knochen, eine Signatur des Todes. Gestern war dies noch irgendeine Brache in der ostdeutschen Grenzprovinz, heute Abend ist dieser Ort ein menschlicher Abgrund, der seinesgleichen sucht.
Ob es denn keinem aufgefallen sei, dass Sabine H. ständig schwanger gewesen war und niemals ein neues Kind aufgetaucht ist, werden die Nachbarn immer wieder gefragt. "Wir kannten sie doch kaum", lautet meist die Antwort.
"Die war ein wenig füllig, außerdem hat sie oft weite Klamotten getragen", sagt ein Jugendlicher, der in der Nähe wohnt. Kann man neun Schwangerschaften vor den Nachbarn, den Freunden, vor seiner Familie verbergen?
Die Kunden des Getränkehandels auf der anderen Seite der Straße haben ebenfalls nichts bemerkt. "Unser Dorf hat 3000 Einwohner, da kann man nicht jeden gut kennen", so ein Mann, der einige hundert Meter entfernt wohnt. Den Einwohnern von Brieskow-Finkenheerd ist das Gewimmel der Kameraleute, Übertragungswagen, Polizisten und Journalisten nicht geheuer. Man möchte die mutmaßliche Täterin nicht gekannt haben, nicht in Verbindung gebracht werden mit dem Schrecklichen, das sich da in ihrer Mitte abgespielt hat.
Eine ehemalige Mitschülerin der Verdächtigen sagt, dass sie eigentlich gar nichts sagen könne, allerdings habe sie sich schon in der Schulzeit "immer schon von der ferngehalten", Sabine H. sei "nicht koscher gewesen" und habe sich "schon früh mit vielen Männern eingelassen". Eine Freundin der Mutter der Verdächtigen zeichnet ein anderes Bild der Familie: "Die waren doch kirchlich, das war ein gutes Elternhaus. Ich bin sprachlos", so die Rentnerin. "Die Sabine war doch als Kind so intelligent, das kann einfach nicht sein", erklärt sie. Eine andere Freundin der Familie erklärt, dass es in letzter Zeit Probleme mit dem Jugendamt gegeben habe. "Die haben ihr das jüngste Kind weggenommen, allerdings hat sie es schnell wiederbekommen", erklärt sie. Sabine H. habe massive Alkoholprobleme gehabt und deshalb "wohl das Kind vernachlässigt".
Was die Bürger in Brieskow-Finkenherd über Sabine H. zum Besten geben, ist widersprüchlich. Zusammengenommen machen die Bemerkungen so wenig Sinn wie die Taten selbst. Vielleicht werden hier auch die Erklärungen von Psychologen und Gutachtern nicht mehr ausreichen, um auf das, was sich hier zwischen 1988 und 2004 abgespielt haben soll, einen irgendwie verständlichen Reim zu machen. Heute jedenfalls regiert in dem kleinen Dorf an der Oder das schiere Entsetzen, von Ratio keine Spur.
Vielleicht ist es noch nicht einmal vorbei. Ob sich weitere Kinderleichen auf dem großen Grundstück befinden, konnte Polizeisprecher Salender nicht sagen. "Wir können nicht ausschließen, dass es weitere getötete Babys oder Leichenteile gibt", sagt der Kriminalbeamte. Die sterblichen Überreste der Säuglinge sollen laut Staatsanwalt Scherding rasch obduziert werden, das Ergebnis werde "in einigen Tagen" erwartet.
Auch in der Landeshauptstadt Potsdam gibt es heute - trotz Wahlkampfs - kein anderes Thema mehr. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm versucht, die unvorstellbaren Taten wenigstens einzuordnen. Man stehe "vor einem Verbrechen, das es in diesem Ausmaß in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben hat. Wir müssen uns fragen, wie dieses unglaubliche Verbrechen über die ganzen Jahre hinweg im Verborgenen blieb." Dies alles sei nur möglich gewesen, "weil zu viele weggeschaut haben, statt zu helfen - der Frau und den Kindern". Aber auch das bleibt zunächst nur eine Hypothese im Angesicht des Grauens.