Netflix-Doku "Making a Murderer" Richter ordnet Brendan Dasseys Freilassung an
Brendan Dassey (r., 2006)
Foto: Morry Gash / APAls die Fotografin Teresa Halbach 2005 verschwindet, ist Brendan Dassey 16 Jahre alt. Ein Teenager mit Lernschwäche, der gerne Videospiele spielt und Wrestling schaut. Hauptverdächtiger in dem Mordfall ist sein Onkel Steven Avery, der auf dem gleichen Grundstück wie Brendan Dassey lebt - einem riesigen Schrottplatz im US-Bundesstaat Wisconsin.
Die "Netflix"-Dokuserie "Making a Murderer" hat den Fall berühmt gemacht. Minutiös zeichneten die Autorinnen Laura Ricciardi und Moira Demos die Ermittlungen und die Prozesse nach, die viele für einen Justizskandal halten.
Avery, der die Tat vehement bestreitet, wurde 2007 wegen Mordes an Halbach verurteilt - belastet wurde er im Ermittlungsverfahren auch durch eine Aussage Brendan Dasseys. Der Junge hatte, wie "Making a Murderer" zeigte, unter fragwürdigen Bedingungen seine Beteiligung am Mord gestanden.
Sein Onkel und er hätten die Fotografin gefesselt, vergewaltigt, getötet und die Leiche schließlich verbrannt. Dassey erzählte dies nach stundenlangen Befragungen, teilweise ohne seinen Anwalt oder seine Eltern. Sein eigener Verteidiger hatte den minderbemittelten Teenager durch einen Privatermittler zu einem Geständnis bewegt. Vor Gericht widerrief Dassey sein Geständnis, er wurde dennoch wenige Monate nach seinem Onkel ebenfalls wegen Mordes verurteilt. Die Jurys in beiden Verhandlungen folgten der Argumentation der Anklage.
Steven Avery im März 2007 vor Gericht
Foto: Sharon Cekada / APSeit rund elf Jahren sitzt Dassey im Gefängnis, jetzt steht seine Freilassung unmittelbar bevor. Ein Richter in Milwaukee, der das Urteil bereits im August gekippt hatte, ordnete die sofortige Freilassung an - obwohl die Staatsanwaltschaft noch gegen seine Entscheidung vom August vorgeht. Dasseys neuer Verteidiger Steve Drizin hofft, dass sein Mandant Thanksgiving zu Hause feiern kann - das wäre in der kommenden Woche.
"Ich konzentriere mich jetzt darauf, ihn nach Hause zu bekommen und ihm bei der Resozialisierung zu helfen, während seine Berufung ihren Lauf nimmt", sagte Drizin. Bis Dienstagmittag (Ortszeit) muss Dassey den Behörden einen Aufenthaltsort nennen, der dann noch überprüft werden soll, ehe der heute 27-Jährige unter Auflagen freikommen kann. Laut dem Gerichtsbeschluss darf er zum Beispiel keine Waffen besitzen, keinen Kontakt zum inhaftierten Avery aufnehmen und Wisconsin nicht ohne Erlaubnis verlassen.
Dassey sei nach wie vor eine Gefahr für die Gesellschaft und müsse in Haft bleiben, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Mit einem Eilantrag will sie die Freilassung noch verhindern.
Gewaltiges Aufsehen
Die Doku-Serie "Making a Murderer", die im Dezember 2015 veröffentlicht wurde, räumt vor allem den Verteidigern Averys und Dasseys viel Platz ein. Die ermittelnden Behörden im Manitowoc County kommen äußerst schlecht weg, zahlreiche Ungereimtheiten während der Ermittlungen werden aufgezeigt. Die Ermittler wiederum werfen den Filmemacherinnen Parteilichkeit vor. Wichtige Beweise seien in der Serie nicht thematisiert worden.
"Making a Murderer" erregte vor allem in den USA gewaltiges Aufsehen. In einer Petition an das Weiße Haus verlangten mehr als 500.000 Unterzeichner die Begnadigung der Verurteilten.
Auch an der Schuld von Steven Avery gibt es Zweifel: In einem anderen Fall hatte er bis 2003 18 Jahre lang wegen Vergewaltigung unschuldig in Haft gesessen. Nach seiner Freilassung verklagte er die Verantwortlichen im Manitowoc County auf Schadensersatz in Höhe von 36 Millionen Dollar. Nach dem Tod der 25-jährigen Fotografin Halbach und den Ermittlungen gegen sich akzeptierte er im März 2006 eine Zahlung von 400.000 Dollar. Seine Verteidiger unterstellen den Behörden, sie hätten Avery den Mord angehängt, um ihn als Kläger unschädlich zu machen.