Charité-Prozess Die Abgründe der Schwester Irene
Berlin - Warum tötet eine Krankenschwester Sterbende? Patienten, bei denen es um Minuten, höchstens noch um Stunden ging. Hirntote, Röchelnde, die der Hand des Todes nicht mehr zu entreißen waren, rettungslos Verlorene, denen man das Sterben nur noch erleichtern konnte, indem man ihnen die Schmerzen nahm oder das Gefühl zu ersticken. Warum glaubte Irene Bauer, 54, seit 1995 Krankenschwester am "Zentrum für Innere Medizin" der Berliner Charité, bei einigen Patienten das natürliche - und wie es nach der Hauptverhandlung aussieht, nicht unwürdige - Sterben eigenmächtig abkürzen zu müssen?
Seit dem 18. April verhandelt die 22. Große Strafkammer des Berliner Landgerichts über sechs Taten, von denen die Angeklagte vier zugibt; zwei Fälle bestreitet sie entschieden. Was ist das für ein Mensch, diese Frau Bauer, die manche Zeugen heute noch "Schwester Irene" oder "Schwester Bauer" nennen, eine Frau, die in ihrem "Traumberuf" aufging, die als kompetent, erfahren, fleißig und belastbar galt? Was hat sie sich gedacht, als sie in den natürlichen Ablauf eines zu Ende gehenden Lebens eingriff, ausgerechnet sie, die im Ruf stand, sich besonders der Schwerstkranken vorbildlich zu widmen und deren Angehörigen beizustehen? Es ist nicht zu begreifen.
Am Freitag hat der Berliner Psychiater Alexander Böhle sein Gutachten über die Angeklagte erstattet. Es war dies die letzte Erkenntnisquelle für das Gericht, das am kommenden Freitag voraussichtlich das Urteil verkünden wird. Er hat das Bild einer Frau gezeichnet, die sich von einem erst schwierigen, weil nicht ganz gesunden Baby zu einem stillen, einsamen, wenig bemerkten Kind entwickelte; deren Mutter für sie aus heutiger Sicht "bedeutungslos" war und die sich in die Ausbildung bei katholischen Ordensschwestern regelrecht flüchtete, weil sie dort viel Wärme erfuhr.
"Faszinierende und interessante" Menschen
Über ihre erste Anstellung im Jüdischen Krankenhaus in Berlin erzählte sie Böhle, dass sie dort "faszinierende und interessante" Menschen sowie deren Kultur und Religion kennen gelernt habe. Sie brachte es bis zur Stationsleiterin, verließ die Klinik aber schließlich wegen "Mobbings". Dies muss eine schwere Krise bei ihr ausgelöst haben, über die sie nur mit professioneller Hilfe hinwegkam. Rasch fand sie aber wieder Arbeit in der Charité.
Wieder fühlte sie sich zunächst wohl. Wieder ging sie in ihrer Arbeit auf. Und bemerkte nicht, dass im Lauf der Zeit so mancher Kollege auf Abstand ging. "Wenn so etwas zweimal passiert", so Böhle, "könnte man sich ja fragen, ob das nicht auch an einem selbst liegt. Doch diese Frage stellt sich Frau Bauer nicht."
Eine schwere Kränkung erfuhr sie, als ihr Mann sie nach 30 Jahren Ehe wegen einer anderen verließ. Über acht Jahre erstreckte sich ein quälender Trennungsprozess, der die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und massiven Selbstwertproblematik leidenden Frau zermürbte. Sie schaffte es zwar, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, doch um welchen Preis. Das Gefühl der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit auch und gerade gegenüber dem Tod wehrte sie mit einem grandiosen Selbstbild ab. Böhle sprach von einer "stets oszillierenden Selbststilisierung und Selbstabwehr".
"Allenfalls eine Leere"
"Ich fragte sie, welches Gefühl sie bei den Tötungen hatte, ob ihr danach leichter gewesen sei?", berichtete Böhle. Sie sagte nur: "Gar keines, allenfalls eine Leere." Allerdings habe es sich nicht um "Tötungen" gehandelt, schon gar nicht um "Mord", sondern "die Würde sei nicht mehr dagewesen" - ihrer Auffassung nach. Es sei "absurd" gewesen, was man mit den Schwerstkranken noch veranstaltete.
Böhle: "Ich fragte, ob sie denn die Würde der Patienten wieder herstellen wollte? Ja, das habe sie gewollt. Aber wenn es nun gelungen wäre, den Patienten zum Beispiel wieder so zu stabilisieren, dass er zurück ins Heim gekonnt hätte? Auch dort hätte er nach Frau Bauers Meinung seine Würde nicht wieder gefunden." Sie könne nicht sagen, was sie zu den Taten getrieben habe; heute könne sie nicht mehr erklären, was da in ihr vorgegangen sei.
Böhle kam in den insgesamt fünf Explorationsgesprächen mit Irene Bauer auf die christliche Religion zu sprechen. Ob sie ihr Leben durch Gott bestimmt sehe? Die "von Menschen gemachten zehn Gebote gehören dringend überarbeitet", erklärte sie daraufhin dem Gutachter. Das Gebot "Du sollst nicht töten" sollte man umformulieren in "Du sollst nicht Schaden zufügen". Doch was ist Schaden? "Ich fragte sie, ob sie sich denn als eine Agentin des göttlichen Willens verstehe. Das lehnte sie ab. Sie sei nur eine am göttlichen Willen Mitwirkende", berichtete der Sachverständige.
Irene Bauer ist weder seelisch krank noch hat sie in einer die Schuldfähigkeit beeinträchtigenden Ausnahmesituation gehandelt. Mit einem Intelligenzquotienten von 93 ist sie auch nicht schwachsinnig also voll schuldfähig. Ein Monster ist sie jedoch auch nicht, sondern eine Frau, die mit ihren individuellen Problemen und Schwächen ausgerechnet an einen Ort geriet, an dem diese Schwächen besonders verhängnisvolle Folgen hatten. Sie hat einerseits bewusst gehandelt, andererseits, wenn es nicht mehr ging, griff offenbar die Selbstregulierung.
Der Sachverständige zitierte mehrfach den Begriff des "Helfersyndroms", also der besonderen Affinität von schwachen, eigentlich selbst hilflosen Menschen, die sich gerade von helfenden Berufen angezogen fühlen. Irene Bauer, eingebettet in die Verhältnisse, wie sie nicht nur an der Charité herrschten, unterscheide sich dabei kaum von anderen Pflegekräften oder in sozialen Bereichen Tätigen, auch manchen Ärzten. Dass auf der Intensivstation der Inneren Abteilung zu wenig Kommunikation bestand, dass es keine Supervision gab, dass eine derartige Dauerbelastung im Umgang mit Sterbenden und Schwerstkranken zu einer professionellen Deformation führen könne - es war auch für Böhle keine Frage.
Kein Patient wollte sterben
Den Vorsitzenden Richter Peter Faust interessierte vor allem der Umstand, dass keiner der Patienten, die getötet zu haben Frau Bauer gestand, den Wunsch nach Sterbehilfe geäußert hatte. Wie passe das zu ihrem "Überbau", den Patienten nicht das Leben, sondern nur den Tod verkürzt zu haben? Böhle konnte es nur so erklären: Menschen mit Helfersyndrom, die Patienten töten, handelten eher aus eigener Schwäche denn aus einem Machtgefühl, den Todeszeitpunkt anderer bestimmen zu können. Sie projizierten ihr eigenes Unvermögen und ihre Wut über sich selbst auf die Patienten. "Das ist Teil der Abwehr eigener narzisstischer Verletzung."
Ungewöhnlich im Fall Bauer ist allerdings, dass keine Tendenz zur Eskalation festzustellen ist. Die Angeklagte tötete nicht immer schneller, immer hemmungsloser, wie man es von ähnlichen Fällen kennt. Das Töten wurde ihr nicht zur Gewohnheit. Sie scheint nach der Scheidung, als ihr Leben nicht mehr das war, das sie sich gewünscht hatte, vollends aus dem ohnehin nicht stabilen Gleichgewicht geraten zu sein.
"Aber warum hat sie dann eine Frau getötet, die, schwerstkrank zwar und dem Tod schon sehr nahe, wenigstens zu Hause sterben wollte?", fragte der Vorsitzende. "Der Ehemann war dabei! Niemand hat diese Frau mehr mit sinnloser Behandlung gequält! Und keiner hat nach einem raschen Tod verlangt! Da braucht man doch mehr als die normale Anstrengung, über die Schwelle der Tötungshemmung hinweg zu kommen!" Der Sachverständige pflichtete dem Richter bei. Erklären konnte er Irene Bauers Entscheidung aber auch nicht. Denn sie hatte nichts gesagt dazu.