Der Fall Natascha: Horrorjahre mit Happy End - DER SPIEGEL
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Der Fall Natascha Horrorjahre mit Happy End

Das Schicksal entführter Kinder bewegt Ermittler und Öffentlichkeit, die psychische Belastung für Opfer und Angehörige ist enorm. Der glückliche Ausgang des Falles Natascha Kampusch ist ein kleines Wunder, gerade bei lange vermissten Kindern sind die Chancen auf ein Happy End gering.
Von Jens Todt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Etwa 30.000 Personen verschwinden jährlich in Deutschland, die allermeisten von ihnen tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Nach einem Monat etwa sind 80 Prozent der Vermisstenfälle aufgeklärt, mit jedem weiteren Tag schwindet die Hoffnung der Angehörigen, die vermisste Person zu finden, deutlich - vor allem, wenn es sich um ein Kind handelt.

Seike Sörensens Eltern etwa warten seit 13 Jahren auf die Rückkehr ihrer Tochter - oder auf die Nachricht ihres Todes. Die damals Elfjährige aus dem schleswig-holsteinischen Drelsdorf verschwand am 5. August 1993 spurlos, als sie mit dem Fahrrad von ihrer Großmutter nach Hause fahren wollte. Großfahndungen und Aufrufe blieben bis heute erfolglos.

Nur selten endet die Suche nach lange verschwundenen Kindern glücklich, der Fall Natascha Kampusch ist eine rare Ausnahme und mag die Hoffnung betroffener Eltern beleben, ihr Kind ebenfalls irgendwann lebend wiederzusehen.

Natascha Kampusch war acht Jahre lang in der Gewalt des heute 44-jährigen Wolfgang P., die ganze Zeit über musste sie in einem schalldichten Verlies unter einer Garage vegetieren.

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Christian Lüdke kennt die psychische Belastung, der Opfer und Angehörige bei einer Entführung ausgesetzt sind. Lüdke ist Geschäftsführer der "Human Protect Consulting" in Köln, die Opfern von Überfällen oder Geiselnahmen psychologische Betreuung bietet.

"Das Schlimmste, was Eltern passieren kann"

Das Schicksal von Natascha Kampusch aus Wien dauerte volle acht Jahre, die psychische Belastung für das Mädchen und seine Familie waren und sind enorm. "Das ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann", so Lüdke, "so lange es keine Todesnachricht gibt, hoffen sie."

"Viele Paare entwickeln eine Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten, verlieren ihre Jobs, machen einen sozialen Abstieg durch. "Hätten wir das nicht verhindern können", fragten sich die Eltern immer wieder, so Lüdke. Oft führten massive Schuldgefühle, aber auch gegenseitige Schuldzuweisungen dazu, dass Beziehungen unter dem extremen Druck scheitern.

"Kämpfe, fliehe oder erstarre"

Noch gravierender ist die psychische Belastung naturgemäß für die Opfer. Ermittler des österreichischen Bundeskriminalamtes sagten dem Österreichischen Rundfunk (ORF), Natascha leide vermutlich unter einem "schweren Stockholm-Syndrom".

"Beim Stockholm-Syndrom handelt es sich um eine Rückentwicklung des Verhaltens Erwachsener auf frühkindliche Entwicklungsstufen", so Lüdke, "man beobachtet es bei Geiseln, die geradezu Aggressionen gegen die Polizei oder ihre Retter generell entwickeln und sich mit den Geiselnehmern solidarisieren." Natürlich werde Natascha negative Intimität, also erzwungene Nähe erlebt und womöglich auch eine Art "paradoxe Dankbarkeit" entwickelt haben, "aber der Begriff Stockholm-Syndrom passt hier nicht, man nennt dies eher Viktimisierungssyndrom."

"Für Natascha hat schlagartig die Kindheit aufgehört", so Lüdke, "sie wird verschiedene Phasen von Hilflosigkeit, Todesangst und Hoffnungslosigkeit durchlaufen haben, bis hin zu tiefer Resignation." Dennoch dürfe man die Selbstrettungsstrategien von Kindern nicht unterschätzen, so Lüdke, sie besäßen ein angeborenes Überlebensprogramm, das laute: "Kämpfe, fliehe oder erstarre".

Natascha hat gute Chancen

Der Fall Natascha Kampusch ist höchst ungewöhnlich, das weiß auch Carl Bruhns von der "Elterninitiative Vermisste Kinder"  aus dem schleswig-holsteinischen Kisdorf. "Wir haben es ebenfalls schon erlebt, dass Kinder nach Jahren der Ungewissheit wieder zurückkommen", so Bruhns, der die Initiative gemeinsam mit seiner Frau Monika vor neun Jahren gegründet hat, "aber meist waren diese Kinder zuvor nicht von Unbekannten, sondern von einem Elternteil entführt worden."

So wie Sharon Kottendorf aus Tübingen, die 1998 plötzlich spurlos von einem Spielplatz verschwand. Ihr Vater hatte ihr aufgelauert und sie zu einer Odyssee um die halbe Welt gezwungen. Bis zum Mai 1999, als sich der Amerikaner Bill Smith, der im mexikanischen San Carlos lebte, per Mail an die Initiative wandte. Er war beim Surfen im Internet auf die Kisdorfer gestoßen und glaubte, Sharon in der Nachbarschaft entdeckt zu haben. Sie hauste mit ihrem Vater unerkannt in einem Wohnwagen. Eineinhalb Jahre nach ihrem Verschwinden konnte Sharons Mutter ihre Tochter nach Deutschland zurückholen, der Vater des Mädchens wurde zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Lüdke ist überzeugt davon, dass Natascha irgendwann ein normales Leben führen kann. Die jahrelange Isolation sei natürlich grauenvoll, aber wenn das, was sie erlebt habe, nicht ausschließlich durch körperliche Gewalt und Abartigkeit geprägt gewesen sei, habe sie gute Chancen, das Erlebte zu verarbeiten. Das, was sie jetzt benötige, seien "die drei großen Z", so Lüdke: "Zuneigung, Zeit und Zärtlichkeit."