Der Fall Tim: Polizei findet Leiche, Rätsel bleiben - DER SPIEGEL
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Der Fall Tim Polizei findet Leiche, Rätsel bleiben

Die norddeutsche Kleinstadt Elmshorn steht unter Schock. In einem Haus ist jetzt die Leiche eines Kindes gefunden worden - vermutlich die des seit sechs Tagen verschwundenen Tim. Wilde Gerüchte über seinen Tod entsetzen die Menschen. Doch noch immer ist der Fall rätselhaft.
Von Swantje Dake
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Elmshorn - Regen fällt in dicken Tropfen auf den Asphalt der schmalen Gärtnerstraße am Rande der Elmshorner Innenstadt. Autos rollen gemächlich durch die sonst so ruhige Tempo-30-Zone. Doch vor einem zweistöckigen Haus drängeln sich Fotografen, Reporter und Kameramänner. Fernsehsender bauen Scheinwerfer für ihre Liveübertragung auf. Hier wurde am Mittag die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

"Wir müssen leider davon ausgehen, dass es sich dabei um den kleinen Tim handelt", sagt Polizeisprecher Rainer Holm den wartenden Journalisten. Die offizielle Bestätigung steht jedoch noch aus. Vor sechs Tagen war der Zweijährige aus der Wohnung der Mutter unter rätselhaften Umständen verschwunden. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus. Festnahmen soll es bisher noch nicht gegeben haben.

Eine junge Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand kommt die Straße entlang. Sie bahnt sich ihren Weg durch die Journalisten, kniet nieder und lehnt einen schwarzen Rahmen an die rosafarbene Hauswand. Er enthält ein Bild von Tim. In einem Plastikbecher entzündet sie eine Kerze.

Das Haus liegt im Dunkeln. Die Gardinen sind zugezogen, nur die Fensterbänke im Erdgeschoss geben Hinweise darauf, dass hier jemand wohnt: eine langstielige rote Blume in einer Vase, ein Holzmännchen mit einem Strohhut, ein Sparschwein in Fischform. In den umliegenden Häusern linsen Nachbarn hinter der Gardine hervor, öffnen Fenster fragen nach, stellen sich zu den Journalisten in den Regen und versuchen zu erklären, was nicht zu verstehen ist. "Das ist unfassbar", sagt eine ältere Dame mit zitternder Stimme. Sie klammert sich an den Arm ihres Mannes. Auch er schüttelt nur den Kopf.

Die Nachricht hat sich in der 49.000-Einwohner-Stadt schnell herumgesprochen. Die Menschen sind schockiert, können den wahrscheinlichen Tod des Jungen nicht begreifen. Eine Kindergärtnerin aus der Nachbarschaft hat Tränen in den Augen. "Gucken Sie mal, wie süß er ist", sagt sie und zeigt auf das Foto. Das Schicksal des kleinen Jungen habe sie in den vergangenen Tagen schwer beschäftigt. Alle suchen nach einer Erklärung. Doch wofür, wissen sie selbst nicht; denn es ist nicht viel, was die Polizei sagen kann oder will. "Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir keine Details preisgeben", so Holm.

Gerüchte und Spekulationen auf dem Gehweg

Das nährt die Gerüchte und Spekulationen auf dem Gehweg. Berichte, wonach die Leiche eingemauert gewesen sein soll, seien falsch, so Holm. Auch dass Tims Vater in dem Haus wohnt, sei falsch. Am Abend meldet ein Hamburger Radiosender, dass die Leiche in einer Sporttasche gefunden worden sei. Die Tasche gehört nach Angaben des Senders dem neuen Freund der Mutter. Ein weiteres unbestätigtes Gerücht.

Die Polizei entdeckte die Leiche heute gegen 14 Uhr. Die Beamten waren mit der Durchsuchung von ungefähr hundert leer stehenden Häusern in Elmshorn beschäftigt, "als dies hier dazwischen kam", wie Rainer Holm sagte. Der Fundort gehörte nicht zu den anvisierten Objekten. Auf der gesamten Hauslänge, inklusive der Gartentore, wurde ein Sichtschutz aufgebaut. "Es waren plötzlich so viele Polizisten hier", sagt ein Nachbar. "Natürlich habe ich sofort an Tim gedacht."

In einem Sarg wurde die Kinderleiche aus dem Haus getragen und zur Obduktion gebracht. Einzelheiten zu den Umständen, wie die Beamten auf den Fundort gestoßen sind und in welchen Zustand der Junge gefunden wurde, verrät Holm nicht. Die Bewohner des Hauses stehen nicht unter Tatverdacht.

Pressekonferenz für morgen angekündigt

Tagelang hatten Polizei und Feuerwehr mit einem Großaufgebot nach dem Jungen gefahndet. Taucher untersuchten Teiche und den Fluss Krückau. Am vergangenen Donnerstag war Tim aus seinem Kinderbett verschwunden. Nach Aussagen der 21 Jahre alten Mutter hatte sie den Kleinen noch mit Jeans und einem Pulli bekleidet ins Bett gebracht und sich dann selbst im Wohnzimmer hingelegt. Als sie nach gut drei Stunden gegen 22 Uhr wieder aufwachte, sei der Junge weg gewesen. Es begannen Tage der Ungewissheit für die Familie und die Polizei. Immer wieder wurden Angehörige vernommen. Morgen will sich die Polizei auf einer Pressekonferenz äußern.

Das Haus, in dem Tim mit seiner Mutter wohnte, liegt nur eine Querstraße entfernt. Am Eingang klebt ein signalroter Aufkleber der Polizei: "Tatort. Ist beschlagnahmt! Betreten verboten!" Gegenüber wohnen die Großeltern, ein Polizeiwagen steht davor. Tims Vater, der von der Mutter geschieden ist, lebt ebenfalls hier. Kinder spielen in den kleinen Hinterhöfen. Vor ein paar Tagen hat Tim noch mit ihnen getobt.