Der Fall Lindy Chamberlain: Ein Schrei in der Dunkelheit
Dingo-Attacke 30 Jahre Todesschmerz
Lindy Chamberlain-Creighton ist 32 Jahre alt, verheiratet, Mutter dreier Kinder, als ihr Leben und das ihrer Familie zerstört wird. Unvermutet, plötzlich, brutal. August 1980: Lindy, Ehemann Michael und ihre Kinder zelten auf einem Campingplatz, mitten im Outback, nahe des magischen, ziegelroten Inselbergs Uluru, besser bekannt als Ayers Rock, dem Wahrzeichen des wilden Australien.
Lindy hat erst vor zwei Monaten entbunden: Ihre jüngste Tochter, Azaria, ist auf dem Ausflug dabei, zusammen mit ihren Brüdern, dem sechsjährigen Aidan und Reagan, vier Jahre alt. Die Region um den Uluru ist damals kaum touristisch erschlossen, der nächste größere Ort mehrere hundert Meilen entfernt. Die Familie schläft in einem spartanisch ausgerüsteten kleinen Zelt. Am späten Sonntagabend des 17. August 1980 passiert es: Azaria, neun Wochen und vier Tage alt, verschwindet aus dem Zelt. Die Leiche wird nie gefunden.
Noch immer gilt der Fall als ungelöst. Nach drei Jahrzehnten und immer neuen Ermittlungen, Untersuchungen, Gutachten, Indizien, einem Prozess, einem aufsehenerregenden Schuldspruch und einer halbherzigen Begnadigung, die das Ansehen des australischen Justizsystems bis heute erschüttern. Nun erfährt der Fall eine erneute Wende.
Blutspuren im Auto
Im August 1980 macht das Verschwinden des Mädchens Schlagzeilen weit über die Grenzen des Kontinents hinaus, wie auch der Prozess mit der Mutter als Angeklagter. Noch bevor die Richter ihr Urteil sprechen, erscheinen zwei Bücher über den Fall. Ein Kinofilm über Lindy Chamberlains Geschichte ("A Cry in the Dark") wird Hauptdarstellerin Meryl Streep eine Oscar-Nominierung einbringen.
Grund ist die bis dato beispiellose Dramatik des Falls - denn schnell steht Aussage gegen Beweislage. Verzweifelt erklärt Lindy Chamberlain vor Gericht, ein Dingo - ein verwilderter Haushund - habe ihr Baby verschleppt. Das Raubtier sei in das Zelt eingedrungen, habe Azaria gepackt und sei mit ihr in der Dunkelheit verschwunden.
Lindy sagt unter Eid aus, sie habe am Zelt die Umrisse eines Dingos gesehen, der dann in die Dunkelheit davongerannt sei. Mehr habe sie nicht erkennen können. Kurz darauf habe sie bemerkt, dass Azaria nicht mehr im Zelt war.
Ein Gerichtsmediziner gibt Lindy Chamberlain nach einer ersten Untersuchung Recht. Doch rasch werden Zweifel laut.
Ermittler finden Blutspuren im Familienauto. Ein blutbefleckter Babystrampler in der Nähe des Zeltplatzes legt nach Ansicht der Ankläger die Vermutung nahe, die Familie habe Azarias Leiche vergraben und die Polizei mit gefälschten Spuren in die Irre führen wollen.
Das Untersuchungsergebnis des Rechtsmediziners wird schließlich verworfen, Lindy Chamberlain des Mordes angeklagt. Sie habe ihrem eigenen Baby auf dem Vordersitz ihres Familienautos die Kehle durchgeschnitten, heißt es in der Anklageschrift. 1982 wird die junge Frau, die zum Zeitpunkt des Prozesses im siebten Monat schwanger ist - zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Ehemann Michael wird der Beihilfe zum Mord für schuldig befunden und muss für 18 Monate ins Gefängnis. Die Anwälte des Ehepaares legen Berufung ein, ohne Erfolg.
Todesursache: offiziell ungelöst
"95 Prozent der Australier glaubten damals, Lindy Chamberlain sei schuldig", erinnert sich Shane Warren, 62-jähriger Ladenbesitzer im westaustralischen Ferienort Broome. Ein Baby verschwindet unbemerkt aus einem Viermannzelt, entführt von einem Dingo? "Diese Erklärung erschien abenteuerlich", sagt Warren. Zudem sei es schwer gewesen, Mitgefühl für die junge Mutter zu empfinden: "Eiskalt" habe sie in der Berichterstattung gewirkt, unnahbar und abgebrüht.
Doch die Stimmung sollte bald umschlagen, der Fall die Nation spalten. Führende Rechtsexperten prangerten das Gericht an - die Beweislage sei zu dünn, das Urteil zu hart.
Vier Jahre nach dem Urteilsspruch finden Aborigines-Tracker ein Babyjäckchen nahe des Ayers Rock, nicht weit von einem Dingo-Bau entfernt. Neue Untersuchungen werden eingeleitet. Der Verdacht erhärtet sich, das Kleinkind sei Opfer einer Wildhund-Attacke geworden. 1986 wird Lindy Chamberlain aus der Haft entlassen.
Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss entlastet die Eheleute 1987, beide werden begnadigt. Allerdings kommt eine weitere gerichtliche Untersuchung der Todesursache im Jahre 1995 zu keinem eindeutigen Ergebnis. Und so wird dieser Punkt in der Sterbeurkunde offengelassen, der Fall bleibt offiziell ungelöst.
Todesursache unklar: Dagegen will Lindy Chamberlain jetzt, drei Jahrzehnte nach der tragischen Nacht am Uluru, vorgehen. Chamberlain ist mittlerweile 62, ist von Michael geschieden und lebt in zweiter Ehe in den USA. Nun forderte sie zum 30. Jahrestag des Verschwindens Azarias, die Todesursache in der Sterbeurkunde ihrer Tochter in "Tod durch Dingo" zu ändern.
Untersuchung aufgerollt?
Auf ihrer Web-Seite wandte sie sich in einem offenen Brief an die "vorurteilsfreie australische Bevölkerung". Der ungeklärte Status in der Sterbeurkunde, so prangert sie an, provoziere die Frage, ob die verantwortlichen Behörden wirklich nach der Wahrheit suchten oder "einfach zu stolz sind, einen Fehler zuzugeben".
Die Regierung des zuständigen australischen Bundesstaates Northern Territory hat bereits signalisiert, sich noch einmal mit dem Fall befassen zu wollen. Generalstaatsanwältin Delia Lawrie erklärte, sie habe als Reaktion auf Chamberlains Brief eine Anfrage an das Personenstandsregister gestellt. Der Status der Todesursache solle überprüft werden, "unter Einbeziehung aller zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Informationen".
Chamberlain wurde angeklagt, sie wurde verurteilt, freigelassen und begnadigt. Ihre Geschichte ist Stoff eines international bekannten Drehbuchs, ihre Autobiografie steht längst in den Regalen der Buchläden. Lindy Chamberlain wurde in allen Zeitungen analysiert, ihr Schicksal in allen Boulevardmagazinen zerfleddert. Ihr Fall hat sich ins kollektive Gedächtnis der Australier eingefräst. "Ob beim Barbeque, Treffen mit Freunden oder am Strand - früher oder später kommt die Rede auf Lindy Chamberlain", sagt Gary Best, 45.
Als Teenager habe er mit seinen Freunden Witze auf dem Schulhof gerissen, erinnert er sich. Wenn einer zu spät kam oder keine Hausaufgaben gemacht hatte, wurde geblödelt "A Dingo ate my baby" ("Ein Dingo hat mein Baby gefressen"). "Das ganze Land sprach lange über nichts anderes", so Best.
"Der Fall brach mein Herz"
Am 30. Todestag Azaria Chamberlains bestimmte zwar die tödliche Hai-Attacke auf einen Surfer im Ferienort Margaret River die Tagesnachrichten. Doch angesprochen auf Lindy Chamberlain hat jeder im Land eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Meinung. "Der Fall brach mein Herz", erinnert sich Ann Montgomery, 54, aus Perth. Eigentlich muss sie ihre Lebensmittel zum Auto bringen, das Eis tropft aus der Einkaufstüte.
Doch die gut frisierte, resolute Australierin kennt jeden Aspekt der Geschichte Lindy Chamberlains. Welche Frisur sie am ersten Prozesstag trug, welches Kleid. Dass Lindys neuer Ehemann Rick heiße. Dass Lindy Chamberlain Sieben-Tags-Adventistin sei, sehr religiös. "Und ich wusste immer, dass sie unschuldig ist", fügt Ann hinzu. Nach Chamberlains Freilassung habe sich die Stimmung im Land gewandelt, erzählt sie - "alle waren betroffen". Plötzlich sei jeder nur noch entsetzt gewesen über das heimische Justizsystem. "Es ist einfach eine Schande", schimpft die Australierin. Lindy Chamberlain verdiene "Ruhe, Frieden und Gerechtigkeit".
In der Tat könnte Bewegung in den Fall kommen: Das australische Personenstandsregister hat die Befugnis, neue Untersuchungen zur Feststellung der Todesursache in die Wege zu leiten, aktuelle Informationen zu sammeln, Zeugen und Beteiligte erneut befragen zu lassen. Nicht ausgeschlossen ist eine weitere gerichtliche Untersuchung.
Ein Mordprozess, drei gerichtliche Ermittlungen und ein Untersuchungsausschuss - doch die Geschichte der Lindy Chamberlain ist noch nicht zu Ende.