Einbruchsopfer Tiefer Griff in die Seele
Wohnungseinbruch (Symbolbild)
Foto: Nicolas Armer / dpaZurück bleibt ein Gefühl, das Sandra Wehe jederzeit abrufen kann. Zu intensiv war der Anblick und ihr Empfinden, als sie vor vier Jahren am frühen Abend vom Büro nach Hause kam: Ihre Wohnungstür war zu, aber nicht verschlossen. Das kam ihr gleich merkwürdig vor, sie betrat den Flur: Die Schubladen der Kommode unter der Garderobe waren aufgerissen, der Inhalt lag auf dem Läufer verstreut. Sie hatte Angst und ging doch von Zimmer zu Zimmer. "Es sah aus, als sei von oben eine Bombe herabgefallen", sagt die 48-Jährige.
Es fehlten Schmuck, Laptop, Kompaktanlage und der Kaffeevollautomat, insgesamt ein Wert von weniger als 3000 Euro. Die Polizei nahm den Einbruch auf, ihr damaliger Lebensgefährte holte sie ab, nahm sie bei sich auf. Als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, schlief er die ersten Nächte bei ihr.
Was nur wenige in Sandra Wehes Umfeld damals verstanden: "Ich war verunsichert, ein oder mehrere Fremde waren in meinem Zuhause, in meiner Burg, in meiner Festung gewesen. Es fühlte sich auf einmal so an, als sei meine Wohnung für jedermann zugänglich, als hätte ich den Schutz auf Privatsphäre verloren."
"Schweißgebadet"
Bis heute spürt Sandra Wehe eine Angst, die ohne Ankündigung aufsteigen kann, wenn sie in der Badewanne liegt oder im Treppenhaus steht und ungewohnte Laute hört. Und sie spürt den Zwang, alles doppelt und dreifach zu verschließen, egal ob sie zu Hause ist oder das Haus verlässt. "Wenn man einmal Opfer eines Einbruchs war, brennt sich das in die Seele."
Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr bundesweit 167.136 Wohnungseinbrüche und Einbruchsversuche. Anders als viele andere Delikte nehmen Wohnungseinbrüche seit 2006 zu: Im Schnitt wird alle drei Minuten irgendwo eingebrochen. Die Tat dauert oft nur ein paar Minuten länger, das Chaos danach ist groß, die Beute manchmal nur gering. Die psychischen Folgen für die Betroffenen sind meist verheerend.
Knapp 4000 Euro hat die Versicherung Uwe Hansen bezahlt für den Einbruch in seinem Refugium. Uwe Hansen sieht es als Schmerzensgeld. "Dafür, dass ich noch immer nachts aufwache, schweißgebadet, weil ich Schiss habe." Er ist froh, dass es in der Wohnung in Dortmund passierte, in der er damals nur unter der Woche wohnte, nicht in seinem Zuhause in Flensburg, in dem er mit seiner Familie lebt. "Wenn mich das schon so belastet und nicht mehr loslässt, wie wäre das dann für meine Kinder und meine Frau?"
"Die Wunde im Kopf"
Uwe Hansen ist sicher, dass die Diebe ihn bewusst ausgekundschaftet haben und wussten, wann sie "leichtes Spiel" haben, wie er es nennt. Leichtes Spiel heißt: Wohnung im Erdgeschoss mit Balkon, quasi ein Notausgang, falls die Täter auf frischer Tat erwischt werden, und ein Bewohner, der viel arbeitet und nur zum Schlafen nach Hause kommt.
Die Einbrecher stahlen Fernseher, Fotoapparat und Tablet. "Alles ist ersetzbar", sagt Uwe Hansen. "Nur nicht die Wunde im Kopf." Er habe nie geglaubt, dass eine Tat, die man selbst "nicht live" erlebt habe, solche psychischen Folgeschäden anrichten könne.
Jeder Zehnte hat inzwischen zu Hause eine Alarmanlage installiert. Eine Garantie ist das nicht. Vor dem Landgericht Verden müssen sich derzeit fünf Männer verantworten, die in Bremen und im Umland systematisch in Häuser eingestiegen sein sollen, 35 Fälle sind angeklagt. Bei einigen Einbrüchen sollen sie die Alarmanlage ausgeschaltet haben.
Einbruch während der Beerdigung
Das Landgericht Hannover verurteilte im März eine Frau und zwei Männer, die sich eines altbewährten Diebstahltricks bedienten: Sie brachen während der Beerdigung in die Häuser von Verstorbenen und deren Angehörigen ein. Die Frau chauffierte die Herren, der eine stand Schmiere, der andere stieg in die Häuser ein.
Vor Gericht sagten viele Opfer als Zeugen aus. Einige kamen auch, um zu sehen, wer ihnen so etwas angetan hat: Auf der Anklagebank saßen drei junge Menschen, von denen ein Zeuge sagte: "Die sehen so nett aus, denen hätte ich so etwas nie zugetraut."
Margarete H., 84, war auch eines der Opfer. Die Einbrecher hebelten die Terrassentür ihres Hauses auf. "Sie waren überall, in jedem Zimmer, im Keller, haben jede Schublade rausgerissen, ausgeschüttet, hingeworfen", beschreibt sie den Überfall vor dem Landgericht Hannover. Sie klauten die Geldbörse mit 150 Euro, Silberbesteck, sogar den Vorwerk-Staubsauger für 900 Euro, den sie noch nicht abbezahlt hatte. "Ich denke da noch immer dran, fast jeden Tag. Ich wohne allein, habe Angst, dass das noch einmal passiert."
Eine gehbehinderte Rentnerin kam von der Beerdigung ihres Ehemannes, als sie ihr Haus verwüstet vorfand. Die Einbrecher hatten das winzige Fenster einer alten Garage, einst ein Plumpsklo, zerschlagen und sich durchgezwängt. Die Frau hatte viel Bargeld zu Hause, das die Diebe nicht fanden. Dafür das Silberbesteck, den Schmuck, den sie durch den Zweiten Weltkrieg geschleppt hatte, die Hochzeitsgeschenke mit Gravur, den Ehering ihres Vaters - "keine Reichtümer, aber ideelle Werte", sagt ihr Sohn vor dem Landgericht Hannover. Ihr erster Kaffeelöffel, den sie 1950 zu ihrer Aussteuer geschenkt bekommen hatte. "Das schmerzt sie sehr."
Über die Einbrecher sagt der Sohn: "Die waren in jedem Raum, in jedem Zimmer, haben jeden Schrank, jede Schublade durchwühlt." Seine betagte Mutter sei zwar "recht tapfer", aber es vergehe kein Tag, an dem sie nicht über den Einbruch spreche.