Eisdielen-Morde: "Bitte hilf mir, Kosta!" - DER SPIEGEL
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Eisdielen-Morde "Bitte hilf mir, Kosta!"

Anna K. wurde bei der Schießerei in Rüsselsheim von einer verirrten Kugel getroffen. Sie starb in den Armen ihres Mannes - die zweifache Mutter ist offenbar zufällig in eine Abrechnung unter jungen Männern geraten. Angehörige behaupten, es sei um Wettschulden und private Fehden gegangen.
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Rüsselsheim - Die roten und weißen Plastikstühle der Eisdiele De Rocco sind ineinander gestapelt. Zwei Cappuccino-Tassen, ein Eiscafé-Glas und einige Karten liegen auf den kleinen Tischen. Sie sind stumme Zeugen der Schießerei am Dienstagabend mitten in der Fußgängerzone von Rüsselsheim, bei der drei Menschen starben. Ein Mann ist noch in Lebensgefahr.

Das italienische Eiscafé wird von Polizisten bewacht, ebenso die angrenzende griechische Taverne Leonidas. Ermittler sichern unter einem roten Zelt letzte Spuren. Unter einer rotweiß gestreiften Markise liegen weiße Lilien und dunkelrote Gerbera. Wenige Grablichter flackern im Wind.

Kostadinos K. kann seinen Blick nicht von dieser Szenerie abwenden. "Hier starb meine Frau", sagt der 54-Jährige SPIEGEL ONLINE. Die rotgeweinten Augen verbirgt er hinter einer getönten Brille. Seine rechte Hand drückt abwechselnd ein zerknittertes Bild seiner Anna und das goldene Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt. Er ist seit 16 Stunden hier. "Ich war daheim, habe versucht, zu schlafen - es ging nicht, dann bin ich wieder her."

Der gebürtige Grieche war - wie jeden Sommerabend - im Leonidas, das seinem Bruder gehört. Traditionell trifft sich in dieser kleinen Taverne, die auch Fremdenzimmer anbietet, die Familie. Seine Frau Anna trank auf der Straße beim benachbarten Italiener einen Cappuccino mit der Schwiegermutter eines ihrer beiden Söhne.

"Ich stürmte sofort raus"

"Plötzlich hörte ich vier bis fünf Schüsse. Ich stürmte sofort raus, sah meine Frau am Boden liegen", sagt Kostadinos K. mit fester Stimme. Mit Verwandten schleppte er die schwer aus dem Bauch blutende Frau in das griechische Lokal. "Bitte hilf mir, Kosta!", flüsterte Anna K. ihrem Mann ins Ohr.

Es waren ihre letzten Worte.

"Ich kann nichts mehr denken", sagt Kostadinos K. und reibt sich die Augen. Seine Söhne, 27 und 28 Jahre alt, sind gerade im Urlaub in Griechenland. "Ich habe sie angerufen, ihnen gesagt, dass ihre Mutter tot ist. Sie wollten wissen, warum? Ich konnte ihnen die Frage nicht beantworten."

Wie die meisten, die während der Schüsse am Tatort waren, kennt Kostadinos K. weder die anderen Opfer noch die Täter. "Wir sind alle so erschrocken, wir sind aufgesprungen, haben das Blut gesehen, Hilfe geholt, geschrien oder uns in Sicherheit gebracht", sagt eine Augenzeugin SPIEGEL ONLINE. Nur wenige konnten die Täter detailliert beschreiben, obwohl sie zu Fuß durch die Einkaufszone flohen. "Das ging alles so schnell. Man dachte ja, vielleicht schießt nochmal einer."

Nach bisherigem Ermittlungsstand starb Anna K. zufällig. "Wir gehen davon aus, dass die Täter die Frau nicht töten wollten", sagt ein Polizeisprecher.

"Eine gute Frau und Mutter"

"Es sollten nur die Männer sterben", glaubt auch Kostadinos K. "Anna war eine gute Frau, eine so gute Mutter, sie war tüchtig und hatte ein großes Herz."

Bis vor kurzem hatte die 55-Jährige mit den dunklen, kurzen Haaren und der Brille bei Opel gearbeitet. Jetzt freute sie sich darüber, mehr Zeit für die Familie zu haben.

Die Angehörigen der griechischen Gemeinde in Rüsselsheim und die vielen Freunde gäben ihm Halt, sagt Kostadinos K. Sie alle versammeln sich heute am Tatort, als müssten sie Totenwache halten. Immer wieder fragt Kostadinos K. hilflos in die Runde: "Warum musste meine Frau sterben? Warum?"

Die Antwort darauf sollen die rund 200 Polizisten finden, die nach den vier Tätern fahnden. Laut Zeugenaussagen handelt es sich bei den Flüchtigen um junge Türken. Auch zwei Opfer sollen türkische Wurzeln haben, wie Bekannte der Toten SPIEGEL ONLINE sagten. Einer von ihnen sei Erkan K. gewesen, der andere sein Cousin. Sie sollen aus einer großen Familie stammen, die als stadtbekannt gilt.

Wettschulden? Rache? Eine Familienfehde?

Weggefährten und Freunde wollen sich zu möglichen Motiven des Angriffs auf die beiden nicht äußern. "Wenn ich was sage, bin ich vielleicht der nächste", sagt einer SPIEGEL ONLINE.

Ein anderer: "Es ging um viel Geld." Wettschulden? Keine Antwort. Ein Cousin: "Es ging nicht um Geld, sondern um etwas viel Persönlicheres."

Am vergangenen Samstag soll es in einem Kulturzentrum in Rüsselsheim eine Messerstecherei zwischen Türken gegeben haben. War es Rache?

Schulterzucken.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden inzwischen zwei Männer festgenommen, die aus dem Umfeld der Täter stammen könnten. Auch das hat sich in der Kleinstadt Rüsselsheim herumgesprochen. Wer es sein könnte?

Schweigen.

"Unter sich regeln - ohne die deutsche Polizei"

Nach dem Verbrechen war zunächst die Rede von vier Toten. Am Mittwochmorgen teilte die Polizei jedoch mit, dass eines der Opfer noch lebe, wenngleich der Mann schwer verletzt sei. Warum er zunächst als tot gegolten habe, sei unklar, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts in Wiesbaden SPIEGEL ONLINE.

Einige Türken aus Rüsselsheim vermuten dahinter Taktik. "Das sagen die nur, um die Täter unter Druck zu setzen, dass sie einen Zeugen haben, der auspacken könnte", sagt Emre K. SPIEGEL ONLINE. "Sie wissen, dass auch die Opferfamilien mauern werden. Die werden das unter sich regeln, ohne die deutsche Polizei."

Auch die Ermittler gehen davon aus, dass die Gesuchten noch immer bewaffnet und gefährlich sind. Auf einer Pressekonferenz wollen Staatsanwalt und Landeskriminalamt am Nachmittag Details zu Fahndung, Ermittlungsstand sowie zur Identität oder Nationalität der Opfer präsentieren.

Notfallseelsorger kümmern sich derweil noch immer am Tatort um zwei junge Frauen, die halfen, die sterbende Anna K. in Sicherheit zu bringen. Sie sind traumatisiert, wollen den Ort des Geschehens aber partout nicht verlassen. "Meine Frau stand ihnen sehr nahe, sie gehören zur Familie", sagt Kostadinos K. "Sie haben gesehen, wie Anna in meinen Armen starb. Das werden wir alle nie wieder aus unseren Köpfen löschen können."