Philip Garrido: Bizarre Botschaft an die Welt
Entführungsfall Jaycee Dugard Das Pamphlet des Peinigers
San Francisco - 18 Jahre lang lebte Jaycee Dugard in der Gewalt von Philip Garrido. Er soll sie als kleines Mädchen aus ihrer vertrauten Welt gerissen, sie eingesperrt, vergewaltigt und zwei Kinder mit ihr gezeugt haben.
Der verurteilte Sexualstraftäter bezeichnete das Verbrechen, das ihm nun zur Last gelegt wird, in einem Telefoninterview als "herzerwärmende Story". Aus Papieren, die der 58-Jährige den Ermittlungsbehörden übergab, geht laut einem "CNN"-Bericht hervor, in welch bizarrer Vorstellungswelt der mutmaßliche Entführer lebt.
"Dieses Informationsmaterial soll eine Botschaft an Vollzugsbehörden, Erzieher und Therapeuten weltweit sein", kündigt Garrido an. "Weg ins Licht" ist ein Kapitel des vierseitigen Manifests überschrieben. Die Kernthese besagt, dass sich Garrido früher als Opfer seiner sexuellen Phantasien sah, diese dank einer Art religiösem Erweckungserlebnis nun jedoch überwunden zu haben glaubt.
Die Schriften, so Garrido, ermöglichten es, zu verstehen, wer er wirklich sei.
Bereits 1977 war Garrido wegen Entführung und Vergewaltigung einer 25-jährigen Frau zu einer Gefängnisstrafe von 50 Jahren verurteilt worden, elf Jahre davon saß er ab. In dem Prozess schilderte er damals seine Zwangsvorstellungen - in seinen Schriften prahlt er jedoch nicht nur damit, sie mittlerweile kontrollieren zu können, sondern auch, anderen helfen zu können, triebhaftes Verhalten abzulegen.
Er habe früher "aggressives sexuelles Verhalten" Frauen gegenüber an den Tag gelegt, zum Beispiel in der Öffentlichkeit masturbiert. "Bestimmte Verhaltensweisen haben mir selbst und den Opfern großen Schmerz zugefügt, besonders meiner Familie und meiner Frau", schreibt Garrido.
Dann berichtet Garrido von seiner "Therapie" - er zwang sich, Frauen anzuschauen, ohne körperlich zu reagieren: "Sieh nur, wie schön sie ist", habe er zu sich beim Anblick einer attraktiven Frau gesagt - doch seine Impulse beherrscht. "Ich entdeckte, dass ich die Dinge, die ich für so stimulierend gehalten hatte, gar nicht tun musste", heißt es in Garridos Aufzeichnungen, er habe daraufhin "ein überwältigendes Gefühl der Freiheit " erlebt.
"Es ist fürchterlich, was er Jaycee angetan hat"
Schließlich habe er zum ersten Mal eine erfüllte sexuelle Erfahrung mit seiner Frau erleben können - wobei nicht klar ist, ob sich die Bezeichnung "meine" Frau auf die verehelichte Nancy Garrido oder Jaycee Dugard bezieht.
Von der Wirkungskraft seiner Schriften ist Garrido überzeugt, sein Sendungsbewusstsein scheint ausgeprägt. Er könne anderen Sexualstraftätern helfen, ihr Leben zu ändern. "Meine Methode öffnet uns allen einen neuen Weg. So Gott will, werde ich diese Methode wie auch andere Fähigkeiten, die Jesus mir zuteil werden lässt, in Gefängnissen überall in den USA und im Ausland lehren."
Die Frau, die Garrido 1976 entführte und missbrauchte, berichtete mittlerweile in der CNN-Fernsehsendung des US-Talkers Larry King von der damaligen Tat. "Es ist fürchterlich, was er Jaycee angetan hat, aber ich habe keine Zweifel daran, dass er dazu fähig war", sagte Katie Hall.
Hall schilderte, wie sie Garrido damals in die Hände fiel. Er hatte die damals 25-Jährige auf einem Parkplatz angesprochen, ob sie ihn ein Stück mitnehmen könne, weil sein Auto nicht anspringe. Nach einer kurzen Fahrt habe er sie brutal überwältigt, gefesselt und in einen Lagerschuppen verschleppt, wo sie stundenlang von Garrido vergewaltigt wurde. "Ich dachte, ich würde sterben", sagte Hall. "Ich kann mir nicht vorstellen, was Jaycee durchmachen musste. Durch Zufall entdeckte ein Polizist Garridos Versteck, befreite das Opfer und nahm ihn fest. "Er hatte mich nur für acht Stunden", sagte Hall. "Er hatte Jaycee 18 Jahre lang."
Dugards Stiefvater Carl Probyn sagte in einem TV-Interview, Garrido, seine Frau und die Entführte und ihre Kinder hätten wie "eine kleine Familie" zusammengelebt. "Das hielt sie vermutlich am Leben - die Tatsache, dass dort eine familiäre Beziehung bestand", so Probyn.
"Ein Schwarz oder Weiß gibt es da nicht"
Wie der "San Francisco Chronicle" berichtet, soll Dugard alias "Alissa" auch in dem Druckereibetrieb Garridos mitgearbeitet haben. Kunden gaben an, Garrido habe Allissa als seine Tochter vorgestellt. "Sie war sehr professionell, sehr höflich, eben wie eine Sekretärin", sagte der Druckereikunde Ben Daughdrill.
Für Jaycee Dugard hat derweil nach Schilderungen von Angehörigen ein vorsichtiger Orientierungsprozess in Freiheit begonnen. Wie die britische "Times" berichtet, habe sie mittlerweile ihren 15 und 11 Jahre alten Töchtern eröffnet, dass ihr Vater im Gefängnis und sie selbst all die Jahre seine Gefangene gewesen sei. Ein Psychologenteam, darunter ein Experte vom amerikanischen "Zentrum für vermisste und missbrauchte Kinder", helfe Dugard und ihren Angehörigen, sich in ein neues Leben einzufinden.
Ein schmerzlicher Prozess ist das für die ganze Familie: Dugard selbst ist mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie jahrelang als "Alissa" mit einer falschen Identität lebte, die Angehörigen müssen damit umgehen, dass Jaycee nicht mehr das elfjährige Mädchen ist, das damals so plötzlich aus ihrem Leben verschwand - und ihre Töchter müssen begreifen lernen, wer ihr Vater ist.
"Für die Kinder ist ihr Vater immer noch ihr Vater, egal, was passiert ist", sagte die Psychologin und Expertin für Kindesentführungen, Joann Behrmann-Lippert, der "Times". "Das ist eine sehr komplexe Situation, ein Schwarz oder Weiß gibt es da nicht."