Entführungsfall Maria Bögerl: Geld, Schuld, Schweigen - DER SPIEGEL
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Fall Maria Bögerl: 27 Minuten für ein Menschenleben

Foto: Stefan Puchner/ dpa

Entführungsfall Maria Bögerl Geld, Schuld, Schweigen

Der Fall der entführten und ermordeten Bankiersfrau Maria Bögerl wird immer verworrener: Der Ehemann der Getöteten und die Polizei schieben sich gegenseitig die Schuld für die gescheiterte Lösegeldübergabe zu - die mitverantwortlich für den Tod der 54-Jährigen sein könnte.
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Hamburg - Es war kurz vor halb zwölf, als an jenem Mittwoch das Telefon von Thomas Bögerl klingelte. Am anderen Ende der Leitung war ein Mann, er sprach mit schwäbischem Akzent, forderte 300.000 Euro in besonderen Scheinen, gab Bögerl zweieinhalb Stunden Zeit - sonst werde er seine Frau umbringen. "Ich werde mit dem Tod bedroht", sagte Maria Bögerl in jenem kurzen Gespräch. Ihrem Mann gelang es, mit dem Entführer zu verhandeln. Am Ende des Gesprächs hatte man sich auf eine Übergabe des Geldes um 15 Uhr verständigt. Dreieinhalb Stunden Zeit für 300.000 Euro. 210 Minuten für ein Menschenleben.

Doch 210 Minuten waren zu wenig. Die Geldübergabe scheiterte. Erst um 15.27 Uhr legte Thomas Bögerl den Sack mit den Geldscheinen wie vereinbart auf der Behelfsautobahnausfahrt der A7, Fahrtrichtung Würzburg, an der mit einer Deutschlandfahne markierten Stelle ab.

27 Minuten zu spät. Das Geld lag auch am nächsten Morgen noch an der Stelle. Bis es versehentlich weggeräumt wurde - von der Autobahnmeisterei.

Die Übergabe scheiterte. 22 Tage später fand ein Spaziergänger die Leiche Maria Bögerls in einem Waldstück, rund tausend Meter entfernt von dem Ort, an dem Bögerl das Geld aus einem Autofenster geworfen hatte.

Entführungsfall Bögerl

Die misslungene Geldübergabe ist mehr als ein Detail. Sie ist womöglich der Grund, aus dem Maria Bögerl sterben musste, dass also aus dem der Mordfall Bögerl wurde. Insofern ist die Frage, wer für das Scheitern verantwortlich ist, untrennbar mit der Frage nach der Verantwortung für die Folgen verknüpft.

Fest steht: Der Entführer stellte besondere Forderungen, die in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen waren. Fest steht auch: Das Geld wurde zu spät deponiert. Volker Lück, der Leiter der Heidenheimer Polizei, erklärte vergangenen Woche, die "enge Zeitvorgabe" des Täters habe dazu geführt, dass das Geld eine halbe Stunde zu spät zur Autobahn gebracht worden sei.

Keiner will es gewesen sein - doch einer muss es gewesen sein

Doch was heißt das genau? Wer war für die Einhaltung der Zeitvorgabe verantwortlich? Was genau ist in den dreieinhalb Stunden passiert - oder eben auch nicht? Wer besorgte das Geld für die Lösegeldübergabe? Und wer ist schuld, dass die Scheine nicht rechtzeitig am vereinbarten Ort lagen?

Die Ermittler und Thomas Bögerl haben sich dazu in den vergangenen Tagen in widersprüchlicher Form geäußert - und sich gegenseitig für das Versagen verantwortlich gemacht. Keiner will es gewesen sein.

"Der Ehemann von Frau Bögerl hat sofort - ohne dass eine entsprechende Bitte seitens der Polizei an ihn herangetragen worden wäre - erklärt, die geforderte Lösegeldsumme entsprechend den Tätervorgaben bereitstellen zu können", heißt es in einer offiziellen Stellungnahme von Polizei und Staatsanwaltschaft Ellwangen. Demnach hat die Polizei gar nicht erst versucht, die 300.000 Euro gemäß den Vorgaben zu beschaffen.

Dem widerspricht Thomas Bögerl entschieden. In einem Interview mit den "Stuttgarter Nachrichten" sagte er: "Ich habe nie darauf bestanden, das Geld selbst zu besorgen. Der Betrag wurde besorgt." Mehr sagt er nicht. Doch was heißt das? Er hat nicht darauf "bestanden", es zu besorgen - aber es letztlich vielleicht doch besorgt? Die Summe, die der Täter forderte, soll dem sogenannten Alleinunterzeichnungsrecht Bögerls entsprochen haben. Das bedeutet zweierlei: Bögerl hätte das Geld eigenmächtig aus der Kreissparkasse entwenden und die Forderung erfüllen können. Es bedeutet auch: Der Täter wusste sehr genau über die Verhältnisse Bögerls Bescheid.

Laut "Bild"-Zeitung soll Thomas Bögerl die Beamten gegen 13.15 Uhr informiert haben, dass er das Geld nicht in der geforderten Form auftreiben könne. Zu diesem Zeitpunkt blieben weniger als zwei Stunden bis zum vereinbarten Termin. Der "Stern" berichtete, die Übergabe sei an bürokratischen Hindernissen der Polizei gescheitert: Demnach konnten die Ermittler die Scheine nicht schnell genug auftreiben. Dem wiederum widersprach die Polizei. Sie habe nach dem Angebot Bögerls nicht versucht, das Geld selbst zu besorgen, heißt es in der Stellungnahme.

Inzwischen weigert sich die Polizei, Fragen zum Fall Bögerl zu beantworten. Antworten sucht sie selbst verzweifelt. Soko-Leiter Hartmut Schröppel will am Mittwochabend in der ZDF-Fahndungsreihe "Aktenzeichen XY ... ungelöst" Fragen an die Bevölkerung stellen - offensichtlich fehlen handfeste Ermittlungsansätze.

Geld auftreiben, registrieren, übergeben - das ist das Minimum

Die "detaillierten Forderungen mit dem äußerst engen Zeitfenster und einer atypischen Stückelung" hätten der Polizei nur "extrem begrenzte Handlungsalternativen" gelassen, rechtfertigten sich die Ermittler noch vor kurzem. "Das Angebot des Vorstands der Kreissparkasse Heidenheim erschien als der am ehesten erreichbare Ansatz, die Forderungen des Erpressers zu erfüllen."

Eine Geschichte, zwei Varianten. Keine von beiden muss stimmen, aber eine ist mit Sicherheit falsch. Es ist nachvollziehbar, dass Thomas Bögerl alles in seiner Macht stehende tun wollte, um seine Frau zu retten. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Polizei die Ermittlungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht durch die Preisgabe von "Täterwissen" behindern und zu viele Details an die Öffentlichkeit geben will.

Verwirrspiel der Polizei

Derzeit wartet sie allerdings mit einem Verwirrspiel auf. Statt mit einem professionellen Informationsmanagement zu überzeugen, schieben die Ermittler dem Witwer die Verantwortung zu. Das scheint angesichts der Bedrohungslage nicht nur unangemessen - wer, wenn nicht die Polizei, soll die Planung und Durchführung eines solchen Einsatzes übernehmen? - sondern gegenüber der betroffenen Familie auch unfair. Selbst wenn Thomas Bögerl darauf bestanden hätte, das Geld zu besorgen - hätte man ihm in einer solchen Ausnahmesituation mit der Verantwortung allein lassen dürfen?

Mitnichten, meinen Experten. Dieter Langendörfer, einst Leiter der Sonderkommission "Reemtsma" und heute Sicherheitsberater, sagt, es sei zwar "durchaus üblich" von Angehörigen das Angebot anzunehmen, das geforderte Geld selbst aufzutreiben. "Warum auch nicht? Wenn das schneller geht, als wenn es die Polizei besorgen muss." Doch er schränkt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein: "Aber die wichtigsten Grundsätze der Polizeiarbeit müssen natürlich beibehalten werden." Dazu gehöre, dass das Geld in jedem Fall registriert werden müsse, um eine anschließende Fahndung zu ermöglichen.

Vorgehensweise spricht für einen sehr brutalen Täter

Die Erklärung der Heidenheimer Polizei, die Geldübergabe sei an den engen Vorgaben des Entführers gescheitert, teilt Langendörfer, ehemalige Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im Hamburger Landeskriminalamt, nicht. "In diesem Zeitrahmen hätte man das Minimum stemmen können: Geld auftreiben, registrieren, übergeben. Selbst wenn eine außergewöhnliche Stückelung gefordert war, muss man sich notfalls darüber hinwegsetzen, das Geld einpacken und los geht's! Es geht schließlich um Leben und Tod."

So individuell jede Entführung sei und so individuell der Notfallplan in jedem einzelnen Fall aussehe, über jeder Entführung stehe der Grundsatz: "Wir müssen alles dafür tun, um das Opfer lebend zu retten." Das bedeute: Die Ermittler müssten sich unterordnen, die Forderungen erfüllen. "Manche Polizeibeamte tun sich mit einem Erfüllungskonzept unter dieser Belastung schwer", konstatiert Langendörfer.

Im Fall Maria Bögerl - klare Ansage, enges Zeitfenster, Ablage des Geldes an einer markierten Stelle - habe es nach seinem Kenntnisstand nicht viel gegeben, was hätte scheitern können. Haben sich die Beamten vielleicht zeitlich vertan, weil sie die Geldscheine präparieren wollten? Wurde der Übergabeort etwa observiert, und der Täter bekam Wind davon?

Überhaupt: Wer kommt auf die Idee, die Frau eines Kreissparkassenchefs zu entführen? Warum verlangte der Entführer eine ungewohnt niedrige Summe von 300.000 Euro? Hatte er von Beginn der Tat an geplant, die zweifache Mutter zu töten?

Der Polizei zufolge überfiel der Täter Maria Bögerl in ihrem Haus, zwang sie in ihren Mercedes und fuhr mit ihr davon. Unwahrscheinlich, dass sich der Täter maskiert hatte. Oder kannte Maria Bögerl den Mann, dem sie ausgeliefert war, ohnehin?

"Es klingt bisher so, als habe sich ihr Entführer in jedem Fall zu erkennen gegeben", spekuliert der frühere Kriminaloberrat Langendörfer, unter dessen Führung Mitte der neunziger Jahre die Entführer des Hamburger Millionärs Jan Philipp Reemtsma enttarnt wurden. "Seine Vorgehensweise spricht für einen sehr brutalen Täter. Vermutlich tötete er nach der gescheiterten Geldübergabe, weil er schlichtweg nicht wusste, wo er die Frau verstecken sollte."