Erpressung Quandt-Erbin tappt in die Honigfalle
München - Es war ein abgekartetes Spiel, eine Falle: Die reichste Frau Deutschlands, BMW- und Altana-Großaktionärin Susanne Klatten, hat sich mit einem smarten Unternehmer eingelassen - der sich als Krimineller entpuppte. Nachdem der Mann sie um einige Millionen Euro erleichtert hatte, versuchte er schließlich auch noch, die verheiratete Milliardärin mit kompromittierenden Fotos zu erpressen.
Helg S. heißt der Mann. Er ist blond, blauäugig, 1,85 Meter groß und stammt aus der Schweiz. Regelmäßig traf Klatten den 41-Jährigen in Luxushotels. Was sie nicht ahnte: Im Nebenzimmer quartierte sich stets ein Komplize ein, der die Zusammenkünfte heimlich filmte. Unter Berufung auf Ermittlungsakten schildern italienische Zeitungen jetzt den Kriminalfall, rekonstruieren das Vorgehen der italienisch-schweizerischen Kriminellen.
Zunächst tischte Helg S. der dreifachen Mutter eine phantastische Geschichte auf: Er schwebe in Lebensgefahr. Bei einem Autounfall habe er das Kind einer Mafiafamilie angefahren, nun brauche er Geld, um die Bosse zu entschädigen - ansonsten würde die italo-amerikanische Mafia ihn umbringen. Im November 2007 gibt Susanne Klatten ihm den Ermittlungsakten zufolge, aus denen italienische Zeitungen zitieren, 7,5 Millionen Euro. Sie habe ihm geglaubt, gibt sie später bei der Polizei an.
40 Millionen Euro Schweigegeld
Doch damit nicht genug: Helg S. und sein Komplize Ernano B., der Guru einer Sekte sein soll und ein langes Strafregister hat, geben sich mit den Millionen nicht zufrieden. Sie wollen mehr Geld. "Zunächst forderte der Erpresser ein Darlehen über mehrere Millionen Euro, später versuchte der Täter, eine weit höhere Summe zu erpressen", bestätigte ein Sprecher Klattens der "Süddeutschen Zeitung" den Kriminalfall.
Susanne Klatten ist nicht alleine: Mindestens drei weitere deutsche Frauen, Freundinnen der Quandt-Erbin, seien auf den Betrüger hereingefallen, berichten italienische Zeitungen. Auch sie seien mit angeblichen Aufnahmen erpresst worden - und sollen Geld gezahlt haben.
Von der öffentlichkeitsscheuen Unternehmerin Klatten forderte S. 40 Millionen Euro, nur dann sollten die Aufnahmen der gemeinsamen Treffen unter Verschluss bleiben. Später reduzierte S., der in Wirklichkeit "Russag" heißen soll, die Summe auf 14 Millionen Euro. Ein Treffen wurde vereinbart, am 14. Januar dieses Jahres sollte in Monte Carlo das Geld übergeben werden.
Luxusautos und Villen für die Betrüger
Statt des erpressten Geldes wartete dort aber die Polizei auf Helg S.: Susanne Klatten hatte Anfang des Jahres Strafanzeige wegen Betrugs und Erpressung gestellt. "Frau Klatten hat sich dazu entschieden, weil sie erkannte, dass die Beziehung zu Herrn S. einen ausschließlichen kriminellen Hintergrund hatte", gab ihr Sprecher bekannt. "Das Ziel war von Anfang an, sie zu betrügen und Geld zu erpressen."
Nach S.' Verhaftung habe dessen Ehefrau mit Klattens Anwalt Verhandlungen über den Verbleib des bereits gezahlten Geldes geführt, berichtet eine italienische Zeitung. Sie soll die Drohung wiederholt haben, die Aufnahmen zu verbreiten.
Im Februar wurde der Komplize des Schweizers, Ernano B., in Italien festgenommen. Die Ermittler stellten 1,7 Millionen Euro sicher, die sie in einem Zwischenraum unter einem Dach fanden. Außerdem beschlagnahmten sie zehn Luxusautos, darunter Lamborghinis, Ferraris und einen Rolls-Royce, sowie zwei Villen und ein Mehrfamilienhaus. All dies soll auch mit den gut sieben Millionen der BMW-Hauptaktionärin und mit weiteren zehn Millionen der Freundinnen finanziert worden sein.
Täter in Haft, Geld verschwunden
Viele Millionen Euro, in einem Pressebericht ist von mehr als 20 Millionen die Rede, sollen von den Tätern schon in Sicherheit gebracht worden sein. Das Geld sei im ägyptischen Scharm El-Scheich und in Ländern Lateinamerikas investiert sowie zu Banken in Steuerparadiesen gebracht worden. Offiziell bestätigt ist das jedoch nicht.
B. war den Berichten zufolge stets dabei, wenn S. sich mit den reichen Frauen in Nobelhotels traf. Vor allem in München und Monte Carlo schlug das Duo auf, von den angeblich entstandenen Aufnahmen fehlt bislang allerdings jede Spur.
Der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler bestätigte ein Ermittlungsverfahren gegen Helg S.. Seit einigen Monaten befinde dieser sich in Untersuchungshaft. Nähere Angaben machte er nicht. Über die Erpressung und Festnahme der beiden Tatverdächtigen hatten italienische Medien schon im Juni berichtet - die Namen der betroffenen Frauen waren bisher geheim gehalten worden.
Susanne Klatten gilt als reichste Frau Deutschlands - mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 13 Milliarden Dollar. Sie ist die Tochter von Herbert Quandt und dessen dritter Frau Johanna. Mit dem Tod des Vaters 1982 erbte Klatten gemeinsam mit ihrem Bruder Stephan einen Großteil des Vermögens der Industriellenfamilie Quandt.
ore/ddp