Erste Kampusch-Interviews "Ich dachte nur an Flucht"
Wien - In den acht Jahren in der Gefangenschaft ihres Entführers habe sie sich "immer und immer wieder gefragt, warum das mir - unter den vielen Millionen Menschen ausgerechnet mir - passieren musste," sagte Kampusch der österreichischen Zeitschrift "News". Sie habe sich in ihrem Verlies wie ein "armes Hendl in einer Legebatterie" gefühlt".
Kampusch sagte, sie habe immer den Gedanken gehabt, nicht auf die Welt gekommen zu sein, um sich einsperren zu lassen. "Ich bin verzweifelt an dieser Ungerechtigkeit. Sie haben sicher im Fernsehen und den Medien mein Verlies gesehen. Also wissen Sie, wie klein es war. Es war zum Verzweifeln."
Sie habe jahrelang von einer Flucht aus jenem Verlies in Strasshof geträumt. "Ich habe immer wieder getüftelt an dem Punkt, zu dem die Zeit reif ist. Ich konnte aber nichts riskieren, am wenigsten einen Fluchtversuch. Ein Fehlversuch hätte die Gefahr bedeutet, nie mehr wieder aus meinem Verlies herauszukommen. Ich musste mir sukzessive sein Vertrauen sichern."
Ihren Entführer bezeichnete die 18-Jährige als Mensch mit Verfolgungswahn. "Er litt sehr stark unter Paranoia und war chronisch misstrauisch", sagte Kampusch im "News"-Gespräch laut der Nachrichtenagentur APA. Manchmal habe sie davon geträumt, "ihm den Kopf abzuhacken, hätte ich eine Axt besessen", gestand sie. Ihren Entführer bezeichnete sie als "Verbrecher". Ärztliche Hilfe habe sie nie bekommen, obwohl sie unter Herz-Kreislauf-Problemen litt. "Ich habe sie nicht behandelt bekommen, und er hat mich weiter Erdkübel schleppen lassen."
Der "News"-Herausgeber Alfred Worm führte das Gespräch zusammen mit einer Journalistin der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" ("WAZ"). Das vollständige "News"-Interview ist heute erschienen. Auch die "Kronen"-Zeitung hat heute eine Ausgabe mit einem Kampusch-Interview veröffentlicht. Die "WAZ" druckt das Interview in ihrer morgigen Ausgabe.
Kampusch will sich für Hilfsprojekte einsetzen
Wie die deutsche Zeitung vorab mitteilte, habe Kampusch davon erzählt, wie frustrierend es für sie gewesen sei, als plötzlich "mit dem Bagger in Schotterteichen" nach ihr gesucht wurde. Sie sei verzweifelt gewesen, als sie das Gefühl hatte, als Lebende, "bereits abgeschrieben" zu sein. Nun wolle sie sich für Menschen einsetzen, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Sie plane verschiedene Projekte. "Eines für Frauen in Mexiko, die vom Arbeitsplatz weg verschleppt, entführt, brutalst gefoltert und vergewaltigt werden. Dafür möchte ich mich einsetzen, dass das nie wieder passiert. Zudem wolle sie Hungernden in Afrika helfen, weil sie aus eigener Erfahrung wisse, was Hunger sei: "Und wie sehr er die Menschen entwürdigt. Wir lutschen fettfreie Zuckerln, aber die Leute dort verhungern."
Auf der Internetseite der "Kronen"-Zeitung heißt es, die 18-Jährige habe mit ihrer präzisen Ausdrucksweise, ihrer Stärke und Bestimmtheit überrascht. Auch der ORF-Reporter Christoph Feurstein hatte Natascha Kampusch als "sehr selbstbewusste, intelligente Frau" beschrieben.
Abgesehen davon, "dass ich mich sofort verkühlt und mir einen Schnupfen eingefangen habe, lebe ich jetzt ziemlich normal", sagte sie auf die Frage nach ihren Gefühlen in der neuen Freiheit. "Ich habe mich sehr schnell wieder ins soziale Leben gefunden. Erstaunlich, wie rasch das ging." Sie wohne und lebe jetzt mit anderen Menschen zusammen - "und habe damit keine Schwierigkeiten". Energisch dementierte die junge Frau Berichte über eine Auseinandersetzung mit ihren Eltern. "Irgendwer hat das Gerücht aufkommen lassen, dass es einen Streit gibt. Den gibt es nicht", sagte Kampusch. "Ich liebe meine Eltern."
Das Interview für das österreichische Fernsehen wurde bereits gestern aufgezeichnet, bei der Ausstrahlung heute Abend um 20.15 Uhr auf ORF 2 soll Kampusch unverkleidet zu sehen sein. Die Entscheidung, ihr Gesicht zu zeigen, habe sie selbst getroffen, sagte ihr Medienberater Dietmar Ecker. "Persönlich war ich wirklich für mehr Schutz", erklärte er. Ihre Berater wollten aber verhindern, dass die junge Frau von Fotografen verfolgt werde. "Ich habe mit internationalen Medien gesprochen, und die haben mir ganz klar gesagt, wenn sie verdeckt bleibt, dann werden sie die Fotografen so lange jagen, bis sie das erste Bild haben", sagte Ecker.
Fernsehaufftritt mit Kopftuch
Kampusch trage bei dem Gespräch deshalb lediglich ein Kopftuch, welches aber wie ein Accessoire aussehe. Kampusch sei hübsch, habe aber mit dem erstellten Computerbild nur "entfernte Ähnlichkeit" zitiert der "Kurier" Feurstein. Für das Gespräch sei der jungen Frau eine eigene Visagistin zur Seite gestellt worden, berichtet "Österreich". "Auf ihr Äußeres legte sie enormen Wert", sagte der Sendungsverantwortliche des ORF, Johannes Fischer, dem Blatt zufolge.
Das Umfeld, in dem das Entführungsopfer heute Abend zu sehen sein wird, solle an ein Wohnzimmer erinnern, schreibt die Zeitung weiter. Entsprechend schwer sei es gefallen, in dem Gebäude, in dem die junge Frau seit ihrer Flucht Ende August betreut wird, einen geeigneten Raum zu finden.
Kampusch habe sich weiße Polstermöbel für das Zimmer gewünscht, in dem die rund zweistündige Aufzeichnung stattfand. Ziel sei gewesen, eine möglichst sympathische Atmosphäre zu schaffen. Bei der Aufzeichnung habe man auch darauf geachtet, dass möglichst viele Frauen beteiligt seien.
In dem rund 30-minütigen Gespräch, das RTL um 21.15 Uhr in einer Spezialausgabe der Sendung "Extra" zeigen wird, erzählt die junge Frau von ihrem Verhältnis zu ihrem Entführer Wolfgang P. Sie berichtet davon, wie sie bei den wenigen Gelegenheiten, in denen ihr Entführer sie aus ihrem Verlies mit nach draußen genommen hat, Menschen "mit den Augen um Hilfe gebeten" habe. Der 34-Jährige Feurstein erzählte, die Ausführungen Kampuschs hätten ihn erschüttert: "Sie sagt, sie hat versucht, Menschen auf sich aufmerksam zu machen, und niemand hat geholfen." Bei ihren Schilderungen vom Morgen der Entführung und von der "unheimlichen Stille" in ihrem winzigen Verlies im Haus habe er selbst "Gänsehaut bekommen".
Das Interesse am Interview ist riesig: Der ORF erwartet für die Ausstrahlung Rekord-Einschaltquoten. In Umfragen hatten 84,3 bis 90 Prozent der Österreicher angegeben, an den Berichten über den Fall Kampusch interessiert zu sein.
Fernsehsender aus aller Welt haben Interesse an der Ausstrahlung des Interviews angemeldet. Insgesamt mehr als 120 TV-Stationen hätten sich bislang entweder um Ausschnitte oder das gesamte Gespräch bemüht, teilte der Österreichische Rundfunk mit.
han/str/reuters/AP/dpa/AFP