Prozess gegen Pflegehelfer Grzegorz W. "Es hat uns keiner ernst genommen"
Angeklagter W. vor Gericht (Archiv): Seit Februar 2018 in Untersuchungshaft
Foto: Michael Dalder/ REUTERSÜber das Personal deutscher Pflegevermittlungsagenturen weiß Familie Wischmann Erstaunliches zu berichten: Eine Polin stand nachts betrunken vor dem Mehrfamilienhaus, in dem der 91-jährige Heinrich Wischmann lebte, und klingelte alle Bewohner wach. Ein anderer Helfer leerte am ersten Arbeitstag die Flasche Korn im Küchenregal. Wieder ein anderer nahm dem pflegebedürftigen Rentner nachts die Alarmklingel weg, um selbst durchschlafen zu können. Aber es gab auch Menschen wie den jungen Andrej, der sich fünf Monate lang so herzlich um Heinrich Wischmann kümmerte, als wäre der sein eigener Opa.
Heinrich Wischmann, genannt Opa Heinz, saß im Rollstuhl. Ein lebenslustiger 91-Jähriger, der schwerhörig war und nachts schlecht schlief. Er litt an Parkinson, Arthrose und Herzinsuffizienz. Ein Leben im Pflegeheim lehnte er ab. Deshalb suchten seine Kinder eine Haushaltshilfe, die vor allem nachts Wache schob. Tagsüber versuchten drei der Geschwister so oft da zu sein, wie sie konnten.
Angehörige Wischmann-Schoofs, Wischmann, Wischmann deDios (Dezember 2018): Früh Alarm geschlagen
Foto: DOMINIK ASBACHIm Mai 2017 klingelte Grzegorz W. an der Tür des unscheinbaren Mehrfamilienhaus in Mülheim an der Ruhr - und übertraf vom ersten Moment an alle schlechten Erfahrungen, die die Wischmanns in den letzten Jahren gesammelt hatten.
Tochter Karla Wischmann-deDios Panal erinnerte sich am Mittwoch vor der 1. Strafkammer des Oberlandesgerichts München an den Moment ihres ersten Zusammentreffens mit dem neuen Pflegehelfer: "Er schnaufte die Treppe hoch in den ersten Stock." Grzegorz W. schwitzte stark, kein Wunder bei über hundert Kilo auf nur 1,60 Meter Körpergröße. Ihr Vater reagierte auf den neuen Pfleger mit Ablehnung. "Wenn der bleibt, springe ich aus dem Fenster", flüsterte er ihr zu.
Auch die anderen Familienmitglieder waren entsetzt. Sohn Norbert Wischmann beschrieb den Mann aus Polen als "grob und lustlos". Teller stellte er nicht auf den Tisch. Er ließ sie fallen. Die zweite Tochter Karin Wischmann-Schoofs schilderte vor Gericht, wie sie nach dem ersten Zusammentreffen mit dem Mann, der ab sofort 24 Stunden mit ihrem Vater zusammenwohnen sollte, auf der Parkbank saß und weinte vor Verzweiflung. In ihr schellten von Anfang an alle Alarmglocken. Ein richtiges Gefühl, wie man heute weiß.
Mordmerkmale Heimtücke, Habgier und niedere Beweggründe
Grzegorz W. muss sich seit November 2019 wegen Mordes, versuchten Mordes und wegen gefährlicher Körperverletzung vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts München verantworten. Insgesamt sechs Morde werden ihm zur Last gelegt. Drei Personen soll er zu töten versucht haben. In jedem Fall seien laut Anklage die Mordmerkmale Heimtücke, Habgier und niedere Beweggründe erfüllt. In drei weiteren Fällen wird Grzegorz W. gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, außerdem Betrug, Raub, Diebstahl. Allen zwölf Personen soll er Insulin gespritzt haben. Die Betroffenen sind oder waren betagt, der Jüngste war 67, der Älteste über 90 Jahre alt.
Opa Heinz war laut Anklage W.s zweites Opfer. Keine 24 Stunden nachdem Grzegorz W. bei ihm eingezogen war, kam Heinrich Wischmann ins Krankenhaus, sechs Wochen später starb er. Sohn Norbert Wischmann hatte ihn apathisch im Bett vorgefunden. W. habe versucht, den 91-Jährigen an einem Arm aus dem Bett zu ziehen. "Ich war schockiert wie man als Pflegehelfer einen Menschen so aufrichten kann." In der Notaufnahme, so erinnert er sich vor Gericht, habe er der Ärztin den Hinweis gegeben, dass sein Vater einen neuen Pfleger habe. Die maßregelte ihn, dass man mit solchen Anschuldigungen vorsichtig sein müsse.
Desinteresse, Abwiegeln, Schulterzucken. So beschreibt Karla Wischmann-deDios Panal die Reaktion der Ärzte, Schwestern und Hausärzte. Keiner konnte ihr erklären, wieso ihr Vater mit einem Blutzucker unter 10 in die Notaufnahme eingeliefert werden konnte, wo er doch kein Diabetiker war? "Es hat uns keiner ernst genommen."
Die Polizei ignorierte die Schilderungen
Schließlich ging Karin Wischmann-Schoofs sogar zur Polizei und zeigte Grzegorz W. bei der Polizei an. Und hörte nie wieder etwas von den Beamten. Was deshalb so verwunderlich ist, weil genau drei Wochen nach der Anzeige im Landkreis Weilheim-Schongau ein 82-Jähriger in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wurde - und die Ärzte hatten schnell den Verdacht, dass dem Mann möglicherweise mit Tötungsabsicht Insulin verabreicht worden war. Sie alarmierten die Staatsanwaltschaft München II, die als Verdächtigen den Haushaltshelfer des Pflegebedürftigen ausmachte: Grzegorz W.
Trotzdem wurde das Verfahren im Dezember 2017 vorläufig eingestellt. Erst als am 12. Februar in Ottobrunn bei München ein weiterer Senior unerklärlicherweise verstorben war und es den Kriminalbeamten komisch vorkam, dass Grzegorz W. teilnahmslos auf seinen gepackten Koffern saß, während Rettungskräfte und Polizei nach Hinweisen auf die Todesursache forschten, lief die Ermittlungsarbeit endlich vorbildlich. Die Beamten nahmen W. mit auf die Wache, fanden in seinen Sachen EC-Karte und Bargeld des Verstorbenen. Einen Tag später gestand W., dass er dem Mann Insulin gespritzt hatte - allerdings ohne Tötungsabsicht, wie er angab. Seitdem sitzt W. in Untersuchungshaft.
Zwei Fragen lassen den Wischmanns keine Ruhe: "Warum werden die Pflegeagenturen nicht zur Verantwortung gezogen für die Taten des Personals, das sie vermitteln", fragt Karin Wischmann-Schoofs nach ihrer Aussage auf dem Gerichtsflur. Dass zum Beispiel Grzegorz W., eigentlich ein ausgebildeter Schlosser, in Polen im Gefängnis saß, bevor er einen Pflegecrashkurs belegte, um fortan von Personalagenturen in deutsche Haushalte entsandt zu werden, musste der bei seinen Bewerbungen offenbar nicht angeben.
Und noch etwas treibt die Geschwister Wischmann bis heute um: "Warum ausgerechnet Opa Heinz?" Wieso traktierte ihn Grzegorz W. mit einem Insulin-Pen? Er war nicht wohlhabend, sodass Habgier als Motiv nicht recht passen will. Karin Wischmann-Schoofs schilderte vor Gericht, der Angeklagte habe sich am Morgen nach der ersten Nacht im Hause ihres Vaters sehr darüber beschwert, dass Heinrich Wischmann vier Mal in der Nacht aufgewacht sei. Laut Anklage stellte W. "seine eigenen Bedürfnisse und sein rücksichtsloses Gewinnstreben in krasser Eigensucht über das Lebensrecht des Geschädigten".
W. wirkte teilnahmslos, verschränkte die Arme auf dem Tisch
Vor Gericht schweigt er bislang, aber in der Vernehmung nach seiner Festnahme war der Hilfspfleger gesprächiger. Einem Polizisten gegenüber, der Ende letzten Jahres im Prozess ausgesagt hatte, berichtete W., "dass die Leute grundsätzlich sehr aggressiv zu ihm waren. Und dass er von allem gestresst und genervt gewesen sei". W. habe den Menschen Insulin verabreicht, damit er seine Ruhe habe.
Keine Regung zeigte der Mann auch bei den mehrstündigen Zeugenaussagen der Wischmanns. Immer wieder kommen den Angehörigen von Opa Heinz die Tränen. Zum Beispiel als sie beschreiben, wie sich die ganze Familie in einem letzten lichten Moment des 91-Jährigen von ihm verabschieden konnte. Dass es eine seltsame Genugtuung für alle gewesen sei, dass Heinrich Wischmann, der "immer ein Kämpfer" gewesen sei, die Insulin-Attacke immerhin knapp überlebte und erst später an Herzversagen starb.
All das verfolgte W. teilnahmslos. Die Arme verschränkte er auf dem Tisch, sein Blick wirkte grimmig. Manchmal hing sein Kopf einfach nur müde nach unten. Die Aussage von Karin Wischmann-Schoofs musste die Richterin unterbrechen, damit W. nicht einschläft auf der Anklagebank.
Hass auf den Mann, der ihren Vater heimtückisch Insulin gespritzt hat, empfindet keiner der Wischmanns. Eher ist es der Zorn über die anfängliche Unfähigkeit der Behörden und die Trauer um den von allen in der Großfamilie geliebten und verehrten Vater, mit der die Geschwister kämpfen. Nach dem heutigen Tag und den Aussagen vor Gericht hoffen sie, leichter mit dem Erlebten umgehen zu können.