Fall Chantal: Staatsanwaltschaft durchsucht Jugendamt - DER SPIEGEL
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Fall Chantal Staatsanwaltschaft durchsucht Jugendamt

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat ein Ermittlungsverfahren zum Tod der elfjährigen Chantal eingeleitet. Das Mädchen war in der Obhut von Pflegeeltern, es starb an einer Vergiftung durch Methadon. Räume des Jugendamts und eines freien Trägervereins wurden durchsucht.
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Hamburg - Nach dem Tod der elfjährigen Chantal hat die Hamburger Staatsanwaltschaft am Dienstvormittag Räume des Jugendamts und eine Geschäftsstelle des Verbunds Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) durchsucht. Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers sagte, Hinweise auf ein möglicherweise strafbares Fehlverhalten hätten sich konkretisiert.

Das Jugendamt habe sich kooperativ gezeigt. Die Beamten hätten insgesamt 14 Akten kopiert, die Angaben zu Chantal und einem weiteren Pflegekind der Familie enthalten, sagte Möllers SPIEGEL ONLINE. Beschuldigte gebe es noch nicht, die Staatsanwaltschaft habe ein Ermittlungsverfahren gegen noch unbekannte Mitarbeiter des Jugendamts und des VSE eingeleitet. Es gehe um den Verdacht der Verletzung der Fürsorgepflicht.

Chantal war am 16. Januar an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben. Seit 2008 war sie in der Obhut von Wolfgang A. und Sylvia L. Ihr Vater war drogensüchtig, ihre Mutter alkoholabhängig, sie starb im Jahr 2010.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegeeltern wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Wolfgang A. und Sylvia L. nehmen seit Jahren an einem Methadon-Programm teil. Ermittler fanden in der Garage des Paares und am Arbeitsplatz von A. Methadon-Tabletten. Bei der Familie lebten neben Chantal zwei leibliche Kinder und ein weiteres Pflegekind. Sie sind inzwischen in einem Kinderhaus untergebracht worden.

Der VSE betreute die Pflegefamilie, das Jugendamt kooperiert mit dem freien Trägerverein. Zuletzt stritten sich beide Parteien öffentlich über die Frage, wer die Familie seinerzeit für geeignet befunden hatte und wer sie in der folgenden Zeit überprüfte. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung empfahl eine Sozialpädagogin Sylvia L. und Wolfgang A. in einem Schreiben vom September 2008 als "sehr verantwortungsbewusst und reflektiert". Sie würden "alles in ihrer Macht stehende tun, um ihre Pflegekinder zu fördern und zu unterstützen", hieß es demnach weiter.

In einer Mitteilung betonte der VSE allerdings, er habe die Pflegeeltern nicht ausgesucht und nicht ihre Eignung überprüft. Das Jugendamt habe eine Eignungsfestellung im März 2005 geschrieben, das VSE habe die Betreuung der Eltern Ende 2007 übernommen. Die Mitarbeiterin habe den von der "Bild" zitierten Brief geschrieben, nachdem das Jugendamt gefragt hatte, ob gegen die Aufnahme von Chantal von Seiten des VSE Einwände bestünden.

"Richtig ist, dass wir gemeinsam mit dem Jugendamt zu der Einschätzung gekommen sind, dass die Pflegeeltern in der Lage seien, auch das nun verstorbene Mädchen zu betreuen." Dem VSE seien aber "zu keiner Zeit" Anhaltspunkte für einen Drogengebrauch oder ein Substitutionsprogramm bekannt gewesen.

Am Montag hielt der Jugendhilfeausschuss des zuständigen Hamburger Bezirks Mitte eine Sondersitzung ab. Am Dienstagabend will sich der Familienausschuss der Hamburger Bürgerschaft mit dem Fall befassen.

Schon vor der Sitzung wurde bekannt, dass der Chef des zuständigen Bezirksamts Mitte, Markus Schreiber, die Leiterin des Jugendamtes von ihren Aufgaben entbunden hat. Pia Wolters stehe nur noch für die Ermittlungen und die Aufarbeitung des Falls Chantal zur Verfügung, so Schreiber.

Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) hatte bereits aus dem Fall Konsequenzen gezogen und mit sofortiger Wirkung für die Vermittlung von minderjährigen Kindern und Jugendlichen an Pflegefamilien neue Regelungen angeordnet. Bevor das zuständige Amt eine Familie auswählt, müssen angehende Pflegeeltern und alle in dem Haushalt Lebenden künftig nicht nur wie bisher ein Führungszeugnis, sondern auch ein Gesundheitszeugnis mit Drogentest vorlegen.