Fall DSK: Sex, Lügen und Strauss-Kahn - DER SPIEGEL
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Fall DSK Sex, Lügen und Strauss-Kahn

War Dominique Strauss-Kahn Kunde von Edel-Prostituierten? Verließ das Zimmermädchen im Sofitel das Zimmer fluchtartig? Vor der entscheidenden Anhörung im Fall des Ex-IWF-Chefs werden immer neue Gerüchte und Details lanciert - beide Seiten liefern sich ein Rennen um die Gunst der Öffentlichkeit.
Dominique Strauss-Kahn: Einzelzelle auf der Gefängnisinsel
Dominique Strauss-Kahn: Einzelzelle auf der Gefängnisinsel

Dominique Strauss-Kahn: Einzelzelle auf der Gefängnisinsel

Foto: Emmanuel Dunand/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Unter Verdacht steht einer der einst mächtigsten Finanzmanager der Welt: Dominique Strauss-Kahn, 62, seit diesem Donnerstag nur noch Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds ( IWF). In einem New Yorker Hotel soll er versucht haben, ein Zimmermädchen zu vergewaltigen. Sex, Macht, Geld und Politik - diese Zutaten haben den Fall schnell zu einem internationalen Thriller gemacht.

Was wirklich geschah in Suite 2806 des Luxushotels Sofitel, das wissen nur der IWF-Boss und das 32-jährige Zimmermädchen. Nach dem Vorfall werden immer mehr Details bekannt, die ein teils widersprüchliches Bild des Geschehens zeichnen. Französische Zeitungen berichten, ein Überwachungsvideo zeige das Zimmermädchen, das offenbar in Panik aus dem Zimmer stürme. Wenig später verlasse auch Strauss-Kahn das Hotelzimmer, den Angaben zufolge "in Hast".

Bald darauf wurde der 62-Jährige aus der Ersten Klasse eines Air-France-Flugzeugs geholt, Minuten bevor es Richtung Europa abheben sollte. Sein Handy hatte der Ökonom in Suite 2806 vergessen. Ermittler sprachen von einem eiligen Aufbruch, der beinahe nach einer Flucht ausgesehen habe.

Noch sitzt Strauss-Kahn auf der Gefängnisinsel Rikers Island, doch seine Anwälte hoffen, dass noch an diesem Donnerstag über seine Freilassung entschieden wird. Sie stellten am Mittwoch einen weiteren Kautionsantrag. Einen ersten hatte das Gericht bereits am Montag abgelehnt. Der Antrag richtet sich an den State Supreme Court in Manhattan. Das will nach Informationen der "New York Times" um 14.15 Uhr (Ortszeit) darüber beraten. Fox News meldete, Strauss-Kahn werde zu dem Termin vor Gericht erscheinen müssen.

Strauss-Kahns Anwalt Shawn Nauton bestätigte den 16-seitigen Antrag, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Mr. Strauss-Kahn ist ein liebevoller Ehemann und Vater und ein hochangesehener internationaler Diplomat, Rechtsanwalt, Politiker, Ökonom und Professor, ohne Vorstrafen", heißt es darin. "Er ist seit zehn Jahren mit Ms. Anne Sinclair verheiratet und hat vier Kinder aus einer früheren Ehe, darunter eine Tochter, die in New York wohnt."

Dem Antrag beigefügt ist eine eidesstattliche Erklärung Strauss-Kahns. "Ich beabsichtige nicht, die Vereinigten Staaten von Amerika ohne die Erlaubnis des New Yorker Gerichts bis zum Prozess über die Angelegenheiten, derer ich beschuldigt werden, zu verlassen", heißt es darin. "Ich bin bereit und ich beabsichtige, freiwillig vor dem New Yorker Gericht zu erscheinen." Auch verzichte er darauf, seine Überstellung zu betreiben. Dies sei jedoch nicht als Schuldeingeständnis zu verstehen.

Die eine Seite umfassende Erklärung ist getippt, doch handschriftlich unterzeichnet. Es ist Strauss-Kahns erste direkte Stellungnahme seit Bekanntwerden der Vorwürfe am Wochenende.

"Extensive familiäre Bande"

Die Verteidigung bietet in dem Antrag über die eine Million Dollar Kaution hinaus an, ihren Mandanten "rund um die Uhr" unter Hausarrest stellen und elektronisch überwachen zu lassen. "Diese zusätzlichen Kautionsbedingungen räumen jede Sorge aus, dass Mr. Strauss-Kahn den Kompetenzbereich dieses Gerichts verlassen würde oder könnte", schreibt Anwalt Nauton.

Strauss-Kahn habe "extensive familiäre und finanzielle Bande in den USA", heißt es weiter. Strauss-Kahn und Sinclair wohnten seit 2007 in Washington, Tochter Camille Strauss-Kahn, eine Absolventin der Columbia University, lebe in New Yorks Upper West Side. Bei Strauss-Kahn bestehe kein Fluchtrisiko. Nach dem angeblichen Vorfall im Sofitel-Hotel habe er sich freiwillig vom Kennedy-Flughafen gemeldet und sich dann freiwillig einer forensischen und DNA-Analyse unterzogen.

Ebenfalls beigefügt ist eine Kopie des Grundbucheintrags des Hauses Strauss-Kahns im Washingtoner Stadtteil Georgetown von 2007. Der Besitz ist auf seine Ehefrau eingetragen, im Wert von vier Millionen Dollar.

Strauss-Kahns Anwalt William Taylor sagte der französischen Zeitung "Le Parisien", er habe seinen Mandanten am Mittwoch für zwei Stunden gesehen: "Er macht einen guten Eindruck, das ist das Wichtigste. Aber er ist natürlich sehr traurig, das sieht man an seinen Augen."

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Bis zur nächsten Anhörung am Freitag muss eine Grand Jury entscheiden, ob ein Prozess gegen Strauss-Kahn eröffnet wird. In den Tagen vor diesem Termin hat nun ein Wettrennen um die Meinungshoheit begonnen: Sowohl Anklage als auch Verteidigung versuchen, die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen, für ihre Interessen zu instrumentalisieren.

Ständig werden neue Informationen lanciert, die sich teilweise eklatant widersprechen, die genaue Quellenlage bleibt oftmals unklar. Am Mittwoch veröffentlichte das Boulevardblatt "New York Post" einen Artikel, wonach das mutmaßliche Opfer in einem Haus für Aidskranke wohne. Der Anwalt der Frau dementierte den Bericht umgehend vehement.

Die Episode ist ein treffendes Beispiel für die undurchsichtige Situation im Fall Strauss-Kahn. Während der Verdächtige in seiner Einzelzelle sitzt, spekuliert die Öffentlichkeit eifrig über seine Rolle und die des mutmaßlichen Opfers - immer befeuert von den Unterstützern beider Seiten.

Für die Anwälte der Frau geht es vor allem darum, die Glaubwürdigkeit der 32-Jährigen zu stärken. Sie habe gar nicht gewusst, wer sie im Hotel attackiert habe, sagte ihr Anwalt. Für sie sei der Täter ein Fremder gewesen. Eine Aussage, die den Verdacht eines politischen Komplotts gegen Strauss-Kahn entkräften soll. "Meine Schwester ist unfähig, sich eine solche Geschichte auszudenken", erzählte ein Mann, der sich als ihr Bruder ausgab, der französischen Tageszeitung "Le Parisien". Der 42-Jährige habe nun zugegeben, dass das Zimmermädchen gar nicht seine Schwester sei, berichtet die "New York Times". "Le Monde" berichtet nun, bei dem Mann handele es sich um einen Freund. "Sie ist eine ehrenwerte und anständige Frau, die hart arbeitet, um ihre Tochter großzuziehen", hatte Blake Diallo unter anderem über seine vermeintliche Schwester gesagt.

Der Anwalt des Zimmermädchens betont in Interviews, die Frau habe hart daran gearbeitet, in den USA Fuß zu fassen. Von Vorgesetzten werde ihre Zuverlässigkeit sehr geschätzt. So entsteht das Bild einer hart arbeitenden, alleinerziehenden Mutter.

Callgirl will Strauss-Kahn Frauen beschafft haben

Dominique Strauss-Kahn war bereits vor dem jetzigen Vorfall als Schürzenjäger bekannt - aber eben auch als hochkompetenter Ökonom. Immer mehr Details scheinen nun seinen zweifelhaften Umgang mit Frauen zu belegen.

Die ehemalige Callgirl-Chefin Kristin Davis bestätigte SPIEGEL ONLINE, Strauss-Kahn sei ein "Kunde" ihres Dienstes gewesen. "Er war ein ehemaliger Kunde meiner Agentur", sagte sie über Strauss-Kahn. Davis, 35, die voriges Jahr selbst erfolglos für das New Yorker Gouverneursamt kandidierte, bestätigte damit einen Bericht der Londoner "Times", wonach Strauss-Kahn ihre Ex-Agentur "Wicked Models" 2006 zweimal nutzte. Bekannt geworden war Davis durch den Skandal um Ex-Gouverneur Eliot Spitzer, der ebenfalls ein Klient ihres Callgirl-Rings war.

Strauss-Kahns Strafverteidiger lehnten eine Stellungnahme ab. "Kein Kommentar", erklärte sein Anwalt Benjamin Brafman in der Nacht auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Davis bestätigte, Strauss-Kahn sei ihr von einem bosnischen Callgirl namens Irma Nici empfohlen worden, das in Paris gearbeitet habe. Strauss-Kahn habe in der dritten Januarwoche 2006 ein "typisch amerikanisches" Mädchen bestellt und 1200 Dollar für zwei Stunden bezahlt, in bar.

Das erste Callgirl, das Davis zu Strauss-Kahn geschickt habe, habe sich beschwert, er sei "zu aggressiv" gewesen, und eine erneute Visite verweigert, berichtet die "Times". Bei einem zweiten Termin in der dritten Septemberwoche 2006, diesmal mit einer Brasilianerin, habe es keine Klagen gegeben. Davis verfüge über digitale Belege für die Termine Strauss-Kahns. Davis bestätigte diese Darstellung. "Dieser Bericht ist korrekt", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Es ist unklar, ob Strauss-Kahn im Januar 2006 wirklich in New York war. In der dritten Septemberwoche 2006 aber nahm er in der Tat an der Clinton Global Initiative (CGI) teil, der Spendenkonferenz des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, die vom 19. bis 22. September 2006 in Manhattan stattfand.

Die Flut von Spekulationen ist wenig überraschend: Zu bedeutend ist der Fall Strauss-Kahn auf gleich mehreren Ebenen. Frankreichs Sozialisten haben ihren größten Hoffnungsträger für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr verloren. Die Franzosen sind schockiert von der Art und Weise, wie ihr Spitzenmann in den USA vorgeführt wird. Gleichzeitig zweifeln sie an ihrem eigenen Verhalten: Waren sie in der Vergangenheit vielleicht zu nachsichtig mit dem notorischen Schwerenöter "DSK"?

In dieser angespannten Atmosphäre kann selbst Schweigen zu einem Statement werden. Nicolas Sarkozy, der vom Sturz seines gefährlichsten Herausforderers profitieren könnte, verbot seinen Regierungsmitgliedern, sich zur Affäre "DSK" äußern. Nach Informationen der Zeitung "Le Canard Enchaîné" sorgt sich Sarkozy vor allem darum, dass die Haltung des Regierungslagers als schadenfroh gewertet werden könne. "Wir müssen auf jeden Fall vermeiden, dass man denken könnte, der Fall von DSK sei eine gute Nachricht für uns", zitiert das Blatt den Präsidenten.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version des Artikels hieß es, der State Supreme Court sei das höchste Gericht des Bundestaates New York. Wir haben dies inzwischen korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.