Fall Jessica Angeklagte gesteht Schuld ein
Hamburg - Zuvor hatte Marlies S. vor dem Hamburger Landgericht bereits eingeräumt, sie habe Jessica nach dem Sommer 2000 häufig allein in der Wohnung gelassen und dabei in das Kinderzimmer eingeschlossen. Als die Beziehung mit ihrem Lebensgefährten in eine Krise geraten sei, habe sie das Mädchen auch allein gelassen, um in ihre Stammkneipe zu gehen. Ihre Tochter habe sich in dieser Zeit geistig zurückentwickelt. So habe sich ihr Aussehen verändert und ihre "Sprachfähigkeit" abgenommen. Jessica habe fortan auch wieder in die Hose gemacht. Allerdings sei das Mädchen nie wirklich richtig trocken geworden, räumte die Angeklagte ein.
Sie habe sich jedoch nie dazu durchringen können, mit Jessica zum Arzt zu gehen, sagte die Angeklagte. "Das habe ich nicht geschafft." Zur Begründung nannte sie ein Trauma, das womöglich aus einer schwierig verlaufenen Kaiserschnittgeburt eines ihrer Kinder stamme. Der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg wandte daraufhin ein, dass diese Angst Marlies S. nicht daran gehindert habe, ihren an der Leber erkrankten Partner im Krankenhaus zu besuchen.
Zeitweise habe sie daran gedacht, das Kind in eine Pflegefamilie zu geben, sagte die Angeklagte aus. Sie habe sich letztendlich aber nie durchringen können, die Behörden zu kontaktieren. "Ich war wohl nicht in der Lage loszulassen." Wenn Bekannte nach ihrer Tochter fragten, habe sie gesagt, dass Kind sei bei einer Tagesmutter.
Allerdings gab die Angeklagte dem Kind eine Mitveranwortung an seinem Leiden. So habe sie immer versucht, dem Kind regelmäßig zu essen und zu trinken zu geben, sagte die 36-Jährige weiter aus. Doch in den letzten Wochen habe Jessica sich geweigert, Nahrung und Flüssigkeit anzunehmen. Auch habe das Mädchen nicht an die frische Luft gewollt. Fenster und Tür seien deshalb verriegelt gewesen, weil das Mädchen in früheren Zeiten beinahe einmal aus dem Fenster gestürzt sei.
Das ihr vorgeworfene Anbringen einer Stromfalle im Kinderzimmer wies die Angeklagte jedoch zurück. Den defekten Schalter im Kinderzimmer habe Jessica selbst kaputtgemacht. Von einem aus dem Schalter hängenden, unter Strom stehenden blanken Kupferdraht "weiß ich nichts", sagte die Mutter. Daraufhin sagte der Richter: "Das fällt mir schwer, Ihnen zu glauben."
Die Mutter und ihr 49 Jahre alter Lebensgefährte müssen sich wegen Mordes verantworten. Die Anklage wirft der Mutter und ihrem Lebensgefährten vor, Jessica durch böswillige Verletzung der Fürsorgepflicht umgebracht zu haben. Sie hatten Jessica jahrelang in einem dunklen Zimmer wie eine Gefangene gehalten und ihr Essen und Trinken vorenthalten. Im vergangenen März war das bis auf ein Gewicht von rund neun Kilo abgemagerte Mädchen tot in der elterlichen Hochhauswohnung in Hamburg-Jenfeld gefunden worden. Es war an Erbrochenem erstickt, als sie keine Nahrung mehr aufnehmen konnte.