Fall Jessica: Der halböffentliche Prozess - DER SPIEGEL
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Fall Jessica Der halböffentliche Prozess

Marlies S. hat im Gerichtssaal Schreckliches gestanden: "Alles", so die Mutter der verhungerten Jessica, habe sie falsch gemacht. Dem qualvollen Tod ihrer Tochter sah sie tatenlos zu. Warum? Die Öffentlichkeit kriegt von der Aussage nur Teile mit. Und der Richter findet das gut so.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es ist nicht zu begreifen: Die meisten Kinder, so die bedrückende Statistik, die durch ein Gewaltverbrechen zu Tode kommen, sterben durch die Hand ihrer Eltern. Sie werden getreten, geschlagen, gequält, bis sie nicht mehr weiterleben können. Jessica, das siebenjährige Mädchen aus Hamburg-Jenfeld, das rund fünf Jahre seines kleinen Lebens in einem kalten, verdunkelten Kinderzimmer-Kerker dahinvegetieren musste, starb am 1. März, abgemagert auf 9,6 Kilogramm - und die ganze Stadt, ja das ganze Land waren entsetzt.

Wie kann so etwas mitten unter uns geschehen? Wieso hat niemand in der Millionenstadt etwas bemerkt? Wem sind welche Versäumnisse anzulasten? Wie können solche Untaten verhindert werden? Und vor allem: Was sind das für Menschen, diese Eltern? Wer tut so etwas? Wer ist diese "Horror-Mutter"?

Der Tod von Jessica verstört. Er wühlt auf. Rachegefühle und Gewaltphantasien kommen auf. Das Verhalten von Menschen, ohnehin oft schwer verständlich, entzieht sich hier jeder schnellen, oberflächlichen Erklärung, es schreit nach böser Vergeltung. Nur in der langsamen, vorsichtigen Annäherung aber an Täter und Tat kann ein Bild gelingen, das Marlies S., 36, und Burkhard M., 49, gerecht wird und das der Vernunft Einblick gewährt in das Unbegreifliche: dass Menschen dem Sterben ihres Kindes untätig, gleichgültig, bisweilen vielleicht auch mit Hass gegen die eigene Tochter erfüllt zusehen können - ohne Bestien zu sein.

Die Öffentlichkeit hat Anspruch darauf zu erfahren, wie sich eine solche, jedermann aufwühlende Tat ereignen konnte, weil Jessicas Tod nicht nur Sache ihrer Eltern und deren Richtern ist. Er geht jeden Bürger dieses Landes an, der auch ein Recht hat zu erfahren, wie der Staat darauf reagiert. Doch nirgendwo, so scheint es, ist das so schwierig wie in Hamburg.

Daher ist die Öffentlichkeit zunächst einmal über die Hamburger Justiz zu informieren und darüber, dass es im Schwurgerichtssaal der Hansestadt nur 15 feste Plätze für Journalisten gibt. Nur wem es möglich ist, spätestens von 7 Uhr an vor dem Saal herumzulungern, ergattert einen davon. Der Rest hat sich hinter einer dicken Glaswand zu versammeln, wo selbst den Hellhörigsten nur Bruchteile von Wortfetzen erreichen.

"Kein Recht, alles zu verstehen"

Es ist auch darüber zu informieren, dass die Justizbehörden seit Jahren nicht in der Lage sind, in diesem Saal eine halbwegs ausreichende Mikrofonanlage zu installieren, ja, dass der Gedanke, ein paar Stühle mehr vor die Scheibe zu stellen, als undenkbar gilt. Für die Unterrichtung der Öffentlichkeit bedeutet dies, dass der Berichterstatter hinter der Scheibe entweder bei den Kollegen auf den Plätzen "in der ersten Klasse" abzuschreiben gezwungen ist - oder dass er sich etwas zusammenreimt, was einigermaßen authentisch klingt. "Die Öffentlichkeit", so der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg auf den Protest der akustisch ausgeschlossenen Zuhörer hin, "hat kein Recht darauf, alles zu verstehen und zu begreifen".

Hamburg rühmt sich, Medienhauptstadt Deutschlands zu sein. Nun ja. Und die Justiz beschwert sich gern über unzutreffende Berichterstattung und kritisiert die Veröffentlichung von Akteninhalten vor Prozessbeginn. Nun ja, da erfährt man wenigstens, worum es geht.

Marlies S. redet sehr leise. Etwas anderes war nicht zu erwarten. Welcher Angeklagte sagt schon mit fester Stimme: Ja, ich habe mein Kind verhungern lassen, ich habe mich nicht darum gekümmert, es war mir egal, ob es zugrunde geht. Dass sich der Vorsitzende im Lauf der Sitzung immer mehr den leisen Worten anpasst und das Mikrofon meidet - ebenfalls verständlich. Denn wie soll er sonst mit dieser von Weinen und Zagen geschüttelten Frau ins Gespräch kommen?

Ich hätte ihr gern zugehört, als sie von ihrer eigenen Mutter berichtete, die offenbar dem Alkohol verfallen war und fremde Männer ins Haus brachte. Die offensichtlich von ihrer Tochter nichts wissen wollte, dafür aber der "Onkel", von dem sich Marlies S. über zwei Jahre hinweg "betatscht" fühlte. Was war mit dem Vater? Und den Mitschülern, die vom Lebenswandel der Mutter offenbar wussten?

Geheime Schwangerschaft

Wie wuchs Marlies S. auf? Besaß sie Spielzeug? Puppen? Etwas, das sie als schön empfand? Sie schüttelt den Kopf. Mit 13 kam sie zu einer Tante. Mit deren Kindern habe sie sich nicht verstanden. Warum nicht? Dann die erste Schwangerschaft, ungewollt, mit 21. Bis vier Wochen vor der Geburt hielt sie sie geheim. Der erste via Mikrofon verständliche Satz: "Ich wollte nicht wissen, dass ich schwanger bin." Deshalb sei sie auch spät erst zum Arzt gegangen.

Vier Kinder hat Marlies S. zur Welt gebracht, alle ungewollt. Mit keinem Kind konnte sie etwas anfangen. Warum hat sie nicht verhütet, nicht abgetrieben? Warum sperrte sie offenbar schon das erste Kind in einen dunklen Raum, was die Tante als beängstigend empfand? Wie kam es zur Adoption? Dann wieder ein verständlicher Satz: "Die haben immer angerufen und gefragt, wie es dem Kind geht. Nie fragte einer, wie es mir geht."

Sie bemüht sich zu antworten. Das Sorgerecht für den Sohn und die Tochter aus ihrer Ehe mit Herrn S. bekam der Vater zugesprochen, obwohl es Bedenken gab wegen dessen Befähigung zur Kindererziehung. Wie hat sie reagiert? Hat sie sich gewehrt?

Dann die Scheidung. Die Geburt Jessicas. Sie hatte auf eigene Faust versucht abzutreiben. "Ging schief." Immer wieder: "Keine Erinnerung." Der Vorsitzende fragt, ob für sie bedeutungslos werde, was längere Zeit zurückliege. "Ist schwer zusammenzufügen", die Antwort. Wortfetzen: Jessica "wollte nicht raus" an die frische Luft. "Sie hat sich quergestellt." Hat sie sich Gedanken gemacht, warum das Kind so reagierte? Nein. Sie sei mit dem Kind im Jahr 2000 ins Freie gegangen, "bis der Sommer begann aufzuhören".

Der Vorsitzende fragt, was ihr wichtiger gewesen sei: dass Jessica immer in der Nähe war oder dass sie, die Mutter, auch mal einige Stunden für sich hatte? "Ich war nicht in der Lage loszulassen", sagt Marlies S.

"Alles falsch gemacht"

Die Nachrichtenagenturen berichten weitere Details: Die Mutter sei mit dem Kind nicht zum Arzt, nicht zu einer Erziehungsberatungsstelle gegangen: "Es war mir nicht möglich, ich habe es nicht geschafft." Jessica war auch nicht im Kindergarten. "Weil es mit der Sprache immer schlimmer wurde, wollte ich sie auch nicht in der Schule ."

Das Kind habe sich zurückgezogen und wieder in die Hose gemacht. "Richtig trocken war sie nie." Als die Beziehung zum Vater Jessicas in eine Krise geriet, habe sie das Kind auch allein gelassen, um in eine Kneipe zu gehen. In der letzten Zeit habe Jessica jegliche Nahrung zurückgewiesen. "Was, glauben Sie, haben Sie falsch gemacht", fragt der Vorsitzende. "Alles."

Nur die Installation einer Stromfalle im Kinderzimmer, die Jessica das Leben hätte kosten können, weist Marlies S. zurück. Das Kind habe den Schalter selbst kaputtgemacht, und von einem unter Strom stehenden Kupferdraht wisse sie nichts. "Es fällt mir schwer, Ihnen das zu Glauben", sagt der Vorsitzende.

Ich hätte gern mehr über diese Angeklagte berichtet. Ich hätte gern versucht, ihr zuzuhören. Ich hätte gern ein wenig die Not dieser am Pranger des Abscheus stehenden Frau beschrieben und um Verständnis geworben, soweit dies überhaupt möglich ist. Denn ich glaube nicht, dass Marlies S. eine Bestie ist. Doch leider gehörte ich zu jenen, die kein Recht haben, "alles zu begreifen".