Fall Maddie: "Blamiert bis auf die Knochen" - DER SPIEGEL
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Fall Maddie "Blamiert bis auf die Knochen"

Madeleines Eltern wehren sich gegen den Verdacht, sie selbst seien schuld am Tod ihrer Tochter. Wie stichhaltig sind die Indizien der portugiesischen Polizei? Die McCanns könnten zu Opfern ratloser Ermittler werden - oder gar ihrer eigenen Medienkampagne.
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Die Verwandten berichten von dramatischen Szenen. Mutter Kate McCann sei nach ihrer Heimkehr ins mittelenglische Rothley sofort in Maddies Zimmer geeilt. Dort habe sich die streng gläubige Katholikin auf das kleine Kinderbett gesetzt, geweint und für ihre Tochter gebetet - die rosafarbene Stoffkatze wie immer fest in der Hand, berichtet es ihre Schwiegermutter dem "Mirror". "Kate brauchte das. Sie wollte dort alleine Zeit verbringen." Dieser Moment sei "sehr traumatisch" für die 39-Jährige gewesen, erzählt die 67-jährige Eileen McCann. Madeleines Kleider und ihre Spielsachen hätten genau so in dem pinkfarben gestrichenen Raum gelegen, wie das Mädchen sie vor der Abreise in den Portugal-Urlaub zurückgelassen hatte.

"Das war das Schlimmste, was Kate in ihrem Leben ertragen musste: nach Hause zu kommen und Madeleines Zimmer wiederzusehen", zitiert der "Mirror" Sheila Cowell, eine Tante der dreifachen Mutter. "Aber sie ist eine starke Frau und wird das durchstehen."

Die Abreise von Kate McCann und ihrem Ehemann Gerry aus Portugal wird als Flucht gedeutet. Immer wieder hatte das Ärzte-Ehepaar beteuert, Portugal erst dann verlassen zu wollen, wenn Madeleine wieder aufgetaucht sei. Bei der Ankunft am Flughafen in England, den die McCanns von fast zehn Fernseh-Teams eskortiert erreichten, sei Kate McCann mit den Nerven am Ende gewesen, sagt ihre Schwiegermutter. Immer wieder habe sie gesagt, dass sie nie geglaubt habe, eines Tages ohne ihre Tochter zurückfliegen zu müssen.

Die Vorwürfe wiegen schwer - aber welche Vorwürfe?

Seit Freitag gelten die McCanns nach Angaben des Polizeikommissariats von Portimao offiziell als verdächtig. Die Möglichkeit, jemanden offiziell zum "Verdächtigen" zu erklären, ist eine Besonderheit im portugiesischen Strafrecht. Sie gibt dem Betroffenen die Möglichkeit, die Aussage zu verweigern und bei Vernehmungen juristischen Beistand zu bekommen, weist aber zugleich darauf hin, dass es Zweifel an seinen bisherigen Aussagen gibt.

Kate und Gerry McCann sollen an Madeleines Tod beteiligt gewesen sein und den Kinderleichnam beseitigt haben. Die bisher größte mediale Kampagne bei der Suche nach einem verschwundenen Kind sollen sie gestartet haben, um von ihrer Tatbeteiligung abzulenken. Justine McGuiness, die Sprecherin der Familie, bestätigte, dass Kate McCann im Verhör direkt beschuldigt wurde, Maddies Tod verursacht zu haben. Die Vorwürfe wiegen schwer, dabei gibt es keine offiziellen Erklärungen der portugiesischen Polizei.

Fest steht bisher nur: Madeleine ist am 3. Mai aus der Hotelanlage "Ocean Club" im portugiesischen Ferienort Praia da Luz verschwunden. Zeugen sahen Madeleine zuletzt gegen 18 Uhr, als sie mit ihrem Vater ein Eis aß. Die portugiesische Zeitung "Diario de Noticias" berichtete, Gerry McCann solle bei seiner Vernehmung am Freitag zugegeben haben, dass er der damals dreijährigen Maddie und ihren beiden zweijährigen Geschwistern Sean und Amelie am Abend ein Beruhigungsmittel eingeflößt habe. Den Abend verbrachten die McCanns daraufhin mit sieben Freunden in einer knapp hundert Meter entfernten Tapas-Bar. Gegen 22 Uhr entdeckten sie, dass Maddies Bettchen leer war.

"Die Ermittler werden sich das gut überlegt haben"

Warum tauchten erst jetzt die vermeintlichen Beweise gegen Kate und Gerry McCann auf, warum gerieten die beiden ins Visier der Ermittler? "Ich denke, die portugiesische Polizei hat es sich nicht leicht gemacht", sagt der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, SPIEGEL ONLINE. Immerhin handle es sich bei dem Fall um Ausländer. "Allein deshalb werden sich das die Ermittler gut überlegt haben. Denn wenn sie falsch liegen, dann blamieren sie sich bis auf die Knochen." Zumal die McCanns nicht zuletzt durch ihre engagierte Suchkampagne weltweit Sympathien genießen.

"In den meisten Fällen hat es einen familiären, häuslichen Hintergrund, wenn ein Kleinkind verschwindet. Wenngleich das nicht heißt, dass es sich dabei um Mord handeln muss", sagt Egg und verweist auf eine Polizeistatistik aus den Jahren 1968 bis 1982, die seinen Angaben zufolge noch heute aktuell ist. Demnach werden zwei Drittel vermisster Kinder von den eigenen Eltern getötet.

Nimmt man noch die weiteren Angehörigen und Bekannte dazu, dann ergibt sich, dass in fast vier von fünf Fällen, in 78 Prozent, eine enge Täter-Opfer-Beziehung bestanden hat. "Knapp fünf Prozent der Kinder fallen dagegen Fremden zum Opfer", sagt Egg.

"Hier findet momentan eine skandalöse Vorverurteilung statt"

Der momentane Stand im Fall Madeleine ist mehr als verworren und frei interpretierbar. Viele Hobby-Sigmund-Freuds und Freizeit-Kommissare versuchen sich an der Rekonstruktion eines möglichen Tathergangs. "Hier findet momentan eine skandalöse Vorverurteilung statt", sagt der Münchner Psychologe Dr. Stephan Lermer SPIEGEL ONLINE. Die spontane Abreise der Eltern könne in keinster Weise als Schuldeingeständnis oder Flucht gewertet werden. "Dieser Fall ist ein sehr seltener, ungewöhnlicher, der andere Eltern verunsichert und prägt." Lermer warnt vor voreiligen Rückschlüssen.

Die portugiesischen Behörden ermitteln in diesen Tagen weiter. Der Staatsanwalt soll noch diese Woche entscheiden, ob das Ärzte-Paar offiziell beschuldigt wird.

Nach Angaben von Philomena McCann, einer Verwandten von Gerry und Kate McCann, lassen sich die beiden juristisch beraten, um sich "im Labyrinth des portugiesischen Justizsystems zurechtzufinden", berichtet BBC. Maddies Eltern wollten außerdem "voll und ganz" mit den Behörden zusammenarbeiten und seien jederzeit zu einer Rückkehr nach Portugal bereit.

Beispiellose Medienkampagne als Ablenkungsmanöver?

Madeleines gesamte Familie hat sich in das Haus der McCanns zurückgezogen. Auch Kates Eltern, Brian und Susan Healy, reisten aus Liverpool an. Die Einwohner von Rothley nahe Leicester stehen weiterhin zu den McCanns und glauben Vater Gerry, wenn er, wie bei der Landung in England, sagt: "Es ist mir egal, wenn die Polizei behauptet, wir würden fliehen. Und es ist mir egal, wenn die Leute das glauben. Wir haben genug." Es breche ihnen das Herz, ohne Madeleine nach England zurückzukehren. Die Rückkehr bedeute nicht, dass sie die Suche nach ihr aufgegeben haben.

Die Welttournee, die den McCanns Unterstützung von Seiten des Papstes, von Joanne K. Rowling, von David Beckham einbrachte, gilt für die meisten Exegeten als größtes Indiz für die Unschuld des Elternpaares. Kriminologe Egg sieht es nüchterner: "Es gibt nichts, was es nicht gibt. Schlimmstenfalls könnte es so sein, dass die Eltern damit von ihrer Tat ablenken wollten. Aber keinesfalls darf man den Umkehrschluss ziehen und ihnen vorwerfen, dass sie schuld am Tod ihrer Tochter sind, weil sie die Öffentlichkeit in diesem Maße suchten."

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