Fall Mitja: "Keiner hat es gemerkt" - DER SPIEGEL
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Fall Mitja "Keiner hat es gemerkt"

Die Polizei fahndet fieberhaft nach Uwe K., dem mutmaßlichen Mörder des kleinen Mitja. Einwohner des Leipziger Vororts Schkeuditz reagieren mit Hilflosigkeit und Trauer auf das Verbrechen an dem neunjährigen Schüler.
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Leipzig - Der graue Himmel an diesem nasskalten Tag drückt die Stimmung in der Bevölkerung im Leipziger Vorort Schkeuditz aus: Die Menschen dort sind schockiert über das Verbrechen an dem kleinen Mitja. Vor dem Eingang der Kleingartenanlage in der Äußeren Leipziger Straße, dort wo die Leiche des Jungen am Wochenende gefunden wurde, sind Friedhofskerzen und kleine Stofftiere abgelegt worden und Schilder mit der Aufschrift: "Wir alle trauern um Mitja" oder "In tiefer Andacht".

Ein anderes Schild fragt: "Warum hast Du mir das angetan?" Gemeint ist der vorbestrafte Kinderschänder Uwe K. Ihm gehört die Laube, in der der neunjährige Mitja tot aufgefunden wurde.

Der 43-Jährige steht im Verdacht, den Schüler sexuell missbraucht und dann erstickt zu haben. K. ist seit dem Verbrechen auf der Flucht. Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach ihm. Die 64 Jahre alte Ingeborg Geisler hat Tränen in den Augen. "Wir sind fassungslos, keiner hat es gemerkt", sagt sie kaum hörbar. Dann legt sie Blumen an der Kleingartenanlage ab und geht weiter.

In die Trauer mischt sich aber auch Wut und Zorn. Hans-Dietmar Jorbahn, der genau wie K. eine Laube in der Schkeuditzer Kleingartenanlage hat, fordert drastische Strafen und hofft, dass K., wenn er denn der Täter ist, nicht wieder aus dem Gefängnis raus komme.

Den Tatverdächtigen schilderte er als freundlich. K. sei nie auffällig geworden, sagt Jorbahn. Nur wenige hundert Meter von der Kleingartenanlage entfernt stehen Menschen wie der 27 Jahre alte Timo Tasche aus dem nordrhein-westfälischen Marl oder die Leipzigerin Nicole Seifert Wache vor dem Wohnhaus, in dem der Tatverdächtige wohnt. Schilder mit der Aufschrift: "Stell Dich" oder "Schon wieder gab es keine Hilfe im Voraus" liegen hier.

"Die Politik muss uns besser schützen", fordert Tasche und Seifert, die selbst einen neun Jahre alten Sohn hat, sagt: "Ich bin so hilflos". Dieses Gefühl haben auch die Verkäuferinnen in der Bäckerei "Damm", wo K. mit Mitja noch am vergangenen Donnerstag Kuchen kaufte, bevor er mit dem Jungen in seine Laube ging. "Er hat Stachelbeerkuchen gekauft", sagt eine Verkäuferin in der Bäckerei. Der Junge starb vermutlich am Donnerstagabend oder in der Nacht zum Freitag.

Acht Geistliche trösteten die Kinder in Mitjas Schule

Trauer auch in der Grundschule im Leipziger Stadtteil Stahmeln, wo Mitja die zweite Klasse besuchte. Heute ist der erste Schultag in Sachsen nach den Winterferien, aber für die Kinder ist es kein normaler Beginn, wie Schulleiterin Sonja Hottas schildert. Bereits am Sonntag, nachdem die Polizei sie von dem Tod des Neunjährigen informiert habe, hätten die Lehrer zusammen gesessen und überlegt, was zu machen sei, betont die Schulleiterin.

Pfarrer Helge Voigt sagt, dass acht katholische und evangelische Seelsorger in den Klassen gewesen seien, damit die Kinder in ihrem Schmerz nicht alleine gelassen werden. Auch zwei Schulpsychologen waren vor Ort. Die Kinder hätten Fragen gestellt wie "Warum ist das passiert?" oder "Wie ist Mitja gestorben?". "Fragen, auf die wir keine Antwort wussten", betont Voigt.

Im Eingangsbereich der Schule und auch in Mitjas Klassenzimmer ist nach seinen Worten ein Bild des Jungen aufgestellt worden. Schulfrei sei nicht gewesen, denn die Lehrer hätten sich entschlossen, Unterricht abzuhalten, wenn auch ohne Leistungsdruck. "In solch einem Prozess ist Ordnung wichtig", betont der Pfarrer. Auch er habe Wut, aber zu Gericht sitzen, müssten andere.

Viele Eltern hätten ihre Kinder in den Unterricht begleitet, betont die Schulleiterin. Die Betreuung werde auch morgen und am Mittwoch fortgesetzt. "Wir haben den Eltern von Mitja unsere Unterstützung angeboten, aber die haben noch nicht reagiert", sagt Hottas. Sie wollten mit ihrem Schmerz jetzt alleine sein.

Frank Ellmers, AP

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