Fall Rotherham: Missbrauchsprozess hat begonnen - DER SPIEGEL
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Auftakt im Missbrauchsprozess Eine Stadt, die wegsah

Mit bis zu 1400 Opfern ist der Fall des nordenglischen Rotherhams der Inbegriff von Kindesmissbrauch. Gegen sechs Männer und zwei Frauen hat nun der Prozess begonnen. Die Behörden ignorierten die Fälle offenbar jahrelang.
Pittoreske Altstadt von Rotherham: Behörden ignorierten offenbar den Missbrauch
Pittoreske Altstadt von Rotherham: Behörden ignorierten offenbar den Missbrauch

Pittoreske Altstadt von Rotherham: Behörden ignorierten offenbar den Missbrauch

Foto: Will Oliver/ dpa
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In Sheffield hat ein spektakuläres Gerichtsverfahren um zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im nordenglischen Rotherham begonnen. Vor Gericht stehen sechs Männer und zwei Frauen. Ihnen wird vorgeworfen, 14 Mädchen und junge Frauen missbraucht zu haben. Die Opfer wurden laut Anklage teilweise mit Alkohol sexuell gefügig gemacht und zur Prostitution gezwungen. Insgesamt wird über 74 Anklagepunkte verhandelt. Die Beschuldigten bestreiten die Taten.

Was vor Gericht verhandelt wird, ist den Ermittlungen zufolge nur die Spitze eines unfassbaren Skandals. Insgesamt sollen in Rotherham zwischen 1997 und 2013 bis zu 1400 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt geworden sein. Zu dem Ergebnis kommt ein unabhängiger Bericht der Professorin Alexis Jay. Doch es sind nicht nur die Zahlen, die schockieren.

Polizei sah wohl aus Angst weg, als Rassist zu gelten

Der nun begonnene Prozess, in dem es zunächst nur um Verfahrensfragen ging, gibt womöglich Einblick in eine Parallelwelt: Eine Bande von Männern mit pakistanischen Wurzeln soll junge Mädchen, meist aus extrem sozial schwachen Verhältnissen, als billige Prostituierte missbraucht haben. Bereits elfjährigen Kindern sei Schnaps eingeflößt worden, billige Geschenke sollten sie gefügig machen. Betrunkene Erwachsene fielen anschließend über sie her.

Wenn die Köder nicht reichten, wendeten die Täter Gewalt an. In einem Fall wurde ein Mädchen mit Benzin überschüttet und musste bei einer Vergewaltigung zusehen, um zum Schweigen gebracht zu werden.

Rotherham kein Einzelfall in Großbritannien

Doch die Behörden in Rotherham sollen jahrelang weggeschaut, Klagen von Opfern nicht ernst genommen haben. Auch eine falsch verstandene politische Korrektheit spielte dabei offenbar eine Rolle: Aus Angst, als Rassisten gebrandmarkt zu werden, hätten sie Hinweise und Warnungen ignoriert. Rotherhams Polizeichef und der gesamte Stadtrat traten inzwischen zurück. Es gab immer wieder Festnahmen.

Laut Jays Bericht befanden sich Ermittler und Sozialarbeiter vor Ort im Unklaren, "was sie sagen und tun sollten, und was als rassistisch interpretiert werden könnte". Im Klartext: Wegschauen, weil es sich bei den Peinigern um Einwanderer handelte? Doch auch lokale Imame und andere Vertreter der pakistanischen Gemeinde reagierten dem Bericht zufolge nur wenig.

In Großbritannien kommt es seit Jahren immer wieder zu Enthüllungen groß angelegter Straftaten gegen Kinder. Mal geht es um weitreichenden Kindesmissbrauch bei der BBC, Leichenschändung in staatlichen Krankenhäusern, Affären der Jugendlichen von Parlamentariern in Westminster, mal um systematischen Missbrauch in Kinderheimen in Wales oder Hunderte geschändete Heimkinder in Nordirland. "Rotherham ist keinesfalls ein Einzelfall", sagte der Chef der Selbsthilfeorganisation National Association for People Abused in Childhood, Peter Saunders, bereits vor einiger Zeit.

Bericht aus Rotherham im SPIEGEL
Foto: Foto: Connor Matheson/Reportdigital/DER SPIEGEL

Verbrechen: Warum im englischen Rotherham 1400 Kinder über Jahre misshandelt werden konnten, ohne dass etwas dagegen unternommen wurde.Verbrechen: Stadt ohne Gewissen (SPIEGEL 38/2014) 

wit/apr/dpa