FBI-Skandal um falsche Haarproben - DER SPIEGEL
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FBI-Skandal Wenn die Forensik versagt

Es ist einer der größten Justizskandale der US-Geschichte: Das Kriminallabor des FBI liefert seit Jahren falsche Haaranalysen. Hunderte Angeklagte wurden womöglich zu Unrecht verurteilt - manche davon zum Tode.
Eingang zum Todestrakt in San Quentin: Zweifel am CSI
Eingang zum Todestrakt in San Quentin: Zweifel am CSI

Eingang zum Todestrakt in San Quentin: Zweifel am CSI

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS
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Bis heute ist "CSI" eine der populärsten TV-Serien der Welt. Kriminologen, sogenannte Crime Scene Investigators, lösen dort Mordfälle mit forensischen Methoden und Indizien wie Haar-, Blut- und DNA-Proben. Die Sendungen, die seit Oktober 2000 ununterbrochen laufen, machten die im Stillen agierenden Laborfahnder zu Actionhelden.

Echten Kriminologen hat das nie geschmeckt. Seit Langem kritisieren sie diese Darstellung ihres seriösen Berufsstands. Zugleich streiten Juristen um den "CSI-Effekt", wonach sich US-Gerichte unter dem Eindruck der Serie viel zu sehr auf Forensik verlassen - eine Befürchtung, die sich jetzt als berechtigt entpuppt.

Die Rede ist von einem der größten Justizskandale der US-Geschichte: Jahrzehntelang lieferte das FBI den Gerichten falsche Haaranalysen und half so mit, dass womöglich Hunderte Angeklagte nicht nur unschuldig hinter Gittern landeten - sondern in vielen Fällen sogar hingerichtet wurden.

Der Vorwurf ist nicht neu, seit Jahren kursieren solche Berichte. Doch die aktuellen, offiziellen Erkenntnisse, enthüllt von der "Washington Post " und vom FBI bestätigt, offenbaren das ganze Ausmaß der Missstände und ihre gravierenden Folgen für die Betroffenen. "CSI", resümierte das Magazin "Atlantic", "ist eine Lüge."

Verheerendes Zwischenergebnis

Aufgrund wiederholter Unstimmigkeiten begannen das US-Justizministerium und das ihm unterstellte FBI bereits 2012 eine interne Prüfung ihrer forensischen Arbeit. Unterstützt von der Anwaltsvereinigung NACDL und dem Innocence Project, das unschuldig Verurteilte vertritt, untersuchen die Behörden rund 2500 Fälle seit 1985, in denen Haar- und Gewebeproben und Aussagen des FBI eine Rolle spielten.

Das verheerende Zwischenergebnis: Fast jeder forensische FBI-Fahnder habe "in fast allen Prozessen fehlerhaft ausgesagt", zitiert die "Washington Post" erste Erkenntnisse des Berichts. So hätten in 257 der 268 bisher untersuchten Prozesse 26 von 28 Experten des FBI-Labors Haarvergleiche zugunsten der Anklage "überbewertet".

Schlimmer noch: In 32 Fällen hätten die Gerichte anschließend Todesstrafen verhängt. 14 Verurteilte seien bereits hingerichtet worden oder im Todestrakt verstorben - davon allein fünf in Texas.

US-Prozesse stützen sich auf ein Geflecht aus Zeugenaussagen und Beweisen. DNA- und andere forensische Proben können dabei das Zünglein an der Waage sein: "Forensische Beweisanalyse", heißt es im Handbuch des FBI-Labors, "ist oft maßgebend bei der Bestimmung von Schuld oder Unschuld."

Skandal befeuert Debatte über die Todesstrafe

Die Vorwürfe gehen an den Kern dieser Spezialwissenschaft. So gibt es bis heute keine konkreten Studien, wie oft sich Haare mikroskopisch gleichen können. Auch arbeiten die Analysten im zentralen FBI-Labor in Quantico bei Washington generell im Auftrag der Anklage, was die Ergebnisse nach Auffassung der Kritiker beeinflussen könnte. Die Verteidigung dagegen hat seltener Zugang zu teuren DNA-Experten.

Dabei ist das Problem bekannt. Immer häufiger werden US-Urteile wieder aufgehoben, weil sich die Indizien im Nachhinein als mangelhaft erwiesen. Inzwischen geschah das in mehr als 300 Fällen, die bis 1989 zurückgehen. Allein in Washington wurden seit 2009 fünf Männer, die 20- bis 30-jährige Haftstrafen verbüßten, nachträglich freigesprochen.

Der FBI-Skandal befeuert nun vor allem die Debatte über die Todesstrafe neu. Immer mehr US-Staaten setzen sie aus oder schaffen sie ganz ab. Eine besonders intensive Diskussion findet gerade in Massachusetts statt: Der Bundesstaat verwarf die Todesstrafe zwar schon 1984, sieht sich aber im Fall des Bostoner Marathon-Attentäters derzeit erneut mit dem Thema konfrontiert.

Dschochar Zarnajew wurde Anfang April schuldig gesprochen, den Anschlag verübt zu haben. Auch dabei spielten DNA-Indizien eine Rolle: Eine Expertin des Kriminallabors von Massachusetts sagte aus, man habe im Auto Zarnajews Blut eines getöteten Polizisten gefunden.

In einer zweiten Prozessphase, die am Dienstag beginnt, müssen die Geschworenen nun über das Strafmaß entscheiden: lebenslange Haft oder Todesstrafe. Letzteres wäre in diesem Fall auch in Boston möglich, da Zarnajew nicht von den örtlichen Behörden angeklagt wurde, sondern vom US-Justizministerium, das die Todesstrafe bis heute anerkennt.

Während an den DNA-Proben und der Schuld Zarnajews keine Zweifel bestehen, gibt es in diesem Fall moralische Bedenken. So verwandte sich die Familie des bei dem Anschlag umgekommenen achtjährigen Martin Richard dagegen, Zarnajew zum Tode zu verurteilen: Die Revisionsverfahren, schrieben sie in einem offenen Brief, könnten "den schmerzhaftesten Tag unseres Leben" auf Jahre hinweg verlängern.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war die Rede von falschen DNA-Analysen. Tatsächlich handelt es sich um falsche Haaranalysen. Der Artikel wurde entsprechend angepasst.