Geplatzter Mafia-Prozess Der Pate im Minivan
Hamburg - Nadelstreifenanzug, weißes Hemd, dezente Krawatte - John A. Gotti Junior macht einen manierlichen Eindruck. Das krause, an den Schläfen ergraute Haar ist ordentlich frisiert, der Blick zu Boden geneigt, auf seinem glatt rasierten Gesicht liegt ein leicht gequälter Ausdruck, von Selbstgefälligkeit keine Spur. Das soll ein Mafia-Boss sein?
Der familiäre Hintergrund legt das nahe. Der Angeklagte ist der Sohn von John J. Gotti, dem legendären Chef des Gambino-Clans, der einst mächtigsten Mafia-Organisation New Yorks. In den achtziger Jahren erreicht der Pate mit seinem Netzwerk den Höhepunkt seiner Macht. Allein der Name Gotti reicht aus, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. 1992 dann ist es mit der Herrschaft des damals 41-Jährigen vorbei. Der Clan-Chef wird wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, zehn Jahre später stirbt er im Gefängniskrankenhaus an Krebs.
Das Imperium übergibt zuvor er an seinen Sohn, Gotti Junior. Der jedoch verkündet im April 1999 öffentlich einen Sinneswandel: Er wird wegen organisierter Kriminalität vor Gericht gestellt, bekennt sich schuldig und sagt, er wolle der Mafia abschwören. Kein leichtes Unterfangen in einer verschworenen Gemeinde, in der Ehre alles gilt und Söhne das Erbe ihrer Väter nicht ausschlagen dürfen?
Rache für Lästereien im Radio?
In einem neuen Verfahren geht es nun unter anderem um den Vorwurf, Gotti habe 1992 zwei seiner Leute angestiftet, den Radiomoderator und Gründer der Bürgerwehr "Guardian Angels", Curtis Sliwa, zu entführen. Sliwa wird in einem Taxi im New Yorker Stadtteil East Village gekidnappt, verprügelt und im Handgemenge von mehreren Schüssen getroffen. Er überlebt schwer verletzt. Der Anklage zufolge hat Gotti Junior die Tat in Auftrag gegeben, weil er sich dafür rächen wollte, dass Sliwa in seiner Sendung über Gotti Senior hergezogen ist.
Die Geschworenen müssen natürlich über die einzelnen Anklagepunkte entscheiden, vor allem aber auch darüber, ob Gotti noch immer zur Mafia gehört oder nicht. Die Jahre, die der heute 40-jährige Gotti seit 1999 hinter Gittern verbracht hat, will er dazu genutzt haben, sich grundlegend zu ändern. "Ich bedauere, dass ich so gelebt habe und was ich damit meinen Kindern und meiner Frau angetan habe", sagt er in einem Interview. Seine Kinder wolle er nicht an die Mafia verlieren. "Wenn das passieren sollte, hätte ich als Vater versagt."
Die beiden Hauptzeugen in dem Verfahren haben eine blutige Vergangenheit in New Yorks Mafia. Michael DiLeonardo alias "Narben-Mikey" und Joseph D'Angelo, genannt "Little Joey", sollen gegen ihren ehemaligen Chef aussagen. Beide sind ins Zeugenschutzprogramm der US-Bundespolizei FBI aufgenommen worden, bekommen eine neue Identität und vor allem eine milde Strafe - sie geben als Teil des Deals im Zeugenstand mehrere Morde samt grausiger Details zu.
Glaubwürdigkeit der Zeugen wankt
Die Verteidigung betont, ihr Mandant habe mit der Entführung Sliwas nichts zu tun. Im Kreuzverhör gelingt es Gottis Anwalt Jeffrey Lichtman, die Glaubwürdigkeit der beiden Zeugen zu erschüttern. Sie widersprechen sich in einem wichtigen Punkt: Das Planungsgespräch zu dem Überfall habe in einem Restaurant im Stadtteil Queens stattgefunden, sagt DiLeonardo aus. D'Angelo hingegen spricht von einem Keller in Brooklyn.
Die Verteidigung scheint die Strategie zu verfolgen, Gotti als reuigen Ex-Mafioso darzustellen - und das geht offenbar auf. Den Geschworenen fällt es dermaßen schwer, zu einem einheitlichen Urteil zu kommen, dass selbst professionelle Juristen das Ergebnis kaum verstehen. Die Richterin und die Anwälte rätseln eine halbe Stunde darüber, was die Geschworenen entschieden haben.
Die Jury ist tief gespalten. Hat Gotti die Entführung wirklich angeordnet? Sieben Geschworene halten den Vorwurf der Entführung für bewiesen, die anderen fünf nicht. Immerhin zehn Jury-Mitglieder befinden ihn der Planungen zur Entführung schuldig, zwei hingegen nicht. Elf Geschworene halten es für bewiesen, Gotti sei ein Wucherer und Kredithai. Nur in einem der vier Anklagepunkte kommen die Geschworenen zu einem einstimmigen Ergebnis: Der Angeklagte ist des Vorwurfs der Verabredung zum Wertpapierbetrug nicht schuldig.
Die Jury greift in ihrer Not zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie lässt weite Teile des Urteilsbogens frei, den sie eigentlich hätte ausfüllen müssen. Dort, wo "schuldig" oder "nicht schuldig" eingetragen werden muss, steht gar nichts. Der Prozess ist geplatzt. Für eine Gesamtverurteilung in Sachen organisierte Kriminalität müssen die Geschworenen John Gotti in mindestens zwei der vier Anklagepunkte für schuldig befinden.
Für die Staatsanwaltschaft ist das Verfahren ein Debakel, für die Verteidigung ein Sieg: Gotti, dem im Fall einer Verurteilung 30 Jahre Haft drohen, wird vermutlich bald freikommen. Richterin Shira Scheindlin hat angekündigt, Gotti gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen. "Irgendwie", sagte eine der Geschworenen der "New York Times", "waren wir am Ende alle überrascht, dass Mister Gotti in keinem der Anklagepunkte verurteilt wurde."
"John ist sehr zufrieden"
Gottis Familie, die im Gerichtssaal zwei ganze Sitzbänke füllt, jubelt über das Nicht-Urteil. Applaus brandet auf. "Gott hat das Gebet einer Mutter erhört", ruft Gottis in Tränen aufgelöste Mutter Victoria. "John ist sehr zufrieden", sagt Anwalt Lichtman. "Er wird bald mit seinen Kindern nach Hause gehen, das ist alles, worüber er im vergangenen Jahr gesprochen hat." Das Familienidyll hat Gotti selbst am Rande des Prozesses immer wieder beschworen: Er wolle seine Zeit künftig damit verbringen, seine Kinder im Minivan durch die Gegend zu kutschieren. Das sei sein größter Wunsch.
Entführungsopfer Sliwa wettert weiter gegen Gotti, mag ihm seinen Gesinnungswandel nicht abnehmen. "John Gotti Junior ist ein Feind der Gesellschaft bis ins Mark, ein Verbrecher", sagte er nach dem Urteil. Sobald dieser wieder in Freiheit sei, würden Gotti und seine Familie ihre "Schreckensherrschaft" fortführen. "Lasst uns in die zweite Runde gehen, ich kann es kaum erwarten", forderte er.
Die Ermittler sind auch wenig davon überzeugt, dass Gotti der Mafia den Rücken gekehrt hat. Theoretisch könnte die Staatsanwaltschaft ihn erneut wegen der Vorwürfe anklagen, denn freigesprochen wurde der Angeklagte schließlich nicht. Mit einer klaren Aussage hält sich die Ermittlungsbehörde aber noch immer zurück. "Wir wägen gerade das weitere Vorgehen ab", sagt Bezirksstaatsanwalt Michael Garcia der "New York Times". Eine Begründung für seine Zurückhaltung nennt er nicht.