Geständnis im Babyleichenprozess "Ich dachte, es schläft"
Wiesbaden - Mit einem umfassenden Geständnis der Mutter hat am Mittwoch der Prozess um den Fund einer Babyleiche in einem südhessischen Behindertenzentrum begonnen. Die Angeklagte räumte vor dem Wiesbadener Landgericht ein, das Kind unmittelbar nach der Entbindung am 12. Juni 2005 zu ihrem Arbeitsplatz im Rüdesheimer St.-Vincenz-Stift gefahren und dort im Keller abgelegt zu haben. Die stark verweste Leiche war erst vier Monate später gefunden worden.
Die Anklage lautet auf Kindesaussetzung mit Todesfolge. Die 24-Jährige berichtete, sie habe das Kind im Haus ihrer Eltern zur Welt gebracht, während diese im Urlaub waren. Sie habe selbst die Nabelschnur durchtrennt, dann das Kind gewickelt und in einen Strampelanzug gesteckt. Anschließend sei sie mit dem Wagen zu dem Behindertenzentrum gefahren, wo sie im Sommer 2005 als Praktikantin arbeitete. Dort habe sie das Baby im Fahrradkeller in einen Schuhschrank gelegt: "Ich habe gedacht, dass es aufgefunden wird, wenn es aufwacht und dann schreit."
Die junge Frau sagte, sie habe aus Angst vor ihrer Mutter niemandem im Familien- oder Freundeskreis von ihrer Schwangerschaft berichtet, nicht einmal ihrem damaligen Freund. Dieser habe drei Monate vor der Entbindung mit ihr Schluss gemacht. Er sei noch in der Ausbildung zum Piloten gewesen, habe Karriere machen wollen und Kinder als "Quälgeister" abgelehnt. Ihre eigene berufliche Situation sei schwierig gewesen: "Ich hatte keinen Mann, ich hatte keine Ausbildung." Sie habe gedacht, dass es dem Kind besser gehe, wenn es nicht bei ihr aufwachse.
Zuvorkommend, freundlich, kinderlieb?
Nach den Aussagen der Angeklagten muss das Kind bei der Geburt noch gelebt haben. Der Todeszeitpunkt ist dagegen unklar. Die Mutter berichtete, auf der Fahrt zum St.-Vincenz-Stift habe das Baby die Augen geschlossen gehabt: "Ich war immer der Meinung, dass es schläft." Nach einem medizinischen Gutachten der Uni Mainz ist das Kind möglicherweise schon kurz nach der Entbindung an Unterkühlung gestorben.
Der Exfreund der Angeklagten beschrieb die Angeklagte als sehr zuvorkommend, freundlich und kinderlieb. Daher habe er das Tatgeschehen nie nachvollziehen können. Der 29-Jährige berichtete, ihm sei Ende 2004 aufgefallen, dass seine damalige Freundin dicker geworden sei. Als er sie darauf angesprochen habe, habe sie eine Schwangerschaft aber vehement bestritten und angekündigt, dass sie nun abnehmen wolle.
Die Leiche des Babys war am 4. Oktober 2005 von einer Arbeitskollegin gefunden worden. Zu diesem Zeitpunkt war die Leiche bereits so stark verwest, dass nicht einmal das Geschlecht des Kindes noch bestimmt werden konnte. Die Beschuldigte wurde einen Tag später festgenommen. Die Kollegin, die das Kind fand, berichtete heute, der Babyleichnam habe in einer Plastiktüte gesteckt. In dieser Tüte hätten sich auch eine Jeansjacke und ein Einkaufszettel befunden, die beide der Angeklagten zugeordnet werden konnten. Der Prozess wird am 10. April fortgesetzt.
ffr/AP