Getötete Lehrerin Mörderische Bruderliebe
Lübeck - Was wäre passiert, wenn Isolde F. an diesem späten Januarabend 2005 die Tür nicht geöffnet hätte? Wenn sie einfach so getan hätte, als würde niemand das Klingeln an der Haustür hören? Vielleicht hätte die Lehrerin diesen Abend überlebt und wäre nicht mit einem Schlagring fast bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt und mit einem 30 Zentimeter langen Fleischermesser acht Mal in die Brust gestochen worden, vielleicht wäre ihr auch nicht der Hals bis zum Rückgrat durchtrennt worden. Vielleicht.
Wahrscheinlich aber doch - wenn man der Staatsanwaltschaft glaubt. Die Ankläger sind überzeugt, dass das Schicksal der 55-Jährigen zu diesem Zeitpunkt längst besiegelt gewesen ist. Isolde F. musste sterben, weil sie sich mit schlechten Noten einen ihrer Schüler zum Feind gemacht hatte.
Um zehn nach zehn wird Vitali O. heute in den Gerichtssaal 155 des Lübecker Landgerichts geführt. Der kräftige 21-Jährige hält sich gerade, sein graues Kurzarm-Hemd spannt über der Brust. Er betritt den Raum ohne eine Spur von Aufregung, um die größtmögliche Lässigkeit bemüht. Gedankenverloren streichelt er von Zeit zu Zeit sein Bärtchen auf Oberlippe und Kinn, während seine Kiefer langsam einen Kaugummi bearbeiten.
Alex lächelt nur nervös
Der, der ihm vorangeht, ähnelt ihm und ist doch ganz anders. Der 18 Jahre alte Alex trägt die gleichen dunkelbraunen, nach hinten gegelten Haare wie sein älterer Bruder, doch wirkt er feingliedriger, zerbrechlicher, mit sanften Gesichtszügen und dunklen Augen. An diesem Tag hat er einen hellblauen Pulli und eine Jeans angezogen. Wenn ihm sein Bruder grinsend etwas zuflüstert, lächelt er meist nur nervös. Als in einer Verhandlungspause der Gutachter, ein Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, von seinem Platz aufsteht und zu den Brüdern herüber geht, steht Alex sofort auf, um dem großväterlich wirkenden Experten mit einem verlegenen Lächeln die Hand zu schütteln.
Sein Mandant werde nichts aussagen, hatte Alex' Rechtsanwalt Patric von Minden angekündigt. Bruder Vitali habe bereits die Tötung der Lehrerin gestanden, und Alex mache von seinem Recht Gebrauch, als Angeklagter die Aussage zu verweigern. Dabei ist der 18-Jährige die Person, um die sich in Lübeck alles dreht.
Denn Alex war es, der sich über Monate hinweg an Heimgarten-Realschule in Ahrensburg nördlich von Hamburg einen Kleinkrieg mit seiner Deutschlehrerin Isolde F. geliefert hat. Alex war es auch, auf dem die Erwartungen seiner aus Kasachstan eingewanderten Familie lagen - und der bei jeder schlechten Note, die ihm Isolde F. ausstellte, zu Hause ins Bad einschloss und heulte. Immer wieder war der junge Russlanddeutsche mit der Pädagogin aneinander geraten, hatte sich bei seiner Mutter, bei der Schulsozialarbeiterin, ja sogar beim Schuldirektor über Isolde F. beschwert. Doch gegen die strenge und unter Kollegen hoch geachtete Lehrerin kam der jüngste Sohn der Familie nicht an. Bis ihm sein Bruder eine andere Vorgehensweise vorschlug.
Schon immer war Vitali in dem Brüder-Duo der Starke, der hart Zupackende, manchmal aufbrausend, manchmal selbstbewusst bis zur Überheblichkeit. Jetzt wollte er das tun, was er schon immer gemacht hatte: seinem kleinen Bruder aus der Patsche helfen.
Er brauche Hilfe, sagt Alex an der Gegensprechanlage
Feststeht, dass die Brüder an jenem Sonntagabend, dem 16. Januar, zusammen zur Wohnung der verhassten Lehrerin fuhren. Dass sie bei ihr klingelten, dass Alex seiner Lehrerin an der Gegensprechanlage sagte, er bräuchte dringend Hilfe. Und dass die Brüder bewaffnet waren: mit einem Fleischermesser, das Vitali aus der Küche seines Restaurants mitgenommen hatte.
Was dann kam, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Vitalis Anwalt, Thomas Elvers, verliest am ersten Prozesstag vor dem Lübecker Landgericht im Namen seines Mandanten eine Erklärung. Es gehe nicht darum, die Opfer-Täter-Rolle zu verschieben, beteuert Elvers, es gehe auch nicht darum, das Ansehen des Opfers Isolde F. zu beschädigen. Sein Mandant Vitali O. gestehe seine Schuld voll ein.
Ein "und doch" schwebt ungesagt zwischen diesen Worten. Was Elvers dann verliest, lässt vom Ansehen des Opfers trotz vorheriger Versicherungen nicht viel übrig. Monatelang habe Vitali miterleben müssen, wie sein jüngerer Bruder unter den "schikanösen Handlungen" der Lehrerin habe leiden müssen, trägt Elvers vor.
Demütigungen und Schikanen
Eines Tages sei Alex, der nach der Realschule Berufssoldat werden wollen, zur Musterung ins Kreiswehrersatzamt gefahren, ohne sich abzumelden. Laut Elvers verpasste Isolde F. ihm für sein unentschuldigtes Fehlen eine 6 - die sie auch nicht zurücknehmen wollte, als Alex ihr einen Tag später das Entschuldigungsschreiben der Behörde vorlegte. In seiner Wut habe sich der Junge im Ton vergriffen, sich aber am nächsten Tag wieder entschuldigen wollen. Doch Isolde F. habe Alex weiter gedemütigt, indem sie seine vor der Klasse vorgetragene Entschuldigung nicht angenommen habe.
Der Verteidiger schildert den Ablauf des 16. Januar sinngemäß so: Nach dem erneuten Streit zwischen Alex und seiner Lehrerin reicht es Vitali. Seinem Bruder sagt er: "Wir machen der mal richtig Angst. Die muss aufhören, dich fertig zu machen." Vitali will Isolde F. erschrecken. Weil er gehört hat, dass die Lehrerin einen Sohn hat, nimmt er sicherheitshalber das Messer mit. Oder will er Isolde auch Schmerzen zufügen? Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ist das Messer nicht die einzige Waffe an diesem Abend, die benutzt werden wird: Auch einen Schlagring hätten die beiden Brüder dabei gehabt.
Doch dann läuft alles anders als geplant. "Eine Frechheit" sei es, sie in ihrer Freizeit zu stören, schimpft Isolde F., als Alex und Vitali abends vor ihrer Wohnungstür auftauchen. Alex sei ein Versager, und bei seiner Deutsch-Note kann er "das mit der Bundeswehr vergessen". Da springt Vitali plötzlich vor und versetzt der Frau einen Schwinger mitten ins Gesicht. Er packt Isolde F., die am Boden liegt und sich gegen den Angreifer zu wehren versucht, und brüllt sie an: "Hörst Du? Hör auf, meinen Bruder zu schikanieren!"
Aus einem Impuls heraus habe er plötzlich das Messer gezückt und auf die Frau eingestochen, heißt es in der Erklärung Vitalis. Bei all dem habe sein Bruder Alex nur entsetzt zugeschaut. "Die Tat ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Beide können sich nicht erklären, wie die Situation so sehr eskalieren konnte", schließt der Verteidiger.
Vier Tage nach dem verhängnisvollen Abend wurden die Brüder festgenommen, weil sie widersprüchliche Angaben gemacht hatten. Zwei Monate später legte Vitali O. in der Untersuchungshaft ein Geständnis ab und erklärte, er allein habe die Tat begangen.
"Ich bringe sie um", hören Mitschüler Alex sagen
Ein Teilgeständnis sei das, mehr nicht, glaubt die Anklage. Staatsanwalt Marcel Ernst vermutet eine gemeinschaftlich begangene Tat. So seien an einem Schlagring DNA-Spuren beider Brüder gefunden worden. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war die Tötung geplant. So habe Alex Vitali am Nachmittag vor der Tat eine SMS geschrieben, in denen er von blauen Müllsäcken spricht - zum Vernichten von Beweisen, glauben die Ankläger. Und Mitschüler wollen Alex schon Wochen zuvor im Zorn über seine Lehrerin sagen gehört haben: "Ich bring sie um."
Auch die Spuren an der Leiche von Isolde F. deuten keineswegs auf einen kurzen, exzessiven Gewaltausbruch hin.
Das Messer dagegen haben die Jungen nach der Tat versteckt, angeblich können sie sich nicht mehr darin erinnern, wo. Die Staatsanwaltschaft will sich daher nicht festlegen, wer zugestochen und wer zugeschlagen hat. Man sei überzeugt, dass einer das Opfer festgehalten habe, während der andere zustieß. Daher komme nur eine zweifache Verurteilung wegen geplanten und heimtückischen Mordes aus niederen Motiven in Frage.
Rechtsanwalt Thomas Elvers sieht das anders: Mit sechs bis sieben Jahren wegen Totschlags könne sein Mandant Vitali "gut leben", sagt der Verteidiger.