Kindesmisshandlung in Hamburg Im Suff
Sein Sohn Jamie-Dean war drei Tage alt, lag noch auf der Neugeborenenstation, da rastete Sascha K. aus. So sehr, dass der Sozialdienst der Klinik das Jugendamt informierte. Jamie-Deans Mutter wirkte ungeduldig, impulsiv, gereizt.
83 Tage später trugen Rettungskräfte Jamie-Dean aus der Wohnung seiner Eltern in Hamburg-Finkenwerder, brachten ihn ins Universitätsklinikum Eppendorf, er schwebte in Lebensgefahr. Auf der Intensivstation kämpften Ärzte um das Leben des drei Monate alten Jungen, versetzten ihn ins künstliche Koma. Jamie-Dean überlebte. Teile seines Großhirns sind zerstört, er wird blind und taub bleiben, vermutlich nie allein schlucken können.
Der Fall Jamie-Dean steht für eine dieser Tragödien, die vorhersehbar sind, die sich ankündigen. Ein Unglück, das man hätte verhindern können, hätten die, die dieser Familie zur Seite gestellt wurden, die Anzeichen, die es gab, ernst genommen. Wie damals in den Fällen Michelle, Jessica, Lara Mia, Chantal und Yagmur. Kinder, die trotz Betreuung durch das Hamburger Jugendamt zu Tode kamen.
Prügel und Suff
Ab Donnerstag soll sich Sascha K., 27, vor dem Landgericht Hamburg verantworten, er ist wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagt. Gegen die Behörden und Verantwortlichen, die die Problemfamilie im Blick haben sollten, wurde nicht ermittelt.
Bei einer Katastrophe mit Ansage.
Jamie-Deans Eltern lernten sich im Entzug kennen. Nach der Therapie tranken sie weiter, kifften, davon ist zumindest die Staatsanwaltschaft überzeugt. Sascha K., Vater einer vierjährigen Tochter und vorbestraft wegen Körperverletzung und anderer Delikte, verlobte sich mit der Frau aus der Entgiftungskur, zog in ihre Wohnung auf St. Pauli. Laut Anklage stritten sie sich, verprügelten sich, betranken sich.
Das Paar zog nach Finkenwerder, südlich der Elbe. Die Frau wurde schwanger, wenige Monate vor der Geburt verlor Sascha K. seinen Job als Sattler. Er betäubte sich mit Alkohol, kam jeden Abend "besoffen" nach Hause, so schilderte er es jedenfalls in Vernehmungen.
Kindeswohlgefährdung sahen die Behörden nicht
Am 3. Februar kam Jamie-Dean zur Welt, 2180 Gramm schwer. Nach dem Ausraster auf der Kinderstation besuchten zwei Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) des Jugendamts Hamburg-Mitte die Familie zu Hause, prüften die Wohnsituation und ob und inwieweit die Familie Unterstützung brauchte. Sascha K. soll ausgerastet sein, die Behördenmitarbeiter beschimpft, die Tür zugeschlagen haben. Nach einem klärenden Gespräch habe er kooperiert, wird es später heißen. Eine Kindeswohlgefährdung sahen die Mitarbeiter nicht, aber Unterstützungsbedarf. Jamie-Dean galt als leichtgewichtig, seine Mutter hatte keine Hebamme.
Eine Angestellte des Trägers "Familienhelden" kümmerte sich vom 10. Februar an um die kleine Familie: einmal in der Woche, eine, maximal zwei Stunden. Das zusätzliche Angebot des ASD, Familienhilfe anzunehmen, lehnten die Eltern ab. Sie würden bereits von einer Stiftung betreut.
Am 20. März, keine sieben Wochen nach der Geburt Jamie-Deans, tauchte die Polizei in der Mietwohnung in Finkenwerder auf. Laut Staatsanwaltschaft waren die Eltern des Jungen betrunken und im Rausch aufeinander losgegangen. Sie soll ihn gebissen, er sie mit der Faust geschlagen haben. Die Wohnung war ein einziges Chaos, die Beamten meldeten eine mögliche Kindeswohlgefährdung.
Vier Tage später statteten Mitarbeiter des ASD und der "Familienhelden" dem Paar einen Hausbesuch ab, eine Gefährdung Jamie-Deans erkannten sie nicht. Im Gegenteil: Die Fürsorge durch die "Familienhelden" wurde zum 21. April eingestellt.
Verlor Sascha K. im Suff die Nerven?
Sieben Tage später kommt es zur Katastrophe. Die Ermittler sind von folgendem Tathergang überzeugt: Sascha K. und seine Verlobte begannen am Nachmittag zu trinken. Bier aus der Dose. Der Glimmer, der Taumel, der Dusel im Alltagstrott waren ihre Belohnung für einen harten Tag, Jamie-Dean war "quengelig". Als er endlich schlief, zockten sie. Die Mutter am Computer, der Vater am Handy. Sie hätten richtig gute Laune gehabt, erinnert sich die Mutter bei ihrer Vernehmung. Eine Zweipersonenparty mit viel Alkohol. Zwei-, vielleicht auch dreimal soll Sascha K. zum Kiosk gegangen sein, Nachschub kaufen, Bier, Cola-Jack-Daniel's, Lakritzlikör. "Vollgesoffen" seien sie nicht gewesen, sagt die Frau.
Irgendwann vor Mitternacht soll Sascha K. seinen schlafenden Sohn aus dem Bett gehoben haben. Im Suff? Aus Zuneigung? Aus Liebe? Er mochte das Kind, wenn es ruhig war, brav, still. Doch Jamie-Dean wachte wohl auf, jammerte.
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft verlor Sascha K. sofort die Nerven, schlug zu. Mit dem rechten Handballen gegen den kleinen Kopf. Mindestens einmal, vielleicht sogar öfter. Dann legte er ihn wieder hin, holte sich ein Bier, wieder eine 0,5-Liter-Dose. Es war sein sechstes oder siebtes, vielleicht auch sein achtes. Später wird er sagen, er habe sich geschämt, sich über sich selbst geärgert und seiner Verlobten nichts von dem Vorfall erzählt. Streit gab es offenbar trotzdem, auf seiner Facebook-Seite postete er um 0.32 Uhr: "stinksauer". Zwischen 4 und 5 Uhr gab es erneut Streit, Türen knallten, Geschrei auf dem Balkon.
Laut Staatsanwaltschaft besteht kein Anfangsverdacht
Kurz vor 7 Uhr am nächsten Morgen nahm Sascha K. seinen Sohn aus dem Bett, Jamie-Dean sackte zusammen, atmete nicht mehr. Sascha K. behauptet laut Anklage, er habe ihn deshalb massiv hin- und hergeschüttelt. Jamie-Dean reagierte nicht, sein Vater alarmierte den Notruf, weckte die Lebensgefährtin, unter Anleitung des Rettungsdienstes führte sie die Reanimierungsmaßnahmen durch.
Der Anwalt von Sascha K. wollte zu diesem mutmaßlichen Geschehensablauf nicht Stellung nehmen.
In Vernehmungen sagte Sascha K., er könne sich nicht mehr an Details erinnern. Er "saufe" zu viel, und wenn er saufe, sei er ein anderer Mensch. Er werde aggressiv, schon nach zwei Bier. Sascha K. soll seit seinem 16. Lebensjahr täglich Alkohol und Drogen konsumieren. Er soll vier Entgiftungen und eine Langzeittherapie absolviert haben. Wussten die Mitarbeiter des Jugendamts, des ASD, der "Familienhelden" und der Stiftung von seiner Vergangenheit? Gegen sie ermittelt wurde nicht. Es bestehe kein Anfangsverdacht, so die Staatsanwaltschaft Hamburg.