Hannah-Prozess "Mit Gewalt ein Mädchen holen"
Bonn - Schon vor Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Mörder der 14 Jahre alten Hannah aus Königswinter ist die Aufregung am Morgen groß im Bonner Landgericht. Der Platz des Angeklagten, kündigt der Gerichtssprecher an, sei von Wänden aus Panzerglas umgeben. Konkrete Drohungen habe es zwar nicht gegeben, sagt er, aber es hätten sich so viele Menschen im Vorfeld über das Verfahren erkundigt, dass man sich aus Sicherheitsgründen für die schusssicheren Scheiben und eine Kontrollschleuse entschieden habe. So etwas gibt es selten in Bonn. In diesem Fall, sagt der Sprecher, sei es angebracht.
Der Zuschauerandrang ist in der Tat enorm. Dutzende Menschen drängen sich vor den Türen des Gerichtssaals, um sich den Mann anzusehen, "der so etwas tut". Die Staatsanwaltschaft wirft dem Tschechen Zdenek H. vor, die Schülerin Hannah am Abend des 29. August entführt, vergewaltigt und getötet zu haben. All das hat H. bereits in der polizeilichen Vernehmung zugegeben, er wiederholt sein Geständnis nun vor Gericht. Wie er plötzlich "Lust auf ein Mädchen" bekam. Wie er an einer Straßenbahnhaltestelle in Oberdollendorf auf ein Opfer wartete. Wie ihm Hannah über den Weg lief. Wie er sie sich griff, sie missbrauchte, sie umbrachte.
Der schmale Mann im dunklen Anzug spricht leise. So leise, dass der Vorsitzende Richter Udo Buhren ihn mehrfach auffordern muss, lauter zu sprechen. H. spricht dennoch in derselben Lautstärke weiter, ist oft kaum zu verstehen. Es ist sehr still im Gerichtssaal, als der 25-Jährige von dem Abend berichtet, an dem er das Leben von Hannah beendete. "Ich habe mir überlegt, dass ich mir mit Gewalt ein Mädchen holen werde", sagt er auf die Frage, wieso er zu der Haltestellte gefahren und sich dort auf die Lauer gelegt hatte. "Das Schwein", zischt eine Frau aus dem Zuschauerraum. Schluchzen ist zu hören.
Der Angeklagte wirkt ungerührt. Er habe ausprobieren wollen, "wie das ist mit einer Frau", sagt er. Bislang habe er immer nur Sex mit Männern gehabt und in homosexuellen Beziehungen gelebt. "Aber warum wollten Sie sie vergewaltigen?", fragt der Richter. H. rutscht auf seinem Stuhl umher. "Das kann ich nicht erklären", antwortet er dann. Richter Buhren hakt nach: "Eine andere Idee ist Ihnen nicht gekommen?" - "Nein."
Nur ein Zufall
Dass seine Wahl auf Hannah fiel, ist nach Angaben des Angeklagten Zufall. "Ich kannte sie nicht, habe sie vorher nie gesehen", gibt H. zu Protokoll, der seit mehreren Jahren im Rheinland lebt. Das Mädchen war an dem verhängnisvollen Abend von einem Besuch bei ihrem Freund auf dem Weg nach Hause, als H. sie abfing. Eine Überwachungskamera filmte die Schülerin, als sie die Bahn an der Haltestelle Oberkassel-Nord in Königswinter-Oberdollendorf verließ.
Um 20.28 Uhr sahen Zeugen sie zum letzten Mal, nur wenige hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt. Dann verschwand sie. H. überwältigte, fesselte und knebelte das Mädchen. Bevor er ihr den Mund mit Klebeband verschloss, habe Hannah ihm noch gesagt: "Lass mich laufen, meine Mutter wartet auf mich." Irgendwie habe sie ihm schon leidgetan, sagt er. Warum er sie dennoch nicht habe gehen lassen, will sein Verteidiger Uwe Krechel wissen. "Ich weiß nicht", sagt H.
Er habe Hannah aufs Gelände einer Autofirma geschleppt und sich dort mit ihr versteckt. Als sich H. in Sicherheit wähnte, zerrte er sein Opfer in einen Bus. H. ist Fahrzeugreiniger und hatte einen Schlüssel für den Bus. Dort riss er Hannah die Kleidung vom Leib, fesselte ihre Beine an zwei Stangen, zog ihr sein Sweatshirt übers Gesicht und vergewaltigte sie. Danach, sagt er, habe er Angst bekommen. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte." Eineinhalb Stunden lang wartete er mit dem vor Angst zitternden Mädchen in dem Fahrzeug, bis Mitternacht, weil er noch zwei Busse erwartete, die für die Nacht auf dem Gelände abgestellt werden.
"Ich muss sie töten"
Während der Wartezeit will H. beschlossen haben, sie zu töten, aus Angst, dass sie ihn wiedererkennen könnte, wie er aussagt. Zwischendurch sei ihm der Gedanke gekommen, "sie laufen zu lassen, aber dann hat sie sich umgedreht und mich angesehen, da habe ich ihr das Messer in den Bauch gestoßen". Dann rammte er ihr die Waffe in den Rücken. Er habe sie für tot gehalten und das Klebeband von ihrem Mund entfernt - "da hat sie geschrien". H. spricht nur noch im Flüsterton. "Ich habe sie an den Haaren gepackt und ihr den Hals durchgeschnitten."
Nach der Tat schleifte er die Leiche in ein Gebüsch, verdeckte das Gesicht mit einer Decke und einer Plastiktüte und goss einen Kanister Diesel über den Körper der Schülerin, "um den Leichengeruch zu überdecken". H. wusch sich das Blut ab und fuhr mit dem Fahrrad nach Hause. Dort kam er gegen1 Uhr nachts an, sein Lebensgefährte sei noch wach gewesen. Gesprochen habe er mit ihm nicht über die Tat. H. zeichnete noch eine Folge der Science-Fiction-Serie "Stargate" auf und ging dann schlafen.
Tagelange Suche
Dass Hannah Opfer eines Sexualverbrechers geworden sein könnte, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl niemand außer dem Täter. Ihre Eltern meldeten sie vermisst, tagelang suchten Freunde, Familie und Polizei nach dem Mädchen. Erst fünf Tage später fanden Spürhunde die Leiche. Die Fahnder entdeckten eine DNA-Spur: H. hatte sich nicht die Mühe gemacht, ein Kondom zu benutzen. Mehr als 500 Personen überprüften die Ermittler, 152 Menschen gaben eine Speichelprobe ab, Nummer 21 ergab schließlich einen Treffer: H.
Die Anteilnahme in Königswinter ist noch immer groß. Menschen gingen nach der Tat zu Mahnwachen auf die Straße, zündeten Kerzen an, legten Blumen nieder. Auch zum Prozessauftakt sind viele gekommen, die Hannahs Schicksal berührt. Einige haben geweint, als Staatsanwalt und Angeklagter über Details der Tat sprechen. "Ein Wolf im Schafspelz", sagt eine Frau über den Angeklagten. "So etwas würde man dem nie zutrauen, wenn man ihm einfach so begegnen würde." Ein anderer Zuschauer wettert: "Der darf nie wieder raus."
Wie lange H. hinter Gitter muss - dass er es muss, steht nach Geständnis und DNA-Beweis wohl außer Frage -, wird sich am 6. Dezember zeigen, wenn das Urteil verkündet werden soll. Die Anklage lautet unter anderem auf Mord und Vergewaltigung, dem mutmaßlichen Täter droht lebenslange Haft. Dass die Polizei ihm wohl auf die Schliche kommen würde, sagt H. heute, sei ihm klar gewesen. Am Tag nach der Tat habe er sich immer wieder übergeben. Bilder der toten Hannah seien in seinem Kopf aufgetaucht, berichtet H.
Er murmelt etwas von "erstochen" und "Blut spritzte", Genaueres ist nicht zu verstehen. An das Leiden des Mädchens habe er erst gedacht, "als alles vorbei war". Er habe doch nur ausprobieren wollen, wie es sei, Sex mit einer Frau zu haben, sagt der blasse Mann mit dem Milchgesicht und dem dunklen Bärtchen. "Nur einmal, und das war's dann."