Hells Angels-Prozess: Ende, aus, Rocker raus - DER SPIEGEL
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Hells Angels-Prozess Ende, aus, Rocker raus

Bewaffnete Polizisten, Metalldetektoren, Durchsuchungen: In Hannover stehen 14 Mitglieder der Hells Angels vor Gericht. Sie sollen fünf Rivalen brutal misshandelt haben. Schon der aufgeregte erste Prozesstag zeigte, wie schwer sich die Justiz mit Mammutverfahren dieser Art tut.
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Hannover - Der Saal 127 des Landgerichts Hannover ist hoch und kahl und ungefähr so gemütlich wie die Aula einer Gesamtschule aus den Siebzigern. Da passt es gut, dass es am heutigen Montagmorgen vor der 2. Großen Strafkammer zunächst einmal zugeht wie in einem Klassenzimmer. Die 17 Anwälte der Angeklagten signalisieren widerwillig per Handzeichen, wenn sie etwas loswerden wollen, und der Vorsitzende Richter Jürgen Seifert nimmt sie - einen nach dem anderen - dran: "Ja, bitte, Sie möchten etwas sagen!"

Die "Höllenengel" indes thronen auf der Anklagebank: hünenhafte Kerle in Kapuzenpullis und Armee-Jacken, keiner von ihnen wiegt wohl weniger als hundert Kilo. Zur Begrüßung haben sie einander gerade kräftig die Pranken auf die Schultern gehauen und sich Dinge zugeröhrt, die sie hart erscheinen lassen sollen oder cool oder am besten beides: "Alter! Wie isses?" - "Ja, muss, muss!"

Schräg gegenüber von den Angeklagten, im Zuschauerraum hinter den Journalisten, hocken die Frauen der Rocker wie Hühner auf der Stange: Fast alle sind sie blonder als die Natur es ihnen eigentlich erlaubt, sie tragen viel Make-up, goldene Ringe und Westen aus Kunstfell: "Ooh, guck mal, deiner sieht aber süß aus", tuscheln sie. Oder: "Nervös isser, das seh ich doch - und blass."

Letzteres ist wohl darauf zurückzuführen, dass zwölf der 14 Angeklagten seit Juni in Untersuchungshaft sitzen: Ugur A., 35, Kirsten E., 47, Thomas G., 38, Andreas H., 41, Daniel J., 37, Hans-Jörg K., 37, Andreas M., 35, Christian M., 35, Frank N., 41, Thomas P., 32, Andree P., 38, Kai S., 39, Marcel S., 37, und Olaf W., 39, wird nämlich gemeinschaftlicher schwerer Raub und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Laut Anklage, die der Oberstaatsanwalt Hansjürgen Schulz verliest, haben die Angeklagten sowie ihr flüchtiger Komplize Uwe Bernd B. am Nachmittag des 22. März 2006 in Stuhr bei Bremen fünf Rockerrivalen der Bandidos aufgelauert.

Ermittler schockiert von "extremer Brutalität" der Täter

Die Angels sollen ihre "Outlaw"-Konkurrenten, die sich in ihrem Clubheim treffen wollten, nacheinander überwältigt, gefesselt und unter anderem mit Axtstielen zusammengeschlagen haben.

Selbst gestandene Ermittler hatten sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schockiert von der "extremen Brutalität" der Täter gezeigt.

Anschließend hätten die Rocker "unter Vorhalt eines Messers" einen Bandido gezwungen, den Vereinstresor zu öffnen, sagte Oberstaatsanwalt Schulz. Zur Demütigung der Konkurrenten hätten sie dann alles geraubt, was das Emblem der Bandidos trug: eine Jacke, ein T-Shirt, eine Geldbörse, einen Gürtel und viele Aufnäher, die sich im Tresor fanden. Ziel sei es gewesen, "den konkurrierenden Motorradclub im Bremer Raum auszuschalten".

Dennoch scheint es nun, als hätte die Staatsanwaltschaft nicht sehr viel gegen die angeklagten Angels zusammentragen können. Es gebe DNA-Spuren am Tatort, sagte eine Sprecherin der Behörde, und vage Hinweise der niedergeschlagenen Rocker auf ihre maskierten Peiniger. Auch habe der Angeklagte Thomas P. in einer richterlichen Vernehmung gegen seine "Brüder" ausgesagt - und damit gegen das eherne Schweigegebot der Rocker verstoßen. Im Verfahren will sich der 32-Jährige, der sich inzwischen im Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamts Niedersachsen befindet, nach Angaben seines Anwalts nicht mehr äußern.

Hannover gilt als Festung der Angels

Der Prozess, der morgens um kurz nach zehn unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und mit einer geschätzten halben Hundertschaft Polizisten beginnt, hätte sicherlich einen weniger großen Auftrieb verursacht, wenn es nicht zwei Besonderheiten gäbe:

Zum einen rächte sich der im März 2006 überfallene Bandido Heino B. für die erlittene Schmach und die erfahrenen Schmerzen, indem er mit seinem Kumpanen Thomas K. ein gutes Jahr später im westfälischen Ibbenbüren den Hells Angel Robert K. erschoss. Das Mordverfahren vor dem Landgericht Münster, das schließlich mit lebenslangen Freiheitsstrafen endete, geriet Anfang 2008 zur Bühne für Hunderte Rocker aus ganz Deutschland.

Zum anderen gilt Hannover, wohin das Landgericht Verden das aktuelle Verfahren aus Platzgründen verlegen musste, als Festung der Angels. Dem örtlichen Rockerkönig Frank H. ist es nach Erkenntnissen der Polizei wie kaum einem anderen deutschen "Outlaw" gelungen, sich auf dem hiesigen Kiez mit einem schwer zu durchschauenden Firmengeflecht einzurichten. Auch die vermeintlich bessere Gesellschaft huldigt dem Ex-Boxer nun.

Die großen Rockerklubs

Doch an diesem grauen niedersächsischen Morgen verzichten die Hells Angels auf eine martialische Machtdemonstration Münsteraner Manier - kaum ein Rocker lässt sich blicken. Vielleicht will man im eigenen Hinterhof, in dem man ohnehin keine Konkurrenz mehr fürchten muss, nicht zu viel Unruhe stiften?

"Ich will genauso viel Platz wie mein Kollege"

Im Gerichtssaal sorgen unterdessen die Anwälte für Stimmung. Sie stören sich, kaum ist das Verfahren eröffnet, an der Sitzordnung, die sie hindert, neben ihren Mandanten Platz zu nehmen. Das Dutzend "Höllenengel" hockt nämlich hinter einem hölzernen Geländer, während die Juristen mitten im Saal logieren. Entsprechende Anträge sollen sogleich eine Umgruppierung der Tische möglich machen. Einer der Verteidiger quengelt auch noch: "Ich will genauso viel Platz wie mein Kollege."

Doch die Kammer bleibt zunächst hart. Aus "sitzungspolizeilichen Gründen" wird im Saal 127 nicht umgeräumt. Dabei hatte ein Anwalt noch gewarnt, wenn das Gericht sich dem Willen der Verteidiger widersetze, könne man sich doch leicht "die Konsequenzen vorstellen". Ein anderer prophezeite den Richtern "selbstgemachtes Leid". Im Klartext hieß das: Wir werden so lange Anträge stellen und um Unterbrechungen bitten, bis ihr, unter dem Druck der enormen Kosten und der öffentlichen Meinung, endgültig die Nerven verliert.

Offenbar ein wirkungsvolles Druckmittel. Bereits am Mittag schlug die Kammer Verteidigern und Staatsanwälten in einem "Rechtsgespräch" vor, das Verfahren abzukürzen, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr: Bewährungsstrafen für fast alle Angeklagten - Ende, aus, Deckel drauf. Eine Stellungnahme des Gerichts gab es dazu zunächst nicht. Dem Vernehmen nach sollen nicht alle Anwälte mit dem Vorgehen einverstanden sein, einige hatten auf Freisprüche spekuliert.

Dennoch könnte am Dienstagmittag ein Dutzend "Höllenengel" freikommen.

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