Mordverdacht Indischer Aktivist inszenierte eigenen Tod
Wenn es nicht einen Toten zu beklagen gäbe, hätte die Geschichte geradezu komische Züge: Ein indischer Anti-Korruptions-Kämpfer inszeniert Anfang Mai seinen eigenen Tod. Er lässt es so aussehen, als sei er ermordet worden. Posthum wird er zum Helden Zehntausender, die glauben, dass er sterben musste, weil er sich mit der Land-Mafia anlegte.
In Indien herrscht gerade Wahlkampf, die Anti-Korruptions-Partei Aam Aadmi (AAP) nutzt den Fall Chandra Mohan Sharmas landesweit zu Werbezwecken: Er stehe für die Gleichgültigkeit der indischen Polizei, die mit der Mafia gemeinsame Sache mache und nichts täte, den Mord an dem 38-jährigen Parteimitglied aufzuklären.
Vier Monate später war es nun genau diese Polizei, die verkünden konnte, dass die Ermittlungen abgeschlossen sind. Und das Ergebnis ist eine Überraschung: Sharma habe seinen eigenen Tod nur inszeniert, um mit seiner Geliebten durchzubrennen, verkündete der sichtlich von Genugtuung erfüllte Kriminalhauptkommissar Preetinder Singh bei einer Pressekonferenz.
Die verkohlte Leiche, die in Sharmas Auto gefunden worden und für ihn gehalten worden war, sei die eines Obdachlosen, den der 38-Jährige mit Hilfe seines Schwagers getötet und angezündet habe. Sharma hat laut den Ermittlern die Tat gestanden und wird nun wegen Mordes angeklagt werden.
Eigenen Tod sorgfältig inszeniert
Wie in Indien üblich wurde der Beschuldigte im Anschluss an die Ausführungen der Ermittler der Presse vorgeführt: Der ehemalige Held, der früher nur zu gern Interviews gab, starrte die Journalisten hasserfüllt an. Sharma, der in einem Honda-Werk in der vor Delhi gelegene Satellitenstadt Noida arbeitete, hatte sich über Jahre den Ruf als aufrechter Kämpfer gegen den Wildwuchs der Trabantenstadt verdient. Mit mehreren Hundert Einlassungen bei Gerichten versuchte er, die Landspekulationen und Enteignungen in Noida aufzuhalten.
2012 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der "Partei des Einfachen Mannes" AAP. Doch so wie die AAP bald ähnlich korrupt war wie diejenigen, gegen die sie ins Feld gezogen war, scheint auch Sharma von den Mafiosi, die er bekämpfen wollte, gelernt zu haben.
Seinen Tod inszenierte er voller Heimtücke, wie indische Zeitungen unter Berufung auf die Polizei mit Freude an jedem Detail berichteten: So habe er in den Wochen vor seinem Verschwinden Anzeige gegen unbekannt bei der Polizei erstattet. Er habe Todesdrohungen erhalten, es gehe wieder einmal um einen Grundstücksstreit. Er wolle Immobilienhaie daran hindern, illegal auf dem Land eines Tempels zu bauen, deshalb trachteten diese ihm nach dem Leben.
Während Sharma so wohl das Motiv für den eigenen Mord vorbereitete, freundete er sich gleichzeitig mit einem geistig behinderten Obdachlosen in seinem Viertel an. Parallel dazu rekrutierte er seinen Schwager: Wenn er ihm helfen würde, zu verschwinden, könne Sharmas Frau Savita - selbst eine bekannte Aktivistin - auf einen dicken Batzen Geld hoffen. Tatsächlich wurden Savita Sharma nach dem vermeintlichen Tod ihres Mannes von Honda und einer Lebensversicherung knapp 50.000 Euro ausgezahlt.
Verräterische Freundin
Am 1.Mai erdrosselten Sharma und sein Schwager den Berichten zufolge ihren obdachlosen Bekannten. Sie setzten seine Leiche in Sharmas Auto, legten Sharmas Ausweis und Portemonnaie dazu, übergossen alles mit Benzin und ließen es lodern. Vor allem anhand des Autokennzeichens identifizierte Sharmas Familie am nächsten Tag die völlig verkohlte Leiche als die des Aktivisten.
Während auf einem ersten von vielen Trauermärschen Tausende mit Kerzen durch Noida zogen, saß Sharma in einem Zug nach Bangalore. Mit gefälschten Papieren und ohne Bart fand er dort Arbeit - wieder bei Honda. Auf die Spur Sharmas brachte die Polizei schließlich dessen Freundin. Etwa einen Monat nach seinem vermeintlichen Tod folgte die 26-Jährige ihrem Liebhaber nach Bangalore. Ihre Familie meldete sie als vermisst. Dabei stellte die Polizei fest, dass ihre Handy-Simkarte auf Sharmas Namen registriert war.
Die Ermittler wurden hellhörig, Mitte August gelang dann der Durchbruch: Anscheinend war Sharma seiner Freundin überdrüssig. Anonym rief er deren Eltern an und sagte, er wisse, wo die junge Frau sei. Die Familie möge sie bitte abholen. Beim dritten Anruf schnappte die Falle zu: Die Polizei in Bangalore hatte begonnen, die Telefonzellen zu überwachen, von denen aus die Anrufe getätigt wurden.
Bei seiner Festnahme versuchte Sharma zunächst noch, sein Lügengebäude aufrechtzuerhalten: Er sei jemand ganz anderes. Das war dann doch zu amateurhaft, denn auf dem Arm des angeblich ganz anderen prangten zwei Tätowierungen. "Savita" stand da - der Name von Sharmas Frau. Und "Bunty" - der seines Sohnes.
Sharmas Frau glaubt übrigens dem Geständnis ihres Ehemanns zum Trotz an dessen Unschuld. "Die ganze Sache stinkt nach Erpressung", sagte sie der "Times of India". Die Männer, die ihrem Mann nach dem Leben trachteten, "haben ihn gezwungen, seinen eigenen Tod zu inszenieren".