Interview mit terre des hommes zu Gesetz vertrauliche Geburt - DER SPIEGEL
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Vertrauliche Geburten "Kein Recht, sich der Verantwortung zu entziehen"

Der Bundestag hat das Gesetz zu vertraulichen Geburten beschlossen, es soll die umstrittenen Babyklappen entbehrlich machen. Doch die Novelle könnte ihr Ziel verfehlen, warnt Danuta Sacher vom Kinderhilfswerk terre des hommes.
Umstrittene Einrichtung: Regierung hält an Babyklappen fest
Umstrittene Einrichtung: Regierung hält an Babyklappen fest

Umstrittene Einrichtung: Regierung hält an Babyklappen fest

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP
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Hamburg - Etwa 20 bis 35 Neugeborene werden jedes Jahr in Deutschland ausgesetzt, sich selbst überlassen und schlimmstenfalls getötet. Die Dunkelziffer der Neonatizide ist hoch. Solche Taten wollen CDU/CSU und FDP verhindern - mit dem Gesetz zur sogenannten vertraulichen Geburt, das der Bundestag nun beschlossen hat.

Die neue Regelung sieht vor, dass Mütter in einem Krankenhaus zwar offiziell anonym entbinden können, aber gleichzeitig verpflichtet sind, ihre persönlichen Daten in einem versiegelten Umschlag zu hinterlassen. Dieser wird zum 16. Geburtstag des Kindes an die zuständige Adoptionsstelle weitergegeben, wo das Kind auf Wunsch alles über die Mutter erfahren kann. Die Kosten für die "vertrauliche Geburt" übernimmt der Bund.

Experten sind allerdings überzeugt, dass gerade Mütter, die ihre Schwangerschaft verdrängen, kaum zugänglich sind für Hilfsangebote. Wer seine Schwangerschaft nicht wahrhaben will, nutzt demnach keine Beratungsangebote, lässt sich nicht helfen und geht auch nicht in ein Krankenhaus, wenn die Wehen einsetzen.

Babyklappen in der Kritik

In Deutschland können Schwangere in sozialen Notlagen ihr Kind anonym in Kliniken zur Welt bringen oder in einer der bundesweit geschätzt 80 Babyklappen ablegen. Daran wird sich auch mit dem neuen Gesetz nichts ändern. Dabei war Familienministerin Kristina Schröder (CDU) angetreten, die Babyklappen abzuschaffen.

Babyklappen waren in die Kritik geraten, weil nicht alle aufgefundenen Kinder den Behörden gemeldet wurden und die Findelbabys möglicherweise später nichts über ihre Eltern erfahren.

Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes fordert seit vielen Jahren die Schließung der Babyklappen, weil sie in einer rechtlichen Grauzone operieren und schwer zu kontrollieren sind. Die Vorstandsvorsitzende Danuta Sacher spricht im Interview über ihre Erwartungen an das neue Gesetz und seine Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Was ändert das neue Gesetz zur vertraulichen Geburt?

Sacher: Der Vorteil des neuen Gesetzes ist, dass Schwangere in Konfliktlagen endlich eine legale Möglichkeit haben, unter medizinischer Begleitung sicher zu entbinden. Die Anonymität der Mutter gegenüber ihrem sozialen Umfeld bleibt ebenso gewahrt wie die Interessen des Kindes, das ein Recht hat, seine Herkunft zu kennen. Auch den versprochenen Ausbau der Beratungsangebote für schwangere Frauen sehen wir positiv und hoffen, dass er nicht am Ende Budgetkürzungen zum Opfer fällt.

SPIEGEL ONLINE: Für Kritiker ist das Gesetz nichts als ein fauler Kompromiss, weil die rechtliche Grauzone, in der Babyklappen operieren, weiter besteht.

Sacher: Leider werden Babyklappen und anonyme Geburten weiter geduldet. Das birgt die große Gefahr, dass das Gesetz sein ursprüngliches Ziel verfehlt. Bundesfamilienministerin Schröder hatte ja die Initiative angekündigt, um eben diesen gesetzwidrigen Angeboten ein Ende zu bereiten. Gemeinsam mit dem Deutschen Ethikrat hätten wir uns gewünscht, dass Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt nun unverzüglich verboten werden. Jetzt haben wir die Situation, dass die Mutter wählen kann zwischen vertraulicher Geburt auf gesetzlicher Grundlage und Babyklappe ohne gesetzliche Grundlage. Das ist inkonsequent - auf der Autobahn ist rechts überholen verboten. Niemand käme auf die Idee, es trotzdem stillschweigend zu tolerieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die vertrauliche Geburt eine echte Alternative zur Babyklappe?

Sacher: Der Vorteil der vertraulichen Geburt ist, dass sie einen sicheren Rahmen für Mutter und Kind schafft. Es existiert kein Recht, sich der Verantwortung für das Kind durch anonyme Abgabe zu entziehen. Terre des Hommes dokumentiert und veröffentlicht seit einigen Jahren die Zahlen der jährlich tot und lebend aufgefundenen ausgesetzten Neugeborenen. Sie sind in den letzten sieben Jahren trotz der Existenz von Babyklappen nicht rückläufig. Frauen, die in Panik sind oder unter extremem Druck stehen, handeln nicht rational und suchen sich nicht die nächstgelegene Babyklappe.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie gehen auch nicht in ein Krankenhaus, wo ihre persönlichen Daten aufgenommen und 16 Jahre verwahrt werden.

Sacher: Dennoch bietet ihnen die vertrauliche Geburt die Möglichkeit, in der Not auf gesetzlicher Grundlage zu handeln und sich nicht auch noch strafbar zu machen. Diejenigen, die in Panik handeln, sind zweifellos sehr schwer zu erreichen. Deswegen wünschen wir uns einen stärkeren Ausbau der Beratungs- und Betreuungsangebote für Schwangere in Konfliktsituationen. Die Regierung sollte die Möglichkeit der vertraulichen Geburt bekannt machen und dafür sorgen, dass über diese Option in der Schwangeren-Konfliktberatung aller Sozialverbände und sonstiger Einrichtungen informiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um das Recht des Vaters, von der Existenz seines Kindes zu erfahren?

Sacher: Die Rechte der Väter spielen auch beim Gesetz zur vertraulichen Geburt leider kaum eine Rolle. Das Gesetz befasst sich mit der Frage, wie und mit welcher Frist die Anonymität der Mutter geschützt wird. Wenn sie nicht will, hat der Vater keine Chance, von der Existenz des Kindes zu erfahren. Dazu hatte der Deutsche Ethikrat schon 2009 weitergehende Vorschläge gemacht, die aber nicht berücksichtigt sind.

Das Interview führte Annette Langer