Italien: Wurde das »Monster von Florenz« doch nicht geschnappt? - DER SPIEGEL
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Brutale Mordserie zwischen 1974 und 1985 Wurde das »Monster von Florenz« doch nicht geschnappt?

Der Fall ist so mysteriös wie bestialisch: Mindestens 14 Menschen hat das »Monster von Florenz« getötet. Drei Männer wurden damals verurteilt, doch womöglich zu Unrecht. Darauf deuten neue Spuren hin.
Ermittler am Tatort im Fall der getöteten Franzosen Nadine Mauriot und Jean-Michel Kraveichvili
Ermittler am Tatort im Fall der getöteten Franzosen Nadine Mauriot und Jean-Michel Kraveichvili

Ermittler am Tatort im Fall der getöteten Franzosen Nadine Mauriot und Jean-Michel Kraveichvili

Foto: Torrini / AP

Der Name klingt brutal und die Taten waren es auch: Zwischen 1974 und 1985 erschütterte eine Mordserie die italienische Toskana. Verantwortlich dafür soll das sogenannte »Monster von Florenz« gewesen sein. Wobei bis heute nicht klar ist, ob es sich dabei wirklich nur um eine Person oder womöglich sogar mehrere Täter handelte. Der Fall ist kompliziert – und wird nicht leichter dadurch, dass nun neue DNA-Spuren entdeckt wurden.

Die Opfer

Mindestens 14 Morde werden dem oder den »Monster(n) von Florenz« zugerechnet, alle fanden in der Nähe der toskanischen Hauptstadt statt. Womöglich sind es aber noch mehr: Einige ungelöste Fälle könnten ebenfalls der Mordserie zuzuordnen sein.

Mehrere Opfer wurden in ihren Autos erschossen gefunden, oft auf unbefestigten Schotterpisten auf dem Land, zum Teil während oder nachdem sie intim miteinander waren. Zu den Getöteten zählen Stefania Pettini und Pasquale Gentilcore. Die beiden Italiener wurden im September 1974 ermordet. Ihre Landsleute Pia Rontini und Claudio Stefanacci wurden im Juli 1984 getötet, das französische Paar Nadine Mauriot und Jean-Michel Kraveichvili 1985 beim Zelten erschossen.

Auch zwei Deutsche sind unter den Opfern: Die beiden Studenten Horst Wilhelm Meyer und Jens-Uwe Rusch aus Münster starben im September 1983 in Giogoli, wenige Kilometer südlich des Stadtzentrums von Florenz. Nach Einschätzung der Ermittler waren Meyer und Rusch ein Paar, auch sie wurden erschossen.

Die Tatwaffe

Laut Ermittlern wurde die Mordserie mit ein und derselben Waffe verübt, einer halbautomatischen Beretta Kaliber 22. Die Pistole wurde allerdings nie gefunden. Oftmals stachen der oder die Mörder im Anschluss an die Tötung noch auf die Opfer ein. Die Körper der ermordeten Frauen wurden auf grausame Weise verstümmelt, oft waren die Geschlechtsorgane betroffen.

Die Ermittlungen

Die Aufklärung der Morde lief schleppend, auch weil sich die ermittelnden Behörden ins Gehege kamen: Die Aufklärung der »Monster von Florenz«-Mordserie wurde von Carabinieri und Staatspolizei gleichermaßen betreut. Das Ganze wurde dadurch verkompliziert, dass auch noch unterschiedliche Staatsanwälte und Richter tätig waren.

Insgesamt befragten die Ermittler rund 100.000 Menschen. Verfolgt wurden mehrere Fährten: So ging man zwischenzeitlich von einer aus Sardinien gesteuerten Blutrache aus, aber auch der italienische Geheimdienst wurde verdächtigt, seine Finger im Spiel zu haben. Ein anderer Ansatz sah einen Zusammenhang mit einer mysteriösen Sekte, wieder andere Hinweise deuteten auf eine angebliche Verschwörung prominenter Persönlichkeiten hin.

Die Verurteilten

1994 wurde der Bauer Pietro Pacciani zu lebenslanger Haft verurteilt. Er wurde von der Anklage als gewalttätig und sexbesessen dargestellt und war bereits 1951 wegen Mordes verurteilt und 1987 wegen Vergewaltigung seiner beiden Töchter inhaftiert worden. Die Verurteilung Paccianis war umstritten, denn eine eindeutige Beweislage gab es nicht.

Pacciani beteuerte wiederholt seine Unschuld, ging in Berufung und wurde zwei Jahre später freigesprochen. Kurz vor einem neuen Verfahren starb er 1998 mit 73 Jahren an einem Herzinfarkt. Zwei seiner angeblichen Komplizen, Mario Vanni und Giancarlo Lotti, wurden ebenfalls für schuldig erklärt und inhaftiert. Beide sind ebenfalls bereits tot.

Vanni, Lotti und Pacciani wurden zwischenzeitlich verdächtigt, schwarze Messen abgehalten und Körperteile von Frauen geopfert zu haben. Die Polizei fand bei Durchsuchungen in Paccianis Wohnung neben pornografischen Zeichnungen auch Zeitungsartikel über die Pärchenmorde sowie ein selbst gemaltes Bild, das die Polizei für »satanistisch« hielt. Auch eine Patronenhülse wurde sichergestellt.

1995 übernahm Michele Giuttari die Leitung der Mordkommission von Florenz. Er schrieb später mehrere Bücher über das »Monster von Florenz« und behauptet, dass während der Ermittlungen immer wieder Dokumente und Daten unterschlagen wurden. Seiner Auffassung nach ist der wahre Täter, der im Auftrag Dritter gehandelt haben soll, bis heute auf freiem Fuß.

Die ungeklärten Fragen

Keiner der drei inhaftierten Männer hat sich zu Lebzeiten zu der Mordserie bekannt. Auch fehlt ein eindeutiges Motiv.

Ein Fall von 1968 wird manchmal ebenfalls dem oder den »Monster(n) von Florenz« zugeschrieben. Dabei wurden ebenfalls eine Frau und ihr Liebhaber bei einem Stelldichein im Auto ermordet. Die Ermittler verdächtigten den betrogenen Ehemann, er wurde später verurteilt. Doch einige Jahre später stellte man fest, dass es sich bei der Tatwaffe in dem Fall um die Beretta des »Monsters von Florenz« handelte. Wechselte die Waffe den Besitzer? Oder war der Ehemann gar nicht der Täter?

Die neuen Spuren

Eigentlich galt die Mordserie als abgeschlossen – obwohl es keine eindeutige Täterschaft gab. Doch nun werden die Ermittlungen noch einmal neu aufgerollt: Der italienische Arzt Lorenzo Iovino, der in den USA als Onkologe und Hämatologe praktiziert, untersuchte kürzlich frühere Analysen von DNA-Proben, die an einer Patronenhülse sichergestellt wurden. Die dazugehörige Gewehrkugel war 2015 in einem Kissen gefunden worden, das bei Mauriot und Kraveichvili im Zelt lag.

Dieselbe DNA fand sich auch an gleichartigen Patronenhülse, die am Tatort der getöteten Studenten aus Münster und bei der Ermordung von Rontini und Stefanacci gefunden worden waren. Iovino zufolge passen die neu entdeckten Spuren aber weder zu den Mordopfern noch zu den in der Vergangenheit Verurteilten.

Die Anwälte der Nebenkläger fordern deshalb nun einen Vergleich der DNA-Fragmente. Doch womit? Vieri Adriani, Anwalt der Hinterbliebenen der französischen Opfer, fordert die Exhumierung von Stefania Pettini. »Aus dem Gutachten der Gerichtsmedizin wissen wir, dass sie möglicherweise mit dem Mörder gekämpft hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass biologische Spuren zurückgeblieben sind, zum Beispiel unter ihren Fingernägeln«, sagte er kürzlich der Zeitung »La Repubblica«.

Der ehemalige Anwalt Roberto Taddeo rät hingegen zur »größten Vorsicht«. Taddeo hat ein Buch über das »Monster von Florenz« geschrieben und wies nun im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP darauf hin, dass die neue DNA auch auf eine Verschmutzung durch Ermittler, Techniker oder Forensiker zurückzuführen sein könnte. »Pacciani ist in den Augen der italienischen Justiz nicht unschuldig gestorben. Er starb vor seinem neuen Prozess«, sagte Taddeo.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes war an zwei Stellen von »Patrone« statt »Patronenhülse« die Rede. Wir haben das präzisiert.

mkh/AFP