Kalabriens Küste: Wo Italiens Mafia ihren Giftmüll entsorgt - DER SPIEGEL
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Kalabriens Küste Wo Italiens Mafia ihren Giftmüll entsorgt

Seit Jahrzehnten handelt die kalabresische Mafia mit Giftmüll. Jetzt fanden die Behörden erstmals ein versenktes, vermutlich mit radioaktiven Substanzen vollgestopftes Schiff. Umweltschützer hoffen auf neue Ermittlungen - und eine Trendwende im Umgang mit der allmächtigen 'Ndrangheta.
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Hamburg - Der Bericht, den Staatsanwalt Bruno Giordano vor Monaten von der regionalen Umweltschutzbehörde Arcapal erhielt, verhieß nichts Gutes. Man habe auf dem Meeresgrund vor Cetraro, rund 58 Kilometer nordwestlich von Cosenza, "irgendetwas Langes, mindestens 80 Meter" ausgemacht.

Giordano wandte sich an den Umweltreferenten der Region Kalabrien, den Meeresbiologen Silvio Greco. Der unternahm mit einem Spezialroboter einen Ausflug zu dem in 500 Metern Tiefe liegenden Wrack und musste eine unangenehme Entdeckung machen: Aus einem riesigen Loch im Bug ragten zwei Fässer, deren Versiegelung darauf schließen ließ, dass es sich um Gift- oder Atommüll handeln könnte. Im Laderaum des - tatsächlich 120 Meter langen - Schiffes stapelten sich weitere Fässer.

"Das Wrack ist nur das erste, das wir gefunden haben", erklärte Giordano am Dienstag. Der Staatsanwalt vermutet, dass über 32 weitere mit Giftmüll beladene Schiffe im Mittelmeer liegen. "Niemand kann jetzt mehr behaupten, dass es diese Schiffe nicht gibt", ereiferte sich Giordano, der seit seinem Amtsantritt im Juli 2008 in der Stadt Paola gegen die sogenannte Öko-Mafia ermittelt. Laut "Corriere della sera" stellten seine Beamten bereits Schwermetalle, Radioaktivität und "erhebliche Mengen an Quecksilber" in dem kleinen Fluss Oliva in der Provinz Cosenza fest.

Ersten Meldungen zufolge soll es sich bei dem Wrack um die "Cunsky" handeln, ein mit 120 Fässern Atommüll beladenes Schiff, das ein Ex-Mitglied der Mafia-Organisation 'Ndrangheta bereits im Jahr 1993 versenkt haben will. Francesco Fonti hatte im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms 2006 davon berichtet, dass insgesamt drei Schiffe im Auftrag einer regionalen Mafia-Gruppierung entsorgt wurden.

"Warum müssen sich die Behörden auf die Aussagen eines reumütigen Mafioso verlassen, wo sie doch selbst ermitteln könnten?", empört sich Stefano Lenzi von der Naturschutzorganisation WWF Italia. Der illegale Transport von Giftmüll sei ein internationales Problem und verlange die enge Zusammenarbeit aller betroffenen Länder. "Die 'Ndrangheta ist eine der mächtigsten mafiösen Strukturen weltweit. In Kalabrien kontrolliert sie das Territorium, der italienische Staat stellt sich tot", sagt der Experte, der seit 20 Jahren die Umweltdelikte des organisierten Verbrechens anprangert, SPIEGEL ONLINE.

"Verklappung mit Waffen bezahlt"

Als Vertragspartner sei die kalabresische Mafia beliebt: "Die 'Ndrangheta hat immer die besten Preise gemacht - auf Kosten der Volksgesundheit." Der Arzt und Berater der Staatsanwaltschaft in Paola, Giacomino Brancati, berichtete laut "Corriere della Sera" von einer "signifikanten Erhöhung der Sterblichkeitsrate" in der Region. Von 1992 bis 2001 seien in den Gemeinden Serra d'Aiello, Amantea, Cleto und Malito verstärkt Krebserkrankungen aufgetreten.

Warum die Öffentlichkeit so lange stillgehalten habe? Die am schwersten von der Öko-Mafia betroffenen Regionen lägen in Süditalien, wo Verschwiegenheit Tradition habe, erklärt Lenzi vom WWF. "Die traurige Wahrheit ist: Wenn jemand in Kauf nimmt, dass seine Familie auf der Straße erschossen wird, bringt ihn der Krebstod des eigenen Kindes nicht auf die Barrikaden." Laut Lenzi mangelt es zudem an epidemiologischen Erhebungen, mittels derer sich dramatische Situation wissenschaftlich fundiert belegen ließe.

Nach dem Drogen- und Waffenhandel sei der schmutzige Deal mit radioaktiven und toxischen Materialien eine der wichtigsten Einnahmequelle der 'Ndrangheta. Die verschiedenen "Geschäftsbereiche" sind dabei manchmal nicht zu trennen: Es sei kein Geheimnis, dass der Müll aus westlichen Staaten auch in den armen Ländern Afrikas oder Lateinamerikas entsorgt werde. "In krisengeschüttelten Regionen, wo Warlords am Ruder sind, wird für die Verklappung schon mal mit Waffen bezahlt."

Zwar gebe es die Neo ("Nucleo operativo ecologico"), eine auf Umweltdelikte spezialisierte Abteilung der Carabinieri, die durchaus Erfolge aufweisen könne. "Dennoch konnte die Mafia jahrelang ungestört von den Behörden ihren Dreck entsorgen, das war wie ein Freibrief", schimpft Antonino Morabito, kalabresischer Vorsitzender der wichtigsten italienischen Umweltschutzorganisation "Legambiente". Er hofft, der spektakuläre Fund werde dazu beitragen, dass die Ermittlungen endlich wieder aufgenommen werden.

Task Force für die kalabresische Küste

"Legambiente" hat das mysteriöse Verschwinden gleich mehrerer Schiffe auf See seit 1985 dokumentiert. Jetzt soll das Rätsel um "Nikos I", "Mikigan", "Rigel", "Rosso", "Anni", "Marco Polo" und "Koraline" gelöst werden. Einige sind bereits geortet, aber niemals untersucht worden, weil sie sich in großer Tiefe befinden.

Über das weitere Vorgehen soll die Regierung in Rom bestimmen. "Die Staatsanwaltschaft von Paola hat nicht die Mittel, die verdächtigen Fässer zu entnehmen oder gar das Wrack zu heben. Dazu braucht es Spezialvorrichtungen", sagte Giordano.

Das Umweltministerium unter Stefania Prestigiacomo soll bereits eine Task Force für die kalabresische Küste bereitgestellt haben. Bleibt zu hoffen, dass ihr Einsatz besser endet als der des Korvettenkapitäns Natale de Grazia. Der Mann von der Küstenwache kam während seiner Ermittlungen in Sachen illegaler Mülltransfer 1995 ums Leben - unter ungeklärten Umständen.

Mit Material von dpa