Kampusch-Interviews: "Das war Hoffnungslosigkeit" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kampusch-Interviews "Das war Hoffnungslosigkeit"

Während ihrer achtjährigen Gefangenschaft habe sie die Hoffnung bereits aufgegeben, je wieder gefunden zu werden, sagte Natascha Kampusch dem Magazin "News" und der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Auf die Möglichkeit zur Flucht hatte sie lange gehofft - planen konnte sie sie nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wien/Hamburg - "Schon mit zwölf oder ungefähr in diesem Alter habe ich davon geträumt, mit 15 - oder irgendwann einmal, wenn ich stark genug dazu bin - aus meinem Gefängnis auszubrechen. Ich habe immer wieder getüftelt an dem Punkt, an dem die Zeit reif ist", heißt es in dem Interview Kampuschs mit dem Nachrichtenmagazin "News". Allerdings habe sie einen Fluchtversuch nicht leichtfertig riskieren können, da ein gescheiterter Versuch bedeutet hätte, dass sie nie wieder aus ihrem Verlies herausgekommen wäre.

Kampusch war im März 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg verschleppt worden. Ihr Entführer Wolfgang P. hielt sie in einem Verlies unter der Garage seines Hauses in Strasshof bei Wien gefangen.

Für die eigentliche Flucht habe es allerdings keinen Plan gegeben. "Ich bin dort hinten beim Gartentor rausgerannt, und mir ist schwindlig geworden. Ich fühlte jetzt erstmals, wie schwach ich wirklich war." Als sie P. beim Telefonieren gesehen habe, sei sie losgerannt. "Panikartig" sei sie in die Schrebergartensiedlung gerannt und habe Leute angesprochen. Da diese kein Handy dabei gehabt hätten, sei sie "wie in einem Actionfilm" über Zäune gesprungen.

"Sie müssen sich das so vorstellen: keuch, keuch, keuch und dann habe ich ein Fenster offen gesehen, wo jemand in der Küche hantiert, und habe diese Frau angesprochen und gesagt, sie soll die Polizei rufen. "Die Frau habe sie jedoch nicht erkannt und nicht in ihr Haus gelassen, erzählte Kampusch der "Kronen Zeitung", obwohl sie ihr erzählt habe, dass Wolfgang P. sie umbringen werde. Sie habe sich nicht einmal hinter einem Busch verstecken dürfen, weil die Frau Angst um ihren Rasen gehabt habe.

Erster Fluchtversuch gescheitert

"Er hat aber immer wieder gesagt, zuerst würde er die Nachbarn umbringen, wenn ich sie um Hilfe bitte, dann mich und zuletzt sich selber", heißt es in dem Interview der Zeitschrift "News". Den eingetroffenen Polizisten habe ihr Name nichts gesagt. Sie selbst habe darauf bestanden, in einer Flucht zum Polizeiauto zu gehen. Dort habe sie nach einer Decke verlangt, um ihr Gesicht vor möglichen Fotografen zu verbergen. Bei der Flucht habe sie geistesgegenwärtig an alles gedacht, heißt es in der "Kronen Zeitung".

Ein vorheriger Fluchtversuch, bei dem sie an einem Gürtel aus dem Auto springen wollte, sei gescheitert: "Er hat mich festgehalten und ist dann mit dem Auto so gefahren, dass ich an die Wände schlug." Den 44-jährigen Entführer Wolfgang P. nannte Kampusch in dem Gespräch einen "Verbrecher". Er habe sehr stark "unter Paranoia" gelitten und sei misstrauisch gewesen.

Die Zeit der Entführung

Sie habe die Wahl gehabt, allein oder in der Gesellschaft von Wolfgang P. zu sein, beides sei nicht sehr "berauschend" gewesen. Das Verlies habe sie verlassen können, um "alltägliche Kleinigkeiten" mit ihrem Entführer zu machen. Zum Schlafen und zum Leben sei sie stets in ihr Verlies geschickt worden. Auch wenn Wolfgang P. Besuch bekam oder das Haus verließ, musste Natascha Kampusch in ihr Gefängnis.

Sie habe sich in ihrem Verlies unter der Garage immer wieder gefragt, warum gerade sie entführt worden sei: "Ich hatte immer den Gedanken: lch bin sicher nicht auf die Welt gekommen, dass ich mich einsperren und mein Leben vollkommen ruinieren lasse". In ihrem Versteck habe sie sich gefühlt "wie ein armes Hendl in einer Legebatterie". An dieser Ungerechtigkeit sei sie "verzweifelt".

Für die Zukunft plant Kampusch Projekte für Menschen, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren sei. "Und ich möchte den Menschen in Afrika helfen, weil ich nun aus eigener Erfahrung weiß, was Hunger ist. Und wie sehr er den Menschen entwürdigt", fügte sie hinzu.

Wenige Stunden nach ihrer Flucht beging er Selbstmord. Mit seinem angekündigten und nach ihrer Flucht auch vollzogenen Suizid habe P. sie indirekt zu einer Mörderin gemacht, sagte das Entführungsopfer.

han/ddp/dpa

Mehr lesen über