Kindermorde in Darry: "Was ist denn los mit uns?" - DER SPIEGEL
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Kindermorde in Darry "Was ist denn los mit uns?"

Der jüngste wurde drei Jahre alt, der älteste neun: Im schleswig-holsteinischen Örtchen Darry soll eine psychisch kranke Frau ihre fünf Söhne getötet haben. Selbst die Ermittler sind entsetzt.
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Darry - Es ist finster und kalt, der scharfe Wind peitscht den Nieselregen durch die Nacht, die Beamten frösteln, da sagt Polizeioberkommisar Jürgen Börner sehr bestimmt: "Kommen Sie, gehen wir!" Einige ausgesuchte Reporter dürfen nun die Absperrung passieren. Langsam wandert die Kolonne die enge Straße hinab, an deren Ende Grausames passiert ist.

Vor dem Haus mit der Nummer 9 bleibt die Gruppe stehen. "Sie haben fünf Minuten", schnarrt Börner und verschränkt die Arme. Sogleich rattern die Fotoapparate, surren die Kameras, tuscheln die Journalisten. Vor ihnen liegt das Gebäude, in dem heute fünf Jungen im Alter von drei bis neun Jahren umgebracht worden sind. Wahrscheinlich von ihrer psychisch kranken Mutter, 31.

Es ist ein einfaches Haus. Helle Backsteine, spitzer Giebel, gläserne Tür. Im Briefkasten steckt noch die Zeitung, in der Hecke liegt ein silbernes Damenrad und auf der obersten der drei Treppenstufen thronen zwei Figuren aus Ton: ein Frosch und eine Ente. Allenfalls der Sperrmüll, der sich links vom Eingang auftürmt, erregt Aufmerksamkeit. Doch der gehöre den Nachbarn, so wendet Polizeisprecher Börner gleich ein, und lasse keine Rückschlüsse auf den Zustand im Inneren des Hauses zu.

"Es sterben gerade so viel Kinder"

Dort liegen zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz nach elf Uhr am Abend, noch die Leichen der fünf getöteten Jungen. Spurensicherung, Staatsanwaltschaft, Rechtsmedizin - "auch alle noch drin", flüstert ein Polizeihauptkommissar hinter vorgehaltener Hand. "Es ist furchtbar. Irgendwie sterben gerade so viele Kinder. Was ist denn los mit uns?", setzt der Beamte hinzu und seufzt.

Auch die Nachbarn in Darry sind entsetzt: "Ungaublich", "furchtbar", "grausam", so die ersten Reaktionen. Eine 64-jährige Frau steht weinend in der Nähe des Hauses: "Hoffentlich haben sie nicht so gelitten." Ein 14 Jahre alter Schüler ist mit seinem Vater am Tatort: "Es ist einfach nur schrecklich, dass so etwas in unserem Dorf passieren kann."

Darry ist ein kleiner Ort, er gehört zur Gemeinde Panker im Kreis Plön. Etwa 450 Menschen leben hier. Seit etwa drei Monaten auch die Frau, deren Nachname mit K. beginnen soll und die nun unter diesem schrecklichen Verdacht steht. Hat sie ihre Kinder umgebracht?

"Nach derzeitigem Erkenntnisstand", so formuliert es Polizeisprecher Börner gegenüber SPIEGEL ONLINE, "dürfte das Motiv in einer psychischen Erkrankung der Frau zu suchen sein." Sie stehe unter dringendem Tatverdacht und sei in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war sie bislang nicht vernehmungsfähig.

Eine Polizeisprecherin sagte SPIEGEL ONLINE, die Mutter selbst hätte gegen 15.20 Uhr den Hinweis auf die Tat gegeben. Offenbar hatte sie sich einem Arzt anvertraut, der wiederum die Polizei rief. Die Ermittler wollten Spekulationen zunächst nicht bestätigen, wonach die Kinder mit Tabletten vergiftet und danach mit einer Plastiktüte erstickt wurden. Auch der Todeszeitpunkt ist bisher noch unklar. Die Leichen werden heute in Kiel obduziert.

Die Familie soll dem Jugendamt bekannt, der Polizei jedoch bislang nicht aufgefallen sein. Der NDR meldete, der Bürgermeister des Ortes habe dem Sender bestätigt, dass die alleinerziehende Mutter und die Kinder unter der Betreuung der Behörden standen. Die Kinder hätten einen verwahrlosten Eindruck gemacht.

Ohne Jacken zur Schule

Das Jugendamt habe gestern an dem Haus geklingelt, weil die Kinder nicht in der Grundschule erschienen seien. Die Polizei wollte diese Berichte nicht bestätigen. Lehrern war im vergangenen Monat aufgefallen, dass die beiden älteren Kinder ohne Jacke und mit alten Pausenbroten im Unterricht auftauchten.

Die fünf Jungen sollen von zwei Vätern stammen. Einer der Männer lebt demnach in Berlin und war gestern Abend auf dem Weg nach Darry. Der andere wohne in Schleswig-Holstein, sei aber noch nicht erreicht worden, hieß es.

Heute werde bei dem zuständigen Untersuchungsrichter in Plön die Unterbringung der Frau in einer psychiatrischen Anstalt beantragt, "weil sie nach unserer Einschätzung eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeutet", sagte Oberstaatsanwalt Uwe Wick und fügte hinzu: "Dies ist ein Fall, der mir in meiner langen Karriere noch nicht untergekommen ist."

Mit Material von AP