Kindesmissbrauch Polygamistenführer schuldig gesprochen
San Francisco - Mit stoischem Blick und ohne sichtbare Regung nahm der hagere Warren Jeffs gestern im Gericht von St. George im US-Bundesstaat Utah das Urteil entgegen. Die Geschworenen sahen es als erwiesen an, dass er ein 14-jähriges Mädchen gegen ihren Willen mit einem 19 Jahre alten Cousin verheiratet hat. Das Mädchen sei zum Beischlaf gedrängt worden, mit der Androhung, dass sie im Falle einer Verweigerung keine "ewige Erlösung" erhalte.
Die heute 21 Jahre alte Frau hatte in dem Prozess gegen den Polygamistenführer ausgesagt. Bei ihrer Zwangsverheiratung 2001 in einem Hotel in Nevada habe sie vor Verzweiflung geweint und nur unter Druck das Ja-Wort gegeben. Die Frau erklärte, niemand in der Sekte habe sie vorher über den weiblichen Körper und die menschliche Fortpflanzung aufgeklärt. Sie habe noch nicht einmal gewusst, dass Sex der Weg sei, auf dem Frauen schwanger werden.
Nachdem ihr Mann sie das erste Mal zum "Vollzug der ehelichen Pflichten" gedrängt hatte, habe sie zwei Flaschen Schmerzmittel genommen und sich im Badezimmer verkrochen: "Ich wollte einfach nur sterben." Warren Jeffs habe sämtliche Bitten des Mädchens, sie aus der ungewollten Ehe zu entlassen, abgewiesen, erklärte das Gericht. "Er war der Einzige, der sie hätte aus der Beziehung befreien können", sagte Jury-Mitglied Jerry Munk.
Die seit 2004 geschiedene Klägerin betonte nach dem Urteil: "Bei diesem Prozess geht es nicht um Religion oder Rache. Es geht lediglich um Kindesmissbrauch und das Verhindern weiterer Verbrechen." Jeffs Anwälte hatten der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, ihren Mandanten seiner religiösen Überzeugung wegen an den Pranger zu stellen.
Das genaue Strafmaß für die Tat soll erst Ende November verhängt werden dann drohen dem 51-Jährigen zwischen fünf Jahren Haft und lebenslänglich.
Bei seiner Festnahme vor einem Jahr stand Jeffs auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher der amerikanischen Bundespolizei FBI. Es lagen Haftbefehle in den Staaten Arizona und Utah vor, wo er minderjährige Mädchen mit älteren, verheirateten Männern verkuppelt haben soll.
Jeffs ist der Anführer einer fundamentalistischen Mormonensekte, deren rund 10.000 Anhänger in den Ortschaften Hildale und Colorado City an der Grenze zwischen Utah und Arizona in polygamen Haushalten leben. Abtrünnige Mitglieder berichteten von erzwungenen Ehen mit Minderjährigen, Kindesmissbrauch, Erpressung und Nötigung.
Die mormonische Mutterkirche "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" hatte sich 1890 von der Polygamie losgesagt. Die Vielweiberei wurde mit der Staatsgründung in Utah verboten. Doch Schätzungen zufolge leben heute noch mehr als 30.000 Menschen in polygamen Haushalten, wie auch die Angehörigen der strenggläubigen Splittergruppe um Jeffs.
ala/dpa/Reuters