Kindesmisshandlung in Berlin: Qualen hinterm Vorhängeschloss - DER SPIEGEL
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Kindesmisshandlung in Berlin Qualen hinterm Vorhängeschloss

Übersät mit blauen Flecken, verängstigt und fast vergiftet - so fand die Polizei am Wochenende einen Vierjährigen in einer Berliner Wohnung. Die Mutter hatte den Jungen eingesperrt und fürchterlich zugerichtet. 400 Fälle von Kindesmisshandlungen werden jährlich in der Hauptstadt bekannt.
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Berlin - Der Begriff Wohnung fällt den Ermittlern des Berliner Landeskriminalamts (LKA) in Bezug auf das Zwei-Zimmer-Appartement in der Selchower Straße im Stadtteil Neukölln nicht ein. Schon vor der Tür kam ihnen ein Mischgestank aus Kot, verfaulten Essensresten, Alkohol und Müll entgegen. Im Wohnraum stiegen sie über "eine Art Lager", wie es ein Ermittler beschreibt. Zusammengeschobene Matratzen waren das einzige, was auf dem Boden lag, zerbissen von dem herumstreunenden Rottweiler und übersät mit dessen Fäkalien.

Eine Tür weiter hatte der vierjährige Joachim gelebt, regelrecht gehaust. Freiwillig erlitt er die Qualen nicht. Immer wieder wollte der Junge nachts fliehen. Genau deshalb hatten die Mutter des Jungen, die 25-jährige Snezana K. und ihr 20 Jahre älterer Lebensgefährte Thilo S., irgendwann ein Vorhängeschluss an die Tür montiert. Ihr Sohn, so nimmt einer der beteiligten Fahnder an, war den beiden nur eine Last. Ein unnützes Etwas, zu dem sie am Ende gar keine Beziehung mehr hatten.

In dem Zimmer hauste Joachim wie ein Tier. Nur zwei zerfetzte Schaumstoffmatten lagen auf dem Boden. Überall lagen der Kot des Hundes und auch menschliche Exkremente herum. Woran sich der Junge am Ende so schwer vergiftete, dass er am Samstagmorgen nicht mehr atmete, wissen die Behörden noch nicht. Zuerst hatten sie angenommen, er könne wegen der hygienischen Umstände unter einer schlichten Bakterienvergiftung leiden. Ebenso aber könnte er sich an herumliegenden Putzmittelflaschen oder ähnlichem vergiftet haben.

Die Mutter erzählte von einem Unfall

Der Polizeieinsatz hat Joachim im letzten Augenblick das Leben gerettet. Als gegen 4 Uhr morgens ein von der Mutter alarmierter Notarzt eintraf, war ihr Sohn kaum noch bei Bewusstsein. Es habe einen Unfall gegeben, erzählte die Mutter, seitdem kriege der Junge keine Luft mehr. Der Arzt glaubte ihr kein Wort. Er sah Dutzende blaue Flecken, Prellungen, Schwellungen, Schürfwunden. Wochenlang musste der Junge misshandelt worden sein. Kaum war das Kind im Krankenwagen, alarmierte der Arzt die Polizei.

Mittlerweile geht es dem Jungen den Umständen entsprechend gut. So schwach war er, dass ihn die Ärzte in Krankenhaus Neukölln sofort in ein künstliches Koma versetzten, in dem er sich erholen soll. Mittlerweile habe er sich etwas stabilisiert, hieß es heute aus der Klinik. Gleichwohl ist unklar, ob er bleibende Schäden davontragen wird. Über die seelischen Folgen der Folter durch seine Mutter und dessen Lebensgefährten wird dabei noch gar nicht gesprochen. Klar ist nur, dass beide den Jungen wohl nie wieder sehen werden.

Der Fall von Joachim sorgt in Berlin für Schlagzeilen. Wie kann es sein, so fragen sich nicht nur die Boulevardzeitungen, dass eine Mutter ihr eigenes Kind so vernachlässigt, es brutal geschlagen und einsperrt? Die Ermittler haben für das Verhalten der Mutter noch keine Erklärung. "Irgendetwas muss sie so aus der Bahn geworfen haben, dass sie Joachim plötzlich nicht mehr interessiert", sagt einer der Beamten. Sie selber sei völlig verwahrlost gewesen. "Sonst", so der Fahnder, "hätte sie es in der Wohnung auch gar nicht ausgehalten".

Erinnerungen an den Fall Jessica

Die beiden Erwachsenen sitzen mittlerweile in Haft. Noch am Wochenende erließ ein Richter Haftbefehl wegen der Vernachlässigung von Schutzbefohlenen und dem Verdacht auf Körperverletzung. Im Fall einer Verurteilung droht ihnen eine Haftstrafe von mehreren Jahren. Das Kind wird, nachdem es sich von den Qualen erholt hat, in eine Pflegefamilie gegeben. Dort, so die optimistische Hoffnung, soll es ein neues Leben anfangen abseits der Gewalt seiner ersten Lebensjahre.

Im zuständigen Bezirksamt herrscht nach dem Fall Ratlosigkeit. Mehrmals hatte man der Mutter Hilfe bei der Erziehung des Kindes angeboten, die sie manchmal auch annahm. Irgendwann aber tauchte sie einfach nicht mehr auf, heißt es nun. Damals galt die junge Frau nicht zwingend als Risiko-Fall. Sie studierte, schien ihr Leben im Griff zu haben. Vielleicht, so vermuten die Fahnder, warf der neue Lebensgefährte ihr Leben aus der Bahn. Er ist polizeilich bekannt wegen Drogendelikten und hatte eine scharfe Waffe im Haus.

Fatal erinnert der Fall an das Schicksal von Jessica aus Hamburg. Auch hier war das Kind eingesperrt worden, geschlagen und unterernährt, starb am Ende sogar. Gemeinsam ist beiden Fällen, dass niemand etwas merkte oder merken wollte. Auch im Haus in der Selchower Straße sagen die Nachbarn, ihnen sei nie etwas aufgefallen. Einige wollen gar nicht bemerkt haben, dass es überhaupt ein Kind in der Wohnung gegeben hat. Geschrei jedenfalls habe man nie gehört.

So krass jedoch die scheinbaren Einzelfälle sein mögen, so routiniert müssen die Fahnder des LKA mit ihnen umgehen. Allein im letzten Jahr registrierten sie 470 Misshandlungen von Kindern in der Hauptstadt. Der Fall Joachim, so sagen sie, sei nicht der Schlimmste. Eine Lösung haben die Polizisten nicht parat. "Wir kommen leider erst, wenn es zu spät ist", sagt einer von ihnen. Joachim konnte zumindest gerettet werden. Der nächste Fall aber kommt bestimmt - nicht nur im Problembezirk Neukölln.

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