Kindstötungen Die Väter bleiben im Schatten
Hamburg - Bernd Wacker von der Kinderschutzorganisation Terre des Hommes beobachtet seit langem, dass in Fällen wie dem in Brandenburg nur wenig nach der Verantwortung der Väter gefragt wird. "Wir wissen fast nichts über die Rolle der Väter bei der Tötung von Neugeborenen", sagt er. Kaum eine wissenschaftliche Studie beschäftige sich mit der Rolle der Männer bei solchen Verbrechen. "In der Vorstellung der Öffentlichkeit ist es die Mutter, die ihr Kind tötet", sagt Wacker.
Natürlich seien Frauen, die ihre Kinder töteten, nicht prinzipell Marionetten ihrer Partner - aber hinter jeder Tötung eines Neugeborenen stehe eine Beziehung zwischen Mann und Frau. "Man muss sich doch auch fragen, was eine Frau zu einer solchen Tat treibt", sagt Wacker. Seiner Ansicht nach entlässt die Öffentlichkeit die Väter zu schnell aus ihrer Verantwortung.
Das sieht die Rechtsanwältin und Diplompsychologin Annegret Wiese genauso. Zwar gebe es tatsächlich Väter, die bis zum Schluss nichts von einer Schwangerschaft bemerkten - manche Frauen verdrängten ihre Umstände selbst so sehr, dass sie nicht einmal einen dicken Bauch ausbildeten. In vielen Fällen jedoch hätten die Partner der heimlich schwangeren Frauen eine Ahnung, fragten jedoch lieber erst gar nicht nach - nach dem Motto: "Was nicht sein darf, ist auch nicht".
Möglich, dass es auch im Brandenburger Fall so war. Von einer konfliktbeladenen Ehe ist dort die Rede, in der der Ehemann oft für sehr lange Zeiträume abwesend war. Er selbst beteuerte gegenüber den Ermittlern, er habe nichts gewusst. Was die 39-Jährige dazu getrieben haben mag, ihre eigenen Babys zu töten, ist noch unklar.
In vielen Fällen seien Schwangere aber einem großen Druck durch ihre Partner ausgesetzt, berichtet Wiese, die das Buch "Mütter, die töten" geschrieben hat. Viele Frauen würden während der Schwangerschaft schlicht vom Erzeuger des Kindes allein gelassen. Andere Männer setzen ihre Partnerin unter Druck, nicht schwanger zu werden, kümmerten sich jedoch nicht um die Verhütung. Schwangerschaft und Verhütung betrachteten sie schlicht als ein Thema, das nur Frauen angeht. "Diese Frauen haben dann bei der Geburt regelrecht Angst vor ihrem Partner", weiß Wiese aus ihrem Arbeitsalltag.
Leila Moysich, Leiterin des Projektes "Findelbaby" in Hamburg, hat schon viele anonyme Geburten begleitet. Sie kennt die finanziellen und sozialen Nöte junger Eltern. Ein viel grundsätzlicheres Problem aber macht ihrer Meinung sowohl Vätern als auch Müttern zu schaffen. "Das Manko an sich ist doch, dass es in so vielen Köpfen nichts mehr Wert ist, Mutter und Vater zu sein."
Julia Deppe, AFP