Kirche Spenden-Skandal im "Klein-Vatikan"
Vechta Als "'Klein-Vatikan' im Oldenburger Land" feiert sich das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta im Netz. Stolz verweisen die Funktionäre dieser katholischen Oberbehörde darauf, wie bekannt ihre niedersächsische "Kirchenmetropole" bundesweit sei. Inzwischen allerdings müssen die populären Männer Gottes kleinlaut einräumen, dass einer der ihren in einen handfesten Spendenskandal verwickelt ist.
Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen den ehemaligen Propst der Vechtaer Kirchengemeinde St. Georg wegen des Verdachts der Untreue. Johannes S.*, 63, soll nach Angaben der Ermittler Spendengelder "im sechsstelligen Bereich" unterschlagen haben. Auch ein Kirchenvertreter spricht von "finanziellen Unregelmäßigkeiten", die einen "sechsstelligen Betrag" umfassten.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll der Propst S. jahrelang unter falschen Vorwänden und im Alleingang Spenden gesammelt und diese an der Kirche vorbei einer der Polizei bekannten Familie B. aus dem westlichen Niedersachsen zugeschanzt haben. Dazu soll er sich vor allem an örtliche Unternehmer gewandt und diese um Geld für karitative Zwecke gebeten haben. Vermutungen, Johannes S. sei von dem Oberhaupt der Großfamilie, Reinaldo B., erpresst worden, wollte der Anwalt des Priesters nicht kommentieren. "Ich bin nicht ermächtigt, Auskünfte zu erteilen", sagte Gerd Diekmann. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte gleichwohl gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass ein Zeuge den Pfarrer "als Opfer einer Erpressung dargestellt" habe. Inzwischen ermitteln die Staatsanwälte auch gegen B. - wegen des Verdachts der Erpressung.
Schriftlich erklärte der katholische Geistliche S. zu den Vorgängen: "Ich habe keine Spendengelder in irgendeiner Weise für mich verwandt. Ich habe nur unbürokratisch helfen wollen und vielen Hilfsbedürftigen auch tatsächlich helfen können. Wenn ich dabei als Seelsorger über die mir dargelegte Hilfsbedürftigkeit getäuscht worden bin, bitte ich um Nachsicht."
Einige Spender hatten bereits 2002 die Kirchenleitung über S. informiert. Es kam zu einer Anhörung des Propstes vor dem bischöflichen Kirchengericht, doch offenbar änderte das nichts an der unseligen Praxis. Drei Jahre vergingen, ehe sich der Bischof aus dem westfälischen Münster persönlich einschaltete. Am 19. März 2005 ordnete er nach einem Gespräch mit S. eine Sonderprüfung der Gemeindefinanzen an.
Bei der Revision fiel ebenfalls auf, dass die damalige Rechnungsführerin der Gemeinde St. Georg von 2002 bis 2006 insgesamt 105.000 Euro von Kirchenkonten abgezweigt hatte. Dafür wurde sie jetzt vom Amtsgericht Vechta zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Frau hatte den Friedhofshaushalt der Propsteigemeinde manipuliert und Geld für sich entnommen. Die entstandenen Defizite waren jahrelang anstandslos von der Stadt Vechta ausgeglichen worden - zu Lasten der Steuerzahler. Inzwischen hat die unehrliche Kirchenmitarbeiterin die veruntreute Summe zurückerstattet.
Als sich vor einigen Monaten die finanziellen Fehlleistungen des kirchlichen Führungspersonals in Vechta nicht mehr länger verbergen ließen, drängte der Bischof seinen Untergebenen Johannes S., auf die Pfarrstelle zu verzichten. Den "Schäfchen" des Propstes S., der sein Amt 25 Jahre lang ausgeübt hatte, schrieb der Kirchenfürst einen offenen Brief. Es sei festgestellt worden, so heißt es darin, "dass es durch Herrn Propst S. in der Vermögensverwaltung zu erheblichen Unregelmäßigkeiten gekommen ist, die ein solches Gewicht haben, dass ich mich genötigt sah, mit dem Herrn Propst persönlich zu sprechen und ihm deutlich zu machen, dass er nach all diesen Vorgängen nicht weiterhin Propst an St. Georg in Vechta sein könne." Der Bischof habe S. "anheim gestellt, von sich aus auf die Pfarrstelle zu verzichten". Andernfalls müsste er ein förmliches kirchliches Enthebungsverfahren durchführen. Doch dazu kam es nicht.
S. fügte sich dem Druck seines Vorgesetzten und wurde versorgt. Er arbeitet nun als Priester in einer Münsterschen Innenstadtgemeinde sowie als Krankenhauspfarrer. Allerdings, so teilte das Offizialat mit, habe man S. dort von jeglichen Verwaltungsaufgaben "befreit".
* Name geändert