Koblenzer Missbrauchsprozess: Mein Vater, mein Feind - DER SPIEGEL
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Sexueller Missbrauch: Prozess gegen Detlef S.

Foto: Martin Oeser/ dpa

Koblenzer Missbrauchsprozess Mein Vater, mein Feind

Jahrelang soll er Frau und Kinder missbraucht und misshandelt haben: Laut Anklage führte der Dauerarbeitslose Detlef S. ein Schreckensregime in seiner Familie. Dennoch fällt ihm vor Gericht seine Tochter weinend um den Hals und macht ihm eine Liebeserklärung. Wie kann das sein?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Wiedersehen mit seiner Tochter hat Spuren hinterlassen. Mit geschwollenen Lidern, verweinten Augen und einem grün-weiß karierten Stofftaschentuch in der rechten Hand betritt Detlef S. am Donnerstag den Saal 128 des Landgerichts Koblenz. Mehrfach nimmt er seine Brille ab, wischt die Tränen fort.

Die 18-Jährige hatte am Mittwoch gegen ihn ausgesagt. Detlef S. habe sie und ihre Halbschwester jahrelang sexuell missbraucht, an Freier verkauft und mit der Halbschwester acht Kinder gezeugt. Mitten in der Vernehmung legte der 48-Jährige ein Teilgeständnis ab.

Es sei erschütternd gewesen, wie die junge Frau die Vorwürfe geschildert habe, sagt Richter Winfried Hetger. "Jeder Prozessbeteiligte war ergriffen", so die Anwältin der 18-Jährigen, Sandra Buhr. "Alle hatten Tränen in den Augen, einige ließen ihnen sogar freien Lauf."

Am Ende der Befragung sagte die Zeugin: "Ich liebe meinen Vater immer noch sehr. Ich hasse ihn nicht und ich will ihm das auch noch einmal persönlich sagen." Ein Wunsch, den das Gericht respektierte. In einem Nebenraum durften sich die beiden sehen, sprechen und umarmen.

Detlef S. bleibt stumm vor Gericht

Eine Begegnung, die Detlef S. offensichtlich zugesetzt hat. Versunken in sein viel zu großes Sakko weint er am Donnerstag auf der Anklagebank, sagt aber kein Wort. Das angekündigte Geständnis fällt aus. Er habe alle Anklagepunkte bezüglich seiner leiblichen Tochter eingeräumt, sagt sein Verteidiger Thomas Düber. Das gleiche einem umfassenden Geständnis.

Zu den anderen Vorwürfen schweigt der Langzeitarbeitslose weiter. Aber er lässt seinen Anwalt verkünden, er werde sich nun doch von einem Psychiater begutachten lassen. Die Intention ist erkennbar: Detlef S. hofft nach dem Teilgeständnis auf die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Der Auftritt seiner Tochter hat ihn offensichtlich umgestimmt.

Warum aber macht ihm diese keine Vorwürfe, sondern zeigt sich anhänglich und liebevoll? Immerhin war sie es, die den Fall ins Rollen brachte, die gemeinsam mit einer Nachbarin zur Polizei ging und den Vater anzeigte, während ihre Halbschwester auch nach acht Geburten eisern schwieg.

"Solche Gefühlsregungen kommen öfter vor", sagt Anwältin Buhr, spezialisiert auf Missbrauchsfälle. "Man kann eine so enge Beziehung nicht einfach trennen. Meine Mandantin ist damit aufgewachsen, dass sie seit dem neunten Lebensjahr vom Vater missbraucht wird - immer unter der Prämisse 'Der Papa darf das.' Sie kennt es nicht anders."

"Das habe ich noch nie erlebt"

Die Intensität der Nähe und die Form, wie sie zum Ausdruck gebracht wurde, habe sie jedoch auch überrascht. "Das habe ich noch nie erlebt", so Buhr. Sie selbst und der Verteidiger des Vaters seien bei dem Wiedersehen dabei gewesen. "Das war unbeschreiblich ergreifend. Es haben nicht nur die beiden geweint."

Die Reaktion der jungen Frau spreche für "die schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht hat", sagt Katharina Hellwig, Anwältin der Halbschwester, mit der Detlef S. acht Kinder zeugte. Gleichzeitig entwickle ein Opfer oft Schuldgefühle. Hätte die 18-Jährige nicht ihren Auszug aus dem Elternhaus geplant und in einem Abschiedsbrief alle Vorwürfe gegen den Vater dokumentiert, wäre Detlef S. nicht festgenommen worden. Das könne ihr vielleicht zu schaffen machen.

Dass es auch bei besonders schwerem sexuellem Missbrauch "besonders intensive Gefühle" zwischen Opfer und Täter gebe, sei normal, weiß auch Jürgen Bengel, Professor am Institut für Psychologie in Freiburg. Für die Form, wie diese ausgelebt werden, gebe es allerdings einen großen Spielraum und keinen Normalfall.

"Es gibt in diesen Fällen kein Schwarz-Weiß", so Bengel. Neben einer "grausamen Wirklichkeit" bestehe auch immer eine "andere Wirklichkeit". Je mehr ein Täter eine Lebenssituation beherrsche, umso mehr müsse ein hilfloses Opfer Positives aus dieser Situation ziehen.

Das könnte erklären, warum die 18-Jährige vor Gericht auch von "einer schönen Zeit" mit ihrem Vater sprach. Experten zufolge muss es diese "schöne Zeit" gar nicht gegeben haben, sondern sie könnte auch nur eine Illusion des Mädchens sein.

Prügel kassierten überwiegend die Stiefkinder

Ihre Stiefbrüder Sven und Markus erinnern sich am Donnerstag vor Gericht jedenfalls an keine schönen Momente mit Detlef S. Auch nicht auf explizites Nachfragen des Sachverständigen hin. Aber sie betonen beide, dass S. große Unterschiede zwischen den vier angenommenen Kindern und den vier leiblichen gemacht habe.

Prügel kassierten demnach überwiegend die Stiefkinder. "Meist dann, wenn die Jüngeren Mist gebaut hatten, weil wir als Ältere auf sie hätten aufpassen sollen", sagt der 32-jährige Markus. Manchmal hätten sich die vier Stiefkinder nackt im Wohnzimmer aufstellen müssen und wurden nacheinander übers Knie gelegt und verprügelt. Die Mutter saß dann benebelt im Sessel, abgefüllt vom Ehemann, wie die Brüder sagen.

Die Gewaltorgie habe Detlef S. "aufgegeilt", sagt der 29-jährige Sven S. und berichtet auch von sexuellen Übergriffen im Kleinkindalter, wenn der Stiefvater ihn ins Bett brachte und sich noch mal dazulegte. Er erinnert sich auch daran, wie er und seine Brüder aus dem Haus geschickt wurden, wenn die Mutter einkaufen war, damit Detlef S. alleine mit seiner Stieftochter sein konnte.

"Du brauchst gar nicht weggucken", wendet sich Sven S. direkt an seinen Adoptivvater. Auch sein Bruder Markus sucht immer wieder den Blick des 48-Jährigen und ruft ihm zu: "Schüttle nicht den Kopf! Es wäre leichter für uns alle, wenn du den Mund aufmachen würdest."

Hätten sie sich nicht gemeinsam wehren können?

Worte waren auch ihre Waffen, als sie mit Detlef S. noch unter einem Dach lebten. Sie schlugen nie zurück, begehrten nicht auf - obwohl sie in der Überzahl waren. Hätten sie sich nicht gemeinsam, alle Brüder zusammen, wehren können?

Detlef S. habe sie "klein gehalten" und "systematisch verhindert", dass man sich zusammentue, suchte Sven S. vor Gericht nach Erklärungen. "Wir haben versucht, unserer Mutter oder den Schwestern Halt zu geben, in dem wir bei ihnen bleiben, sie nicht alleine lassen."

"Natürlich" habe man über Alternativen nachgedacht. "Schon als Kinder sagten wir: Wenn ich groß bin, hol ich dich hier raus." Es blieb bei Gedanken. Auf die Idee, Mutter und Schwestern in ein Frauenhaus zu bringen, oder sich auf anderem Weg dem totalitären Regime des Vaters zu entziehen, kamen die Brüder nicht.

In der Familie muss Sprachlosigkeit geherrscht haben. Zwar wollen sowohl Sven und Markus ihre Schwester mehrfach gefragt haben, wer der Vater der Kinder sei. Es klingt jedoch nicht so, als habe sie sich anstrengen müssen, um ihren Brüdern auszuweichen. Sie ließen sich leicht abwimmeln.

Und das, obwohl Markus beispielsweise auch bemerkte, wie sie abends mit dem Stiefvater wegfahren musste, angeblich zur Tankstelle. Kein anderes Kind durfte mit. Wenn sie zurückkamen, hing oft Matsch und Laub an den Reifen. Ob oder warum sie statt an der Tankstelle im Wald waren - keiner fragte nach.

Markus erzählt vor Gericht, wie einmal die leibliche Tochter von Detlef S. laut aus dem Badezimmer schrie. Alle rannten hoch. Das Mädchen blutete. "Lass die Finger von meiner Tochter", habe die Mutter so lange gebrüllt, bis Detlef S. sie bewusstlos schlug. Alle waren entsetzt, aber keiner schlug zurück.

Als die Polizei kam, zog Erika S. ihre belastende Aussage sofort zurück.

Über allem schwebte die Angst vor Detlef S. - einem schmächtigen Männlein, 1,63 Meter groß, mit klapprigen Beinen und dünnen Armen. Er wirke nur nach außen so schwach, sagte Markus S. am Donnerstag. Meist sei Detlef S. alkoholisiert gewesen, permanent hätten zwölf Kästen Bier im Haus gestanden. Er habe mit allen Gegenständen auf sie eingeschlagen. Manchmal bis das Gesicht komplett zugeschwollen war.

"Hier hört euch kein Schwein"

Die Peitsche, mit der Detlef S. seine Kinder regelmäßig malträtierte, baute er aus dem Leder eines Schulranzens. Wenn die Kinder vor Schmerzen zu laut schrien, packte er sie ins Auto, fuhr sie in den Wald und prügelte sie windelweich. "Hier könnt ihr schreien, so viel Ihr wollt. Hier hört euch kein Schwein", sagte er dann.

"Ich würde ihn als Diktator bezeichnen, nicht als Menschen", stößt Sven S. nun hasserfüllt hervor. Als er ausziehen wollte, schlug Detlef S. seine Zimmereinrichtung kurz und klein. Mit Polizeischutz holte der Sohn seine restlichen Sachen aus dem Haus. Markus verließ die Familie, nachdem ihn der Stiefvater an Karneval im Rausch zusammengeschlagen hatte.

Für beide war der Auszug eine Befreiung. Zu mehr reichte ihr Mut nicht. Ihre Geschwister überließen sie dem gewalttätigen Vater, der sie isolierte und abschottete. Der keine Freunde duldete und alle überwachte.

Dem Richter zufolge überlegt Erika S. jetzt, ob sie sich scheiden lässt. Vielleicht fällt sie die endgültige Entscheidung am kommenden Mittwoch. Dann ist sie als Zeugin vor Gericht geladen.