Koblenzer Missbrauchsprozess: Wegsehen, ignorieren, schweigen - DER SPIEGEL
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Sexueller Missbrauch: Prozess gegen Detlef S.

Foto: Martin Oeser/ dpa

Koblenzer Missbrauchsprozess Wegsehen, ignorieren, schweigen

Mit dem Amstettener Inzesttäter wird er verglichen, doch anders als Josef F. sperrte Detlef S. seine Familie nicht ein. Die Frage ist: Warum erhielten die Kinder keine Hilfe von der Ehefrau des mutmaßlichen Täters? Was lief schief in dieser Familie?
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Amstetten

Es gibt gravierende Unterschiede zwischen den beiden monströsen Fällen: Der Österreicher Josef F. aus hatte seine Tochter 24 Jahre lang in ein eigens dafür hergerichtetes Kellerverlies gesperrt. Dort vergewaltigte er die Frau wohl an die tausend Mal und schwängerte sie acht Mal.

Detlef S., 48, aus Fluterschen im Westerwald hingegen hat seine Adoptivtochter, die wie ihr Zwillingsbruder aus einer früheren Verbindung seiner Ehefrau stammt, irgendwann offenbar nicht mehr mit körperlicher Gewalt gefügig machen müssen. Sie scheint sich schließlich, resigniert und ohne Hoffnung, nicht mehr gewehrt zu haben.

Daher steht S. nicht wegen der acht Schwangerschaften und der sieben überlebenden Kinder vor dem Koblenzer Landgericht. Er hätte noch weitere Kinder in die Welt setzen und Kindergeld kassieren können - strafbar wäre das alles nicht gewesen. Nur deshalb wohl gab S. am Dienstag auch seine Vielfach-Vaterschaft ungeniert zu. Die Anklagevorwürfe hingegen bestritt er. Wie lange noch?

Mit Fotos erpresst

Als seine Adoptivtochter zwölf wurde, so die Staatsanwaltschaft, habe S. sie nach der Geburtstagsfeier bedrängt: Als Vater dürfe er das. Drei Wochen später gab er ihr Alkohol zu trinken, damit andere Männer - und zwischendurch auch er selbst - sie vergewaltigen konnten, wofür S. kassierte. Wieder und wieder, jahrelang. S. fotografierte diese Szenen. Es gibt eine ganze Reihe solcher Fotos, mit denen er das Mädchen offenbar erpresste, damit es sich niemandem anvertraue.

S. hätte seinem Opfer eine Aussage vor Gericht ersparen können. Doch da er trotz intensiver Einwirkung seines Verteidigers Thomas Düber die Vorwürfe abstritt, musste sie auch noch einen Auftritt auf sich nehmen. Sie bestätigte alles, was in der Anklage steht, sprach von ständiger Gewalt zu Hause, von den Prügelorgien des Stiefvaters mit Werkzeugen, Teppichklopfern und Gürteln. Detlef S. habe alle Familienmitglieder ständig kontrolliert, sagte sie. Er habe es regelrecht darauf angelegt, sie zu schwängern, und ihr die Pille weggenommen.

Vorsichtiger ging S. laut Anklage bei seiner leiblichen Tochter, heute 18, vor. Sie brachte er demnach bereits kurz nach ihrem neunten Geburtstag mit dem Versprechen, ihr etwas "ganz Tolles" zu zeigen, dazu, sich an ihr vergehen zu können. Allerdings soll er bei ihr stets ein Kondom benutzt haben. Allerdings überließ er auch sie später gegen Bezahlung fremden Männern.

Jeder wusste es

Seine mutmaßlichen Opfer musste S. nicht in ein Kellerverlies sperren. Er zog sich nicht wie der Amstettener Inzest-Täter Josef F. zeitweise in eine dunkle Unterwelt zurück, während oben der Schein einer heilen Familie gepflegt wurde. Die Übergriffe geschahen innerhalb der Familie, und jeder wusste es dort.

Bei Inzest oder familiärer Sexualdelinquenz geht es selten bloß um eine gestörte Beziehung zwischen Täter und Opfer, sondern die ganze Familie ist aus den Fugen. Was war zwischen S. und seiner drei Jahre älteren Ehefrau, mit der er immerhin vier leibliche Kinder hat? Warum schlief die Frau im Erdgeschoss, während S. sich im oberen Stockwerk an die Töchter heran gemacht haben soll? Warum ist die Ehefrau nicht eingeschritten? Warum hat sie ihren Töchtern nicht geholfen? Warum kam der Fall erst ans Licht, als es die 18-jährige Tochter zu Hause nicht mehr aushielt und ihre Halbschwester Briefe der Jüngeren fand, von denen sie einen dann ans Jugendamt schickte. Es sind Dokumente des Grauens.

"Ihr sollt wissen", bricht es da aus ihr heraus, "Euer Papa ist ein krankes, pädophiles Stück Scheiße!" Sie habe stets eine "Gegenleistung" erbringen müssen, wenn sie etwas gewollt habe: "Der kranke Herr kassierte, und die durften mich vögeln! Ihr wisst nicht, wie das ist. Herrgott, mein Leben ist verkackt! Mit neun hörte er auf, mein Papa zu sein! Ich krieg die Pest, verdammt! Mama, eine Frage: Was hast Du dir und den Kindern eigentlich angetan? Ich will die Familie nicht kaputtmachen. Aber ich kann damit nicht mehr leben. Ich werde Dich nie anzeigen. Nur: Mir hat nie einer geholfen. Ich habe nichts gesagt. Aber Ihr hättet es wissen können!"

2009 hatte sie einen schweren Autounfall mit inneren Verletzungen und Knochenbrüchen. "Es war noch nicht richtig verheilt, da kam schon die Frage dieses Herrn: Wann machen wir wieder was?"

Unausgesprochene Regeln

Das Verhalten dieses Mannes ist in der Familie offenbar nie zur Sprache gekommen. Es muss unausgesprochen Regeln gegeben haben, alles zu vermeiden oder, besser noch, gar nicht wahrzunehmen, was einen äußerlich sichtbaren Zerfall der Familie hätte zur Folge haben können. Das zermürbt und führt oft dazu, dass Moral und Gewissen irgendwann um des psychischen Überlebens willen wie Ballast abgeworfen werden. Wie sonst können Mütter offensichtliche Übergriffe auf ihre Töchter jahrelang tolerieren, sich vielleicht sogar einreden, ihre Wahrnehmung trüge und was nicht sein dürfe, das könne auch nicht sein?

Langjähriger sexueller Missbrauch in einer Familie ist nur denkbar bei einer Ehefrau, die sich, wie eine Co-Abhängige eines Alkoholkranken, mehr um die Aufrechterhaltung des äußeren Scheins denn um eine Änderung der Situation bemüht. Oder war die Frau gar erleichtert, als sie von der sexuellen Zuwendung des Ehemannes entlastet wurde, als der sich über die Töchter hermachte?

Die Adoptivtochter hat von S. ein 2004 geborenes Mädchen. Sie hegt den Verdacht, dass er auch dieses Kind, die seine Enkelin und Tochter zugleich ist, bereits missbraucht hat.

Als S. im August 2010 festgenommen wurde, fand man in der Wohnung einen mit einem Vorhängeschloss gesicherten Werkzeugkoffer, in dem abgelaufene Anti-Baby-Pillen noch aus dem Jahr 2006 lagerten sowie ungeöffnete Post an die Kinder, die er ihnen nicht weitergegeben hatte. Und Polaroid-Fotos von den Vergewaltigungen.

Krankes Familiensystem

Einem solch kranken Familiensystem, geprägt von Gewalt, kompletter Kontrolle und hilfloser Angst, kann sich ein Kind aus eigener Kraft nicht entziehen. Josef F. wie Detlef S. sahen ihre Sprösslinge als Besitz an, über den allein sie verfügen durften. Kinder, die so aufwachsen, verstummen schließlich, erleben sich selbst als schuldig und trauen ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr. Sie sind geschädigt fürs Leben.

Als die Tochter 2002 in Gegenwart ihrer Mutter von der Kripo gehört wurde, nachdem der Verdacht auf sexuellen Missbrauch aufgekommen war, wies sie alles zurück. Der Papa habe ihr nichts getan, nie. Die Adoptivtochter weigerte sich, Angaben zu machen und berief sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Ein Bruder, der erst ausgesagt hatte, die Schwester sei schon dreimal von ihrem Stiefvater geschwängert worden, machte einen Rückzieher: Gesehen habe er nichts. 2003 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, da strafrechtlich relevantes Verhalten nicht nachweisbar gewesen sei.

S., ein schmächtiger, nicht sehr maskulin wirkender Mann, hat am Dienstag über sein Leben nichts erzählt. Auch einem psychiatrischen Sachverständigen gegenüber wollte er sich nicht äußern. Es geht nicht darum, ob S. krank oder gestört ist. Doch man würde schon gern erfahren, unter welchen Bedingungen S. der geworden ist, der jetzt vor Gericht steht.

Ob er als Kind ähnliches erlebt hat wie seine Kinder und jetzt, gleichsam in Umkehrung der Positionen, eine Kompensation findet für selbst erlebte Gewalttaten, indem er selbst zum Gewalttäter geworden ist?