Kriegsverbrechen: Unser Nachbar, der SS-Schlächter - DER SPIEGEL
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Kriegsverbrechen Unser Nachbar, der SS-Schlächter

In Italien als Kriegsverbrecher verurteilt, in Deutschland als Nachbar geschätzt - so lebt der ehemalige SS-Mann Karl Gropler im brandenburgischen Wollin. Im Dorf mag niemand über die Vergangenheit des Greises reden - warum auch?
Von Johannes Boie
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wollin - Zwischen Berlin und Hannover schläft Deutschland nie. Rund um die Uhr jagen Autos über die A2. Die Namen der Orte neben der Verkehrsader sind aus dem Staufunk bekannt. Doch wer Richtung Hannover unterwegs ist und die Ausfahrt Nummer 77 nimmt, ist schon nach wenigen Sekunden in einer unverhofften Idylle gelandet. Wälder, Wiesen, Stille. Ein einsames Fastfood-Restaurant versorgt hungrige Autofahrer mit Nahrung. Wer die Augen zusammenkneift, sieht am Horizont ein kleines Dorf auftauchen: Wollin.

Malerisch fügt sich die kleine Ortschaft in die Landschaft ein. Nicht mehr als tausend Menschen leben hier. Der Ort ist so winzig, dass er vom nahe gelegenen Ziesar einfach mitverwaltet wird. Wer die kleine Allee in den Ort entlangfährt, spürt nichts mehr von der Hektik der Autobahn. "Wollin? Das ist ein friedlicher Ort", sagt ein Polizist, der gemächlich mit seinem Opel Astra über die alten Asphaltwege zuckelt.

Die ältesten Quellen über Wollin sind aus dem Jahr 1372. Wer hier wohnt, der kennt sich. Bei den allermeisten Wollinern kannten sich auch schon die Eltern und die Großeltern und vielleicht auch die Urgroßeltern.

Einer aus der Dorfgemeinschaft ist Karl Gropler, 82. Der alte Mann war in der Freiwilligen Feuerwehr, er hat in einer Traktor-LPG gearbeitet, er trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden in der Dorfkneipe "Krause". Und er ist ein ehemaliger SS-Mann, den italienische Gerichte im Jahr 2005 wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilten.

Nach Überzeugung der italienischen Justiz war Gropler an einem Massaker an 560 Zivilisten in dem italienischen Bergdorf Sant' Anna di Stazzema beteiligt. In Italien hat man ihn und zehn andere auf Grund von Zeugenaussagen verurteilt. Das Vorgehen der SS ist gut dokumentiert: Das italienische Dorf wurde umzingelt, alle Bewohner erschossen und die Leichen verbrannt. Das jüngste Opfer war elf Monate alt.

"Damals war halt Krieg"

Seit die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (BVVN) die aktuellen Adressen von insgesamt zehn ehemaligen SS-Leuten, die alle an dem Massaker beteiligt waren, veröffentlicht hat, ist Leben in das verschlafene Wollin gekommen. Eine kleine Demo wurde von der BVVN organisiert, direkt vor Groplers Haus. Hin und wieder kommen auch Reporter nach Wollin und versuchen, Karl Gropler vor die Linse oder das Mikrofon zu bekommen. Der alte Mann schweigt und versteckt sich, aber die Wolliner Dorfgemeinschaft - die äußert sich.

Von "dem Amerikaner" und "dem Russen" ist dann oft die Rede: "Die sind ja auch nicht besser gewesen." Die kritischsten Wolliner sind die, die gar nichts sagen. Wer in Wollin spricht, der verteidigt Gropler - oder attackiert Medien und Justiz. "Dass man so einen alten Mann nicht in Ruhe lassen kann", echauffiert sich eine junge Frau. "Damals war halt Krieg."

Die evangelische Pfarrerin Jana Büttner verschanzt sich hinter einer Pressemitteilung. Man wolle keinesfalls einen Schlussstrich unter die Verbrechen ziehen, die durch Deutsche verübt worden seien, heißt es in dem Schreiben. Die Kirche habe allerdings vor allem die Aufgabe, Gropler "seelsorgerlich zu begleiten". Kein Wort dazu, dass ein ganzes Dorf einen SS-Mann als guten Nachbarn ansieht.

Nur langsam begreift man in dem kleinen Ort, dass es ein dauerhafter Schatten ist, der sich über dem penibel herausgeputzten Haus von Karl Gropler ausbreitet. Und dass der Schatten irgendwann das ganze Dorf verdunkeln könnte. "Schreiben Sie bitte, dass wir das, was früher war, nicht gut finden", sorgt sich ein Mann, der anonym bleiben will, um das Ansehen Wollins in der Welt. Er schaut schräg über die Straße, zum Haus des ehemaligen SS-Offiziers. Dann überlegt er: "Aber wollen sie wirklich über den Gropler schreiben, ohne den Bombenhagel von Dresden zu erwähnen? Das ist doch nicht gerecht."

Wer Dresden bombardiert hat, weiß man zwar nicht so genau in "Krause's Café" - "die Amerikaner, die Engländer, egal." Aber über eines sind sie sich in der Dorfkneipe einig: Alle anderen haben auch Dreck am Stecken, und Gropler, der ist ein netter Typ. "Schreiben Sie: ein guter Kumpel." Vom italienischen Urteil will man nichts wissen. "Was interessiert uns Italien? Wir leben in Deutschland." Dass in Deutschland längst die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen Gropler und seine ehemaligen Kollegen ermittelt, ist in Wollin kaum bekannt. Zumal sich die Stuttgarter Beamten nicht gerade als zügige Ermittler präsentieren. "Wir müssen vor allem gründlich ermitteln", sagt Staatsanwältin Tomke Beddies. Gründlich bedeutet langsam. Und bis in Stuttgart ein Urteil gesprochen wird, ist Karl Gropler in Wollin einfach nur ein netter Nachbar.

"In Sant' Anna ist das Leid gegenwärtig", sagt Gabriele Heinecke, die Anwältin der Überlebenden des Massakers. Seit dem Angriff der SS 1944 ist das kleine Bergdorf eine Ansammlung von Ruinen, ein großes Mahnmal für einen sinnlosen Massenmord.

Die Menschen in Wollin schlafen ruhig. Nur auf der A2 donnern die Autos durch die Nacht.