Kriminalität: Der Tod eines Helden - DER SPIEGEL
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Kriminalität Der Tod eines Helden

Er war ein "bad boy", bis ein Kind sein Leben veränderte: Terrell Pough, ein schwarzer Teenager aus Philadelphia, entsagte der Gewalt, lernte und jobbte bis tief in die Nacht - alles für seine kleine Tochter. Er wurde zum Star, doch dann holte ihn die Vergangenheit wieder ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Sein Leben begann wie das so vieler schwarzer Kids in Amerika. Seinen Dad hat Terrell Pough nie gekannt, seine Mutter Liz, selbst ein Kind, ließ ihn nach der Geburt bei den Großeltern zurück. Und so lernte Terrell seine ersten Lektionen auf den Straßen West Philadelphias, wo Drogen und Waffen herrschen. Er prügelte und stahl sich durch. Er war ein "street kid", ein "bad boy", und er war stolz darauf.

Er war, was man eben nun mal ist, wenn man ein schwarzes Kid ist in diesem Land. Ein verlorenes Kind. Sein Weg schien vorgezeichnet.

Terrell wuchs heran. Er hatte Freundinnen, eine davon hieß Charmaine. Die wurde schwanger. Beide waren da gerade mal 15. An Thanksgiving 2003 wurde das Baby geboren. Und plötzlich wurde für Terrell alles anders.

"Ich fühlte diese warme Welle der Liebe", sagte er. "Es war Zeit, zu tun, was ich zu tun hatte." Er wollte nicht länger in die Fußstapfen seiner Eltern treten. Er wollte Dinge anders machen, besser vielleicht, für sich, vor allem aber für seine Tochter. "Sie ist, wofür ich arbeite, wofür ich lebe, weshalb ich aufwache", sagte er. "Sie ist mein Alles." Er nannte sie Diamond.

Schmierige Sechs-Stunden-Schichten

Die Sache mit Charmaine hielt nicht. Doch Terrell schwor, anders als sein Vater, trotzdem weiter für seine Tochter zu sorgen. Er trat in ein Hilfsprogramm ein, das die Stadt für junge, schwarze Väter eingerichtet hat. Males Achieving Responsibility Successfully (MARS) heißt dieses Programm, es lehrt Verantwortung und Professionalität und einfach nur das Elternsein. Terrell wurde ein Vorzeigeschüler des Programms - und ein Vorzeigevater.

Jeden Morgen stand er um sechs Uhr auf. Um 7.45 Uhr brachte er Diamond zur Tagesstätte. Dann nahm er selbst den Bus zur High School, aß später mit Diamond Lunch, fuhr zurück zur Schule, holte Diamond wieder ab und brachte sie zu seiner Großmutter, während er selbst bis spätabends noch jobbte, schmierige Sechs-Stunden-Schichten in Fast-Food-Restaurants.

Im Juni wechselte er zu einer Berufsschule für gefährdete Teenager. Da lernte er, verfallene Häuser zu renovieren. Nächstes Jahr wollte er eine feste Anstellung auf einer Baustelle finden, um für Diamond sorgen zu können.

Nebenher motzte Terrell alte Autos auf und verkaufte sie. 2000 Dollar hatte er so gespart, die Anzahlung für eine Wohnung, in der er mit Diamond leben wollte, in der City Avenue, fernab des Gang-Ghettos. "Wenn mir mal was passiert", sagte er, "kann keiner sagen, ihr Dad habe sich nicht um sie gekümmert."

Die Behörden waren so angetan, dass sie Terrell das Sorgerecht für Diamond ganz übertrugen. Das Magazin "People" schickte einen Reporter vorbei und druckte im August eine vierseitige Reportage unter der Rubrik "Menschen, die inspirieren". Ein Fremder, der den Artikel las, schenkte Terrell einen Honda Civic. Am 1. November lud das Basketballteam der Philadelphia 76ers Terrell und Diamond als Ehrengäste ein. Sie durften direkt am Spielfeldrand sitzen, und Diamonds Gesicht strahlte begeistert von der Jumbo-Leinwand.

Terrell wurde zum Helden von Philadelphia. Es war ihm fast peinlich. Er tue doch nur seinen Job, sagte er. Er wusste gar nicht, warum die Leute so einen großen Wirbel um ihn machten.

Tod nach Ladenschluss

Am 17. November arbeitete Terrell wie immer spät. Seit zwei Wochen war er Manager des Schnellrestaurants New Orleans Chicken in der Chelten Avenue. Um 22.15 Uhr schloss er den Laden mit einem Kollegen zusammen ab. Zwei Männer mit schwarzen Kapuzenpullis warteten an seinem Honda, man kannte sich, Hände wurden geschüttelt. Terrell fuhr los, seine Wohnung war nur zwei Blocks entfernt. Der Hausmeister hörte ihn kurz darauf vorfahren und aus dem Auto steigen. Er hörte einen Streit. Dann einen einzigen Schuss.

Jemand rief die Polizei. Der Notarzt fand Terrell um 22.31 Uhr vor seinem Haus, schwer blutend, mit einer Schusswunde im Hinterkopf. "Exekutionsartig", vermerkte der Polizeibericht später lapidar. Das Ghetto hatte ihn eingeholt.

Terrells Honda Civic war verschwunden, die Autoschlüssel auch. Terrell wurde ins Temple University Hospital gebracht, wo er um 23.10 Uhr starb. Er war 18 Jahre alt.

Die Familie wurde erst am Morgen informiert. Sein Onkel Richard identifizierte ihn im Leichenschauhaus. "Niemand hat Respekt vor dem Leben", sagte er. Die Statistik notierte Terrell als Philadelphias 337. Mordopfer in diesem Jahr, das bis dahin 321 Tage hatte.

Zehn Tage später, am Sonntag, fand die Polizei Terrells weißen Honda, in einem anderen Stadtteil. Es war Diamonds zweiter Geburtstag. Am Montag gab es eine Trauerfeier. Mehrere Hundert kamen in die McGonigle Hall der Temple University. Die meisten Boys trugen die Uniform der Straße: übergroße T-Shirts, tief hängende Schlabberhosen, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Sie sahen aus wie "thugs", wie Gangster. Doch sie redeten wie Engel.

"Ich hoffe, dass ich nur halb so ein Mann wie Terrell sein werde, halb so ein Vater", sagte einer. "Bescheidenheit und Opferbereitschaft", mit diesen Eigenschaften beschrieb ein Klassenkamerad Terrell. Ein anderer rappte - einen Rap, den er Terrell zu Ehren verfasst hatte. Und dann weinten die "bad boys".

Von Freunden ermordet?

Lokalpolitiker traten vor und forderten mal wieder gewichtig ein Ende des Blutvergießens. "Wir können so weitermachen, bis dieses Jahr 1000 tot sind", sagte der Imam Suetwedien Muhammad. "Oder wir können jetzt aufhören." Jemand verteilte Buttons mit einem roten Herz und der Aufschrift: "How many more of our children must die before we unify?" (Wie viele unserer Kinder müssen noch sterben, bevor wir uns zusammentun?)

Jemand trug die kleine Diamond nach vorne. Sie reckte sich zum Mikrofon und sagte dann einfach nur: "I love you, Daddy."

Am Dienstag nahm die Polizei zwei Männer unter dem Verdacht fest, Terrell ermordet zu haben. Antoine Lee Riggins, 20, und Saul Rosario, 18 - zwei Freunde Terrells. Antoine war ein Klassenkamerad Terrells an der Berufsschule. Die Polizei griff ihn nach dem Unterricht auf. Über das Motiv wollte der Oberinspektor Joseph Fox aber nur wenig sagen. "Es gab wohl irgendeinen Streit, doch wir wissen noch nicht richtig, worüber."

Am Mittwoch wurde in Jesse's Tender Line Café, einer Bar im Norden Philadelphias, ein 30-jähriger Mann erschossen, mit zwei Schüssen in den Rücken und in den Kopf. Er war bereits das Mordopfer Nummer 347.