Leiche in der Spree Ende einer Ehe voller Gewalt
Berlin - 53 Tage lang galt Gülsen M. aus Berlin als vermisst. Und ebenso lange trieb ihr Leichnam vermutlich in der Spree. Ihr Ehemann, Fahrettin M., steht im Verdacht, die 28-Jährige erstochen zu haben. Der 34-Jährige sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.
Am Sonntag, kurz vor acht Uhr abends, entdeckten Spaziergänger in der Nähe der Charlottenburger Schleuse einen auf der Spree treibenden Plastiksack. In Höhe des Nonnendamms konnte die Wasserschutzpolizei den Beutel bergen. In ihm lag eine in Plastiktüten gehüllte Frauenleiche. "Nur aufgrund des Zahnschemas ließ sich zunächst feststellen, dass es sich bei der Toten um die vermisste Gülsen M. handelt", sagte Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft Berlin. Ein DNA-Abgleich habe die Identität schließlich bestätigt.
Für Gülsens türkischstämmige Familie aus Berlin-Wedding haben sich damit die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Am 29. Juni warteten Cengiz und Sosun B. vergeblich auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter, die sonst täglich bei ihnen vorbeikam oder anrief. "Es passte nicht zu ihr, einfach wegzubleiben. Niemals hätte sie ihre Kinder alleingelassen", sagte Gülsens Vater. Einen Tag später meldeten er und seine Frau die junge, vierfache Mutter als vermisst. Mit Unterstützung von Angehörigen entwarfen sie Fahndungsplakate, die sie aufhängten und verteilten.
Fahrettin M., Gülsens Ehemann und Vater der vier Kinder, unternahm nichts. Der 34-Jährige, der laut Polizei keiner geregelten Arbeit nachgeht, vertrieb sich weiterhin die Zeit in der Wohnung der Familie im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf - ohne sich an der Suchaktion zu beteiligen. Seine Mutter unterstützte ihn bei der Versorgung der drei schulpflichtigen Söhne Tayfun, Turan und Tufan im Alter von sieben bis neun Jahren und der acht Monate alten Tochter Tijen.
Fahrettin M. geriet schnell in Verdacht.
Am 8. Juli durchsuchten Beamte mit Spürhunden die Wohnung der Familie in der obersten Etage eines achtstöckigen Mehrfamilienhauses. Im Kofferraum des Ford Mondeo, mit dem Gülsen M. meist unterwegs war, entdeckten sie eine Spitzhacke und mehrere nagelneue Schaufeln. Die Ermittler wurden misstrauisch, da die Familie keinen Garten besitzt. Für einen Haftbefehl gegen Fahrettin M. habe der Fund jedoch damals nicht ausgereicht, sagte ein Polizeisprecher. "Zumal es sonst keine Anhaltspunkte für einen Tatverdacht gab. Es war klar, dass der Leichenfund die Ermittlungen vorantreiben würde."
"Sie wollte endlich ein Leben ohne Gewalt führen"
Einen Tag nach dem Fund des Müllsacks nahm die Polizei den Türken dann in seiner Wohnung am Dannenwalder Weg fest, bevor seine Söhne von der Schule nach Hause kamen. Anfangs soll Fahrettin M. noch versucht haben, sich herauszureden. Zum Tatvorwurf selbst habe er sich bislang nicht geäußert, sagte Staatsanwalt Steltner.
Gegen Fahrettin M. erging Haftbefehl wegen Totschlags. Gülsens Leichnam weise mehrere Messerstiche auf, sagte Steltner. Tödlich seien vermutlich Stiche gegen den Hals gewesen. Frühere Angaben, der Leichnam sei zerstückelt gewesen, bestätigten sich nicht. "Zu weiteren Details wollen wir keine Angaben machen, weil es dabei eindeutig um Täterwissen geht."
Dass sich Gülsen M. von ihrem rabiaten Ehemann trennen wollte, wollte die Staatsanwaltschaft zunächst nicht bestätigen. Nur, dass Fahrettin M. wegen Körperverletzungsdelikten und anderer Delikte wie beispielsweise Trunkenheit am Steuer polizeibekannt sei.
"Sie hatte die Scheidung eingereicht, wollte endlich ein Leben ohne Gewalt führen", sagte eine Cousine. "Aber die Angst vor ihrem Mann blieb, der ist unberechenbar." Anderen Verwandten zufolge soll Fahrettin M. seine Ehefrau immer wieder misshandelt und sie auch während der Schwangerschaften geschlagen und erniedrigt haben. Gülsen M. habe es "ihrer Kinder zuliebe" mit stoischer Geduld ertragen, sich selten gewehrt, um ihren Ehemann nicht noch mehr zu provozieren.
"Die Kinder wurden Zeugen seiner Gewaltausbrüche, versuchten oft, ihrer Mutter zu helfen", sagte ein Nachbar. Fahrettin M. habe sich regelmäßig an der jungen Frau "regelrecht abreagiert". Einmal habe er sie weinend neben dem Kinderwagen sitzen sehen. "Sie wirkte verzweifelt und gleichzeitig stark. Sie suchte nach einem Weg, aus dieser Ehehölle zu fliehen und gleichzeitig, ihre Kinder zu schützen."
Am Dienstagabend kam Gülsens Familie zusammen, um nach türkischer Tradition um die junge Frau zu trauern. "Wir sind fassungslos", sagte ein Cousin. "Für unseren Schmerz gibt es keine Worte. Nur wer selbst auf diese Art und Weise einen Angehörigen verloren hat, kann nachvollziehen, wie es in uns aussieht."